Pünktlich wie man es von einem Radrennfahrer erwarten kann, erscheint Silvan Dillier an unserem Treffpunkt vor dem Volg am Schneisinger Dorfeingang. Er ist im Renndress gekleidet, der Sonnenschein der letzten Tage hat seine Arme und Beine satt gebräunt.

Dillier-Hype in Schneisingen

Dillier-Hype in Schneisingen

Ein Dorf im Ausnahmezustand – in Schneisingen ist der Hype um Lokalheld Silvan Dillier gross. So gross, dass der Reporter mit Zetteln aushelfen muss, als Dillier an seiner alten Primarschule Autogramme gibt.

In dieser Woche finden im Zurzibieter Dorf die Rad-Schweizer-Meisterschaften statt. Silvan Dillier ist hier allgegenwärtig. Sei es auf Plakaten, an Hausfassaden oder auf Asphalt-Sprayereien. Dass die nationalen Titelkämpfe in Schneisingen durchgeführt werden, ist nicht zuletzt das Verdienst Dilliers. Mit seinen Erfolgen am Giro d’Italia (Etappensieg), dem Schweizer-Meister-Titel im vergangenen Jahr und dem zweiten Rang bei Paris-Roubaix löste Dillier in der Gemeinde eine regelrechte Rad-Euphorie aus. Der ansässige Velo-Club, in dem der 27-Jährige ebenfalls Mitglied ist, wollte mit der Durchführung des Events die Erfolge ihres bekanntesten Bürgers würdigen. Grund genug, einen Streifzug mit dem Lokalhelden durch sein Schneisingen zu machen.

Im Elternhaus wohnen neben Silvan Dilliers Eltern auch seine Tante und Grossmutter.

Im Elternhaus wohnen neben Silvan Dilliers Eltern auch seine Tante und Grossmutter.

«Lass uns als Erstes zur Landi gehen», sagt Dillier und fährt im Schritttempo auf seinem Rennrad. Seit vielen Jahren führt sein Vater Karl den Laden, davor war sein Grossvater Geschäftsführer. Ob er nie im Sinn gehabt habe, eines Tages die Familientradition fortzuführen? Dillier schmunzelt: «Nein, vom Gewerbe verstehe ich selber nicht viel.» Als kleiner Bub habe er aber jeweils im Geschäft mitgeholfen, um sein Sackgeld mit Putzarbeiten und dem Einräumen von Regalen aufzubessern. «Auch wenn die Arbeit nicht immer Spass gemacht hat, habe ich dadurch gelernt, wie man richtig Ordnung hält», sagt Dillier, bevor er sich an der Kasse herzlich von Papa Karl und Oma Marie-Louise verabschiedet.

Bei Dilliers herrschte Hochbetrieb

2013 zog Silvan Dillier mit seiner damaligen Freundin und heutigen Ehefrau Cornelia ins benachbarte Ehrendingen. Mit seinen Eltern verbinde ihn nach wie vor viel: «So oft wie möglich schaue ich auf einen Kaffee vorbei», erzählt Dillier, als wir vor dem Mehrfamilienhaus stehen, in dem er seine Jugend verbracht hat. Hier, in der obersten Wohnung, ist er zusammen mit seinen zwei jüngeren Geschwistern aufgewachsen. «Mittlerweile sind nur noch meine Schwester und meine Eltern hier.» Doch auch der Rest des Hauses ist fest in der Hand der Familie Dillier: Im mittleren Stockwerk wohnt Silvans Tante, im unteren Stockwerk seine Grossmutter. Auch deswegen blicke er gerne zurück. «Meine Tante hat zwei Söhne, die etwa in meinem Alter sind. Da herrschte im und ums Haus natürlich Hochbetrieb.»

Grossandrang: An Silvan Dilliers ehemaliger Schule schreibt er geduldig Autogramme.

Grossandrang: An Silvan Dilliers ehemaliger Schule schreibt er geduldig Autogramme.

Wir machen uns wieder auf den Weg und begegnen einigen Schneisingern – alle grüssen sie den Lokalmatadoren, viele haben ein Strahlen im Gesicht, als sie ihn sehen. Dillier weiss um seine Bekanntheit im Dorf. «Die meisten kennen mich aber von klein auf und nicht erst, seit ich mit Radfahren Erfolg habe», betont er. Nur wenige hundert Meter von seinem Elternhaus entfernt machen wir Halt bei der Schulanlage Aemmert, wo Silvan Dillier in die Primarschule ging. Natürlich sei Sport damals sein Lieblingsfach gewesen, daneben hätten ihn besonders Naturkunde und Biologie interessiert. «Mit Sprachen hatte ich es nicht so», sagt er und lacht.

Von jungen Fans umzingelt

Auf dem Pausenplatz der Schule ist es still. Doch mit der Ruhe ist es schnell vorbei. Als eine Schulklasse auf Silvan Dillier aufmerksam wird, geht der Trubel los. Alle wollen sie eine Unterschrift ihres Idols. «Das ist das erste Mal, dass Silvan wieder hier in der Schule auftaucht», freut sich Klassenlehrerin Barbara Nohl. Geduldig erfüllt Dillier jeden Autogrammwunsch, signiert eifrig Schuhe, Kappen, T-Shirts und Handgelenke. Sogar ein eigenes Lied haben die Primarschüler ihrem Helden gewidmet und tragen es voller Inbrunst vor. Danach winken sie Dillier zum Abschied, Nohl gibt ihm ein «toi toi toi» für das sonntägliche Strassenrennen mit auf den Weg. Doch nicht nur für die Schweizer Meisterschaften dürfte sie ihm beide Daumen drücken: Nächste Woche wird Dillier erstmals an der Tour de France teilnehmen.

20 Kilometer in 4,5 Minuten: Flitzen Sie über die Strecke der Rad-Schweizermeisterschaften 2018

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Von Schneisingen nach Schneisingen im Eilzugtempo – inklusive der wichtigsten Streckenpunkte.

Auf dem Weg zurück wirkt der Radprofi sichtlich gerührt. Seine jungen Schneisinger Fans haben ihn beeindruckt. «Wenn dir ein Schüler erzählt, dass er diese Woche einen Vortrag über dich gemacht hat, ist das schon etwas sehr Spezielles.» Am Sonntag werden die kleinen und grossen Radsportanhänger im Dorf an der Strecke stehen. Sie werden jubeln – und hoffen, dass «ihr» Silvan seinen Titel aus dem Vorjahr verteidigt.