Es ist einmal mehr ein herrlicher Vormittag im beschaulichen Freiamt. Die Profis des FC Wohlen stärken sich nach einem ersten Training – mit Beginn morgens um 7.30 Uhr – im Restaurant des Stadions Niedermatten. Ein währschaftes Zmorge steht auf den Tischen.

Nach 20 Minuten hat Kevin Pezzoni im Kreise seiner neuen Kollegen genug gegessen. Der 25-jährige Deutsche tritt aus dem Bau hinaus und blinzelt sichtlich gut gelaunt in die Morgensonne.

Mit einem herzhaften Händedruck begrüsst der 1,93 Meter grosse und knapp 80 Kilogramm schwere Mittelfeldspieler den Chronisten. «Guten Tag, ich bin der Kevin. Eine wunderbare Anlage habt Ihr hier in Wohlen.»

Pezzoni ist ein weiteres Puzzleteilchen im «System Sforza». Der Wohler Coach formt sich seine Wunschmannschaft und hat nun auch noch einen gross gewachsenen, defensiven Mann mit Vergangenheit in der 1. und 2. Deutschen Bundesliga
(1. FC Köln, Aue) geholt.

Pezzoni ist nur schon aufgrund seiner Grösse für die Position als Innenverteidiger prädestiniert. Seine bevorzugte Position ist nach eigener Aussage jedoch jene des «Sechsers» im defensiven Mittelfeld.

«Tolle Typen, ein guter Trainer»

Auch wenn Pezzoni bis gestern Abend in Wohlen noch nicht unterschrieben hat, der frühere deutsche Nachwuchs-Internationale geht davon aus, dass er die Saison 2014/15 für die Freiämter bestreiten wird.

Eine Wohnung am Sorenbühlweg unweit des Stadions wurde ihm vom Verein jedenfalls bereits zur Verfügung gestellt. «Ein spielerisch starkes Team mit tollen Typen und einem sehr guten Trainer, mir gefällt es hier ausgezeichnet. Ich bin von allen sehr gut aufgenommen worden.»

Er habe auf sein Bauchgefühl gehört, als er Wohlen als nächste Station in seiner ins Stocken geratenen Karriere aussuchte.

Vor zwei Jahren war Pezzonis Gemütslage nicht ganz dieselbe gewesen. Der damalige Profi des sportlich serbelnden 1. FC Köln wurde im Internet von Vereinsanhängern aufs Übelste beschimpft («Erschiesst ihn, brecht ihm die Beine!»), im Stadion angepöbelt und vor seiner Wohnung bedroht.

Der Tiefpunkt der Hetze: Im Februar 2012 schlug ihm bei einer Karnevalsparty einer die Faust ins Gesicht, Pezzoni musste wegen eines Nasenbeinbruchs operiert werden. Ende August 2012 war das Mass der Attacken dann voll. In einer legendären Pressekonferenz gab der damalige FCK-Trainer Holger Stanislawski bekannt, dass Pezzoni den Vertrag mit den «Geissböcken» aufgelöst hatte.

Pezzoni konterte damals: «Ich wollte nie meinen Vertrag auflösen. Der Vorschlag wurde vom Verein an mich herangetragen.» Für ihn habe es gewirkt, als ob man auf eine günstige Gelegenheit gewartet habe, ihn loszuwerden. Das Gezänk nach Pezzonis Abgang dauerte noch eine ganze Weile an.

Der FC Wohlen als Sprungbrett

Nach seiner Zeit in Köln spielte der gebürtige Frankfurter Pezzoni für Erzgebirge Aue und Drittligist Saarbrücken. Dass sein Wechsel nach Wohlen zum Zweitletzten der vergangenen Challenge-League-Saison ein sportlicher und finanzieller Rückschritt ist, scheint den jungen Mann augenscheinlich nicht zu stören.

«Ich plane hier in der Schweiz einen Neustart. In Deutschland hatten die Klubs nach den Vorfällen in Köln Angst, mich zu verpflichten.» Der FCW also als Sprungbrett für eine Zukunft in der Super League? «Natürlich möchte ich dereinst wieder in der höchsten Liga spielen», so Pezzoni.

Zuerst jedoch will er mit den Freiämtern nach eigener Aussage «in der neuen Saison die Grossen ein wenig ärgern».