Kunstturnen
Mit dem Tunnelblick nach Baku: So hat sich Diacci wieder aufgerafft

In den letzten Jahren war das Glück wahrlich kein treuer Begleiter von Jessica Diacci. Treffender wäre es wohl, die letzten drei Jahre in der Karriere der 21-Jährigen als eine Aneinanderreihung von kleineren und grösseren Rückschlägen zu bezeichnen.

Fabio Baranzini
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Jessica Diacci hat die Rückschläge der Vergangenheit weggesteckt und blickt mit Freude in die Zukunft.Fabio Baranzini

Jessica Diacci hat die Rückschläge der Vergangenheit weggesteckt und blickt mit Freude in die Zukunft.Fabio Baranzini

Fabio Baranzini

Fünf verschiedene Verletzungen bremsten die Karriere der 21-Jährigen und verhinderten ein kontinuierliches Training. Doch der negative Höhepunkt folgte im letzten Herbst: Diacci wurde vom Verband als Starterin für die WM im chinesischen Nanning präsentiert, allerdings nur, um einen Tag später aus dem Aufgebot gestrichen zu werden.

Sie sei aufgrund der Folgen eines Sturzes im Training eine Belastung für das Team, so die Begründung des Verbandes. Ein weiterer Rückschlag.

Einen Schlussstrich gezogen

Manch andere Sportlerin hätte den Bettel hingeworfen oder zumindest über einen Rücktritt nachgedacht. Nicht aber Jessica Diacci. Ihre Leidenschaft für das Kunstturnen sei nach wie vor ungebrochen und ihre Familie sorge für den nötigen Rückhalt, erklärt sie.

«Nachdem ich an der WM nicht dabei sein konnte, zog ich einen Schlussstrich. Ich befasste mich nicht mehr mit dem, was passiert war. Ich sprach auch mit niemandem mehr darüber, sondern blickte nur nach vorne. Ich wagte einen Neuanfang», so Diacci.

Die Schwebebalken-Spezialistin begann, mit einem Mentaltrainer zu arbeiten. Dessen Tipps setzte sie im Training und in der Wettkampfvorbereitung um.

Seit Beginn dieses Jahres geht es bergauf. Diacci blieb von Verletzungen verschont und konnte sich wunschgemäss auf ihre Wettkämpfe vorbereiten. So kam auch der Erfolg zurück.

Jessica Diacci qualifizierte sich für die EM in Montpellier, wo sie erstmals in ihrer Karriere den Mehrkampffinal bei der Elite erreichte. «Nach diesem Erfolg war ich extrem erleichtert und fühlte mich bestätigt, auf dem richtigen Weg zu sein. Hätte es wieder nicht geklappt, hätte ich mich langsam, aber sicher fragen müssen, ob sich der ganze Aufwand lohnt», erklärt Diacci.

Vorfreude trotz Prüfungsstress
Jetzt aber will die Aargauerin richtig loslegen. «Ich habe in meinen Übungen, die ich an der EM gezeigt habe, noch viel Luft nach oben. Im Training turne ich bereits wieder schwierigere Elemente, die ich unbedingt auch im Wettkampf zeigen möchte.»

Dank den guten Auftritten an der EM hat sich Jessica Diacci als eine von drei Schweizer Kunstturnerinnen für die erstmals stattfindenden European Games in Baku qualifiziert. Ein weiteres Zeichen dafür, dass ihre Karriere wieder Fahrt aufnimmt.

Was genau sie in Baku erwartet und wie stark die Konkurrenz sein wird, weiss die 21-Jährige nicht. Da sie während der Vorbereitung auch noch im Schulstress war, weil in der Woche vor den European Games die Abschlussprüfungen der Wirtschaftsmittelschule anstanden, nennt sie keinen Rang als Ziel. «Ich möchte die Qualität meiner Übungen im Vergleich zur EM verbessern und sauberer turnen. Vielleicht werde ich auch das eine oder andere neue Element einbauen», sagt sie.

Nur 18 sind im Final

Ob es für Jessica Diacci, die am Sprung, am Barren, am Boden und am Schwebebalken antreten wird, wie an der EM für einen Final reicht, ist nur schwer abzuschätzen.

Klar ist, dass sich nur 18 statt wie üblich 24 Turnerinnen für den Mehrkampffinal qualifizieren und gar nur sechs statt acht für den Gerätefinal. Erschwerend kommt hinzu, dass in jedem Gerätefinal nur eine Athletin pro Nation antreten darf.

Da die Schweiz mit Giulia Steingruber über eine absolute Spitzenturnerin verfügt, wird es für die junge Aargauerin also gleich doppelt schwierig, sich für einen Final zu qualifizieren.

Darüber zerbricht sich Jessica Diacci aber nicht den Kopf. Bei ihr überwiegt die Vorfreude, an diesem Grossanlass dabei zu sein. «Ich finde es super, dass an den European Games auch Athleten aus anderen Sportarten dabei sind. Das wird sicher eine tolle Erfahrung und vielleicht kann ich auch noch den einen oder anderen Wettkampf ausserhalb des Kunstturnens verfolgen.»