Eklat im Regionalfussball

«Missgeburt, Nichtskönner, Idiot»: Wettingen-Präsident soll Schiri übelst beleidigt haben

Wettingen-Präsident Pierluigi Ghitti soll auf der Tribüne getobt haben.

Wettingen-Präsident Pierluigi Ghitti soll auf der Tribüne getobt haben.

Hat Pierluigi Ghitti während des 2.-Liga-Spiels Wettingen – Oftringen (4:5) am 26. September im Stadion Altenburg die Nerven verloren? Ist der Präsident des FC Wettingen ausgerastet und hat Schiedsrichter Imo Karabacak als Idioten, Nichtskönner und Missgeburt bezeichnet?

Stimmen die Vorwürfe Karabacaks an die Adresse von Ghitti? Ist der Schuldspruch des Aargauischen Fussballverbandes (AFV) mit vier Spielsperren, einer Busse von 410 Franken und dem Abzug von zwölf Strafpunkten im Fairness-Klassement gegen Ghitti gerechtfertigt? Ghitti fühlt sich verschaukelt, streitet die happigen Vorwürfe ab, hat einen Anwalt eingeschaltet und droht Karabacak mit einer Zivilklage, wenn er die Vorwürfe nicht zurücknimmt.

Tore, Platzverweise, Penalties, Wortgefechte

Der Reihe nach: FC Wettingen – FC Oftringen war ein turbulentes Spiel mit neun Toren, einem umstrittenen Platzverweis, heissen Penaltyszenen, hitzigen Wortgefechten, Beschimpfungen und Beleidigungen. Eine Szene nach 62 Minuten erhitzte die Gemüter der Zuschauer auf der Haupttribüne im Stadion Altenburg besonders: Nach einem Techtelmechtel zweier Spieler geriet Karabacak erst in den Fokus, dann ins Kreuzfeuer der Kritik. Nachdem der Schiedsrichter von seinem Assistenten Simon Ramp auf eine Tätlichkeit hingewiesen wurde, stellte er einen Spieler des FC Wettingen vom Platz.

Weil Karabacak die rote Karte einem Spieler zeigte, der nichts mit der folgenschweren Szene zu tun hatte, kam er auf seinen Entscheid zurück. Nach erneuter Kontaktaufnahme mit Assistent Ramp verwies er im zweiten Anlauf den «richtigen» Spieler des Feldes. Die unübersichtliche Situation brachte Ghitti in Rage. Umso mehr, als dass Ghitti und Ramp nicht gut aufeinander zu sprechen sind. Der 22-jährige Ramp pfiff von 2015 bis 2019 für den FC Wettingen und wechselte nach Unstimmigkeiten mit dem Präsidenten den Verein und ist seit einem Jahr Mitglied des FC Niederwil.

«Solche Worte gehören nicht zu meinem Wortschatz»

«Natürlich nervte mich die Szene, die zum Platzverweis von unserem Spieler geführt hat», blickt Ghitti zurück. «Ich war während 25 Jahren selbst Schiedsrichter und habe bemerkt, dass Karabacak völlig die Übersicht verloren hat. Ich habe dem Schiri zugerufen, ob er eigentlich alle Spieler vom Platz stellen wolle, bis er den Richtigen gefunden habe. Danach bin ich aufgestanden, habe die Tribüne verlassen und bin in Richtung gegnerisches Tor gelaufen. Aber eines muss ich in aller Deutlichkeit festhalten», fügt er hinzu, «ich habe den Schiedsrichter nicht beschimpft. Karabacak wirft mir vor, ihn mit Kraftausdrücken wie Missgeburt und Idiot beschimpft zu haben. Das ist einfach nicht wahr. Solche Worte gehören nicht zu meinem Wortschatz.»

Schiedsrichter Karabacak bleibt bei seiner Aussage

Ghitti will die schweren Vorwürfe nach eigener Aussage nicht auf sich sitzen lassen. Er hat einen Anwalt eingeschaltet und droht Karabacak mit einer Zivilklage, wenn er bei seiner Behauptung bleibt. Karabacak selbst schrieb in seinem Schiedsrichter-Rapport von beleidigenden Äusserungen Ghittis gegenüber dem Schiri-Trio und dem Gegner: «Es kann nicht sein, dass Ghitti während 90 Minuten verbale Attacken wie Idiot und Missgeburt gegen das Schiedsrichter-Trio und die Gegenspieler rauslässt. Ghitti wurde auf dem Mannschaftsblatt als Betreuer aufgelistet, versteckte sich aber unter den Zuschauern, um diese Beleidigungen auszusprechen.» Der 38-jährige Karabacak, der seit 20 Jahren als Schiedsrichter tätig ist und sich während dieser Zeitspanne einen Namen gemacht hat, hält an seinen Behauptungen fest und sagt im Gespräch mit «Schweiz am Wochenende»: «Ich habe nichts Falsches gemacht, denn ich kenne die Stimme von Ghitti genau. Sie ist unverkennbar. Im Endeffekt rapportierte ich nur das, was ich gehört und gesehen habe.»

Wer bringt Licht ins Dunkel?

Das Fazit der Geschichte ist ein trauriges: Einerseits gibt es nur Verlierer, anderseits ist es schwierig, Licht ins Dunkel zu bringen. Die Frage, ob Ghitti ein Bösewicht oder ein Unschuldslamm ist, kann nicht beantwortet werden. Klar ist, dass er in seinem Stolz verletzt ist. «Ich verlange von den Schiedsrichtern und den Assistenten Fairness und Gerechtigkeit», sagt er. «Solange ich diese nicht bekomme, muss ich mich zur Wehr setzen. Ich habe beschlossen, mich als Sponsor des Aargauischen Schiedsrichter-Verbandes zurückziehen.» Um seine Unschuld zu beweisen, hat der Präsident des FC Wettingen sogar zwei Zeugen aus seinem Umfeld aufgeboten.

Und Karabacak? Er hat nach eigener Aussage das getan, was er in seiner Funktion als Schiedsrichter tun muss und kann nicht verstehen, dass seine Autorität in Frage gestellt wird. «Ich kann das Hin und Her in diesem Fall nicht nachvollziehen», erklärt er. «Ich bin seit zwei Jahrzehnten Schiedsrichter, habe alle Spiele mit gutem Wissen und Gewissen geleitet und war immer neutral. Selbstverständlich war das auch beim Spiel zwischen dem FC Wettingen und Oftringen so.»

Autor

Ruedi Kuhn

Ruedi Kuhn

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