Ottmar Hitzfeld gibt sich die Ehre. Der frischgebackene Champions-League-Sieger mit Bayern München trägt ein T-Shirt, Shorts, Flip-Flops und eine Sonnenbrille. Er sucht sich einen Liegestuhl im Schatten, macht es sich bequem, schaut mich an und sagt: «Los geht’s, Ruedi. Was willst Du wissen.»

Hitzfeld und ich sitzen am Pool eines Luxushotels auf Mallorca. Zwei Wochen nach dem Triumph mit den Bayern in der Champions League macht der Lörracher einen entspannten Eindruck. Er hat allen Grund, mit sich und der Welt zufrieden zu sein: Der Gewinn der Königsklasse mit den Münchnern ist das Sahnehäubchen auf seiner erfolgreichen Karriere.

Für mich ist das Treffen mit Hitzfeld Anfang Juni 2001 kein Termin wie jeder andere. Das Interview mit ihm ist eine Herausforderung. Er ist kein Mann der kecken Sprüche. Im Gegenteil. Spricht Hitzfeld mit Journalisten, so legt er jedes Wort auf die Goldwaage. Seine Privatsphäre ist ihm heilig. Kommt hinzu, dass ich auch noch ein cooles Bild brauche. Hitzfeld in Shorts und mit Sonnenbrille auf dem Liegestuhl! Das wäre ein Sujet!

Der Zufall hilft mir. Das Handy von Hitzfeld klingelt. Das Gespräch dauert und dauert. Ich lege meine Hemmungen ab und zücke den Fotoapparat. Fünf Bilder im Hochformat, fünf Bilder im Querformat! Aber sind sie auch scharf? Zur Sicherheit drücke ich noch ein paar Mal ab.

Das Telefonat ist beendet, Hitzfeld setzt sich wieder neben mich. Er blickt mich mit ernster Miene an und sagt: «Ruedi, glaube nicht, ich habe es nicht bemerkt. Das Bild darfst du ein einziges Mal für dieses Interview verwenden. Wenn ich das Bild je in einer deutschen Zeitung erblicke, haben wir ein Problem.» Trainergott Ottmar Hitzfeld in der Badehose – ich hätte mit dem Bild ein kleines Vermögen verdienen können. Aber ich werde mich trotz zahlreicher lukrativer Angebote an Ottmars Direktive halten.

Als die Angelegenheit mit dem Bild geklärt ist, plaudern wir zwei Stunden über Fussball, Gott und die Welt. Wir schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen und lassen den 27. Mai 1985 hochleben. Das Datum des einzigen Cup-Siegs des FC Aarau.

Aber wir reden auch über ernste Themen: Für seine sportlichen Triumphe zahlte Hitzfeld einen hohen Preis. Ein Darm-Durchbruch Mitte der 1990er-Jahre leitete eine schwierige Phase mit gesundheitlichen Problemen ein, 2004 erlitt er gar ein Burnout und verzichtete deshalb auf den Job des deutschen Nationaltrainers. Gegen Ende des Interviews habe ich einen Gedankenblitz. «Ottmar», will ich wissen, «ich habe immer das Gefühl, dass Du einen Heiligenschein auf dem Kopf trägst. Gibt es wirklich keinen dunklen Fleck in Deinem Leben?» «Nein», sagt er mit entschlossenem Gesichtsausdruck. Fünf Monate später wird bekannt, dass er seine Ehefrau Beatrix jahrelang mit der Brasilianerin Rosi S. betrogen hat.