Was war das für ein Drama. Eines um sechs, beziehungsweise vier Sekunden. 59:54 hatte die Matchuhr beim letzten Spiel der Saison 2015/16 zwischen dem TV Endingen und dem HSC Suhr Aarau angezeigt. 29:29 lautete zu diesem Zeitpunkt der Spielstand – der HSC wäre mit diesem Punktgewinn in die NLA aufgestiegen, der TVE hätte in die Barrage gehen müssen.

Was in den Tagen und Wochen nach dem Derby folgte, ist bekannt: Es kam zum Streit um die vier «verloren» gegangenen Sekunden, zu einem sportjuristischen Hin und Her, das schliesslich Mitte Mai 2016 in einem Wiederholungsspiel gipfelte. Im zweiten Anlauf gewann Suhr Aarau die Partie mit 30:26 und stieg in die NLA auf – das wäre auch schon nach dem annullierten Derby, dem ersten Anlauf, der Fall gewesen.

Achterbahnfahrt der Gefühle

Was für eine Achterbahnfahrt der Gefühle. «Die Freude, als wir den Aufstieg geschafft haben, war riesig. Wir haben ausgiebig gefeiert. Doch dann kam plötzlich der Rekurs», erinnert sich HSC-Captain Patrick Romann. Zu Beginn nimmt man den Endinger Vorstoss mit einem Schulterzucken hin. «Doch dann wurde es immer ernster», sagt der 23-Jährige. Als die Anordnung einer Wiederholung der Partie immer wahrscheinlicher wurde, nahm Suhr Aarau das Training wieder auf und beorderte die Ausländer zurück aus ihren Ferien.

Patrick Romann: «Die Freude war riesig»

Patrick Romann: «Die Freude war riesig»

«Das war schon eine ganz spezielle Situation. So etwas habe ich zuvor noch nie erlebt. Natürlich waren wir da zwischendurch auch mal wütend auf den Gegner», sagt Romann. Er sieht aber auch das Positive an der damaligen Situation: «Wir haben uns zusammengerauft, und das hat uns schliesslich als Team stärker gemacht.»

 Das Chaos noch präsent

Auch Endingens Captain Christian Riechsteiner ist das Chaos von damals noch sehr präsent: «Das war schon sehr speziell. Zuerst diese riesige Leere nach der Niederlage, dann die Hoffnung im Wiederholungsspiel, wo Suhr Aarau uns aber keine Chance gelassen hat», sagt der 27-Jährige. «Für mich ist die neuerliche Auflage des Derbys deshalb eine Revanche für die erste Partie. Da fehlte uns nur ein Tor und wir wären aufgestiegen.»

Endingens Captain Christian Riechsteiner (l.) : «Uns fehlte nur ein Tor»

Endingens Captain Christian Riechsteiner (l.) : «Uns fehlte nur ein Tor»

Nach der Niederlage im Wiederholungsspiel musste der TV Endingen 2016 in die Barrage. Dort verpassten die Surbtaler den Aufstieg gegen Fortitudo Gossau mit einem einzigen Tor Unterschied. Aber das alles ist mit dem Endinger Aufstieg auf diese Saison hin Geschichte. Nun gibt es das Derby wieder, erstmals nach 1970 Tagen treffen die beiden Mannschaften wieder in der höchsten Schweizer Spielklasse aufeinander. Und die Vorfreude ist gross: «Derbys sind alles! Wir haben Glück, dass wir trotz des neuen Modus in der Hauptrunde zwei Aargauer Derbys spielen dürfen», sagt Riechsteiner, der darauf hinweist, dass beispielsweise Wacker Thun und der BSV Bern Muri in der ersten Saisonphase nur einen Vergleich bestreiten werden.

Man darf sich freuen

Riechsteiner erwartet aufgrund der jüngsten Derby-Geschichte keine Animositäten auf der Platte: «Wir Spieler haben deswegen keine Probleme untereinander. Wie das auf Ebene Klubführung aussieht, kann ich nicht sagen.» Romann sieht das ähnlich: «Ich mache niemandem einen Vorwurf. Natürlich war das Unverständnis im ersten Moment gross, aber der Rekurs war ja nicht zu Unrecht eingelegt worden.»

Der Handball-Kanton darf sich auf jeden Fall freuen: Das Aargauer Derby ist zurück in der NLA. Der HSC Suhr Aarau hat seine Favoritenrolle mit dem 20:20-Achtungserfolg gegen Vize-Schweizer-Meister Pfadi Winterthur zum Saisonauftakt am Mittwoch noch unterstrichen. Derweil musste der TV Endingen beim 25:33 auswärts gegen den BSV Bern Muri ein erstes Mal Lehrgeld als Aufsteiger bezahlen.

Patrick Romann, warum gewinnt der HSC Suhr Aarau das erste Aargauer Derby seit dem Aufstiegsdrama von 2016?

Patrick Romann: Weil wir auch den letzten Vergleich gewonnen haben (das Wiederholungsspiel, Anm. d. Red.). Wir waren die letzten Jahre immer eine Nasenspitze voraus. Auf diese Saison haben wir uns zudem gehörig verstärkt.

Wie gross ist die Vorfreude auf den Vergleich mit dem Kantonsrivalen?
Das ist immer eine ganz spezielle Vorfreude. Der ganze Kanton Aargau wird dann in der Halle anwesend sein. Man will zeigen, dass man der Beste im Kanton ist. Da ist das Derby schon Wochen zuvor im Hinterkopf und es kribbelt.

Patrick Romann ist der Captain des HSC

Patrick Romann ist der Captain des HSC

Stachelt der TV Endingen als neuer Konkurrent in der NLA den HSC weiter an?
Unser Ziel ist es, jedes Spiel zu gewinnen. Unabhängig davon, ob Endingen nun in der NLA oder der NLB spielt. Aber klar: Das Derby lässt den Handballsport im Aargau wieder so richtig aufleben.

Wo hat der HSC Suhr Aarau seine Stärken?
Bei uns weiss jeder genau, was seine Aufgabe ist. Und er hält sich daran. Wenn uns das gelingt, geht der Plan auch auf. Dessen ist sich jeder Einzelne bewusst.

Wo hat der HSC Suhr Aarau seine Schwächen?
Es ist sicher speziell, dass wir auf diese Saison hin einen grossen Umbruch hatten. Wir sind noch nicht so eingespielt wie sonst. Wir haben aber intensiv daran gearbeitet und wenn wir das umsetzen, was wir wollen, dann können wir diese Schwäche in eine Stärke verwandeln.

Wo hat der TV Endingen seine Stärken?
Ich sehe ihre Chancen darin, dass das Derby ein Spiel ist, in dem jeder Vollgas gibt. Sie sind gegen uns doppelt motiviert. Das war schon in den vergangenen Jahren immer so – und es wird auch diesmal so sein.

Wo hat der TV Endingen seine Schwächen?
Da muss ich mich enthalten (lacht). Wir waren ihnen immer einen Schritt voraus. Vielleicht hat sich das mittlerweile in ihre Köpfe eingebrannt.

Mit wem vom TV Endingen würden Sie gerne ein Bier trinken?
Im vergangenen Jahr wäre es Dario Ferrante gewesen. Jetzt mit Armin Sarac. Er ist ein ehemaliger Teamkollege und es wäre nicht unser erstes gemeinsames Bier.

Welcher Aargauer NLA-Klub beendet die Saison besser?
Wenn ich nicht HSC sagen würde, wäre ich wohl fehl am Platz. Dann müsste ich gar nicht auf die Platte. Wir haben ein klares Konzept, wissen, was wir können und was wir wollen. Wir haben in der vergangenen Saison etwas aufgebaut, das gilt es nun zu bestätigen.

Christian Riechsteiner, warum gewinnt der TV Endingen das erste Aargauer Derby seit dem Aufstiegsdrama von 2016?

Christian Riechsteiner: Wir können zu Hause als Underdog in diese Partie gehen. Der HSC Suhr Aarau ist nach seiner starken Saison im vergangenen Jahr unter Druck. Wir können frei aufspielen und werden alles geben, dieses erste NLA-Derby seit langer Zeit wieder zu gewinnen.

Wie gross ist die Vorfreude auf den Vergleich mit dem Kantonsrivalen?
Die Halle wird voll sein. Darauf kann man sich freuen. Es ist unser erstes Heimspiel seit dem Aufstieg. Das sagt schon alles. Das wird sicher ein geiles Spiel. Die Region brennt darauf, dass die Handball-Saison endlich wieder läuft.

Dient das Abschneiden des HSC Suhr Aarau in der vergangenen Saison als Vorbild?
Der HSC wurde in der vergangenen Saison häufig als Underdog angesehen und sicher auch teilweise unterschätzt. Dass das auch bei uns eintrifft, kann gut sein. Wenn wir unterschätzt werden, müssen wir das dann auch gnadenlos ausnützen. Es ist nur wahrscheinlich, dass wir auch einmal so richtig auf den Deckel kriegen werden, aber das darf uns nicht aus der Bahn werfen. Wir werden dem HSC aber keine spezifischen Dinge abschauen.

Endingens Captain Christian Riechsteiner

Endingens Captain Christian Riechsteiner

Wo hat der TV Endingen seine Stärken?
Die ersten acht, neun Spieler spielen seit Jahren zusammen. Wir kennen uns in- und auswendig. Wir haben schon so viel zusammen erlebt und durchgemacht. Wir haben noch nie als Einzelspieler gewonnen, sondern immer als Team.

Wo hat der TV Endingen seine Schwächen?
Wir haben kein sehr breites Kader. Zu viele Verletzungen dürfen wir uns nicht einhandeln, Ausfälle können wir nicht ganz so einfach auffangen. Aber Stand jetzt sieht das gut aus, alle sind fit.

Wo hat der HSC Suhr Aarau seine Stärken?
Sie haben ein eingespieltes Team. Ein breites Kader. Sie sind fast auf jeder Position doppelt gut besetzt.

Wo hat der HSC Suhr Aarau seine Schwächen?
Eine schwierige Frage. Vielleicht unterschätzen sie uns ja, wobei ich mir das nicht vorstellen kann. Das Derby will jeder immer gewinnen, da macht man nicht den Fehler, den Gegner zu unterschätzen.

Mit wem vom HSC Suhr Aarau würden Sie gerne ein Bier trinken?
Mit Dario Ferrante natürlich. Er war schliesslich bis zum Ablauf der vergangenen Saison noch bei uns. Aber eigentlich ist es einfach: Man kann problemlos mit jedem HSCler ein Bier trinken.

Welcher Aargauer NLA-Klub beendet die Saison besser?
Ganz einfach: Das sind wir, weil wir über das bessere Teamgefüge verfügen