Ein Sieg, ein Unentschieden, eine Niederlage – auf dem Papier hat der FC Aarau einen Saisonstart hingelegt nach dem Motto: Mehr Durchschnitt geht nicht. Doch wer am Freitagabend das Spiel Aarau - GC im Stadion Brügglifeld oder am TV verfolgte, der kam zum Schluss: Die Leistung des FCA war gut genug für einen Sieg, mit dem Aarau punktgleich mit Lausanne als Tabellenführer in die neue Woche starten würde. Einen Zähler vor GC.

Warum aber liegen nun die Zürcher fünf Längen vor Aarau? Ein wichtiger Grund ist die 13. Minute, in der Schiedsrichter Urs Schnyder und sein Assistent dem FCA das 1:0 klauen. Im Abseits soll Torschütze Petar Misic gestanden sein – über diese merkwürdige Interpretation der Szene staunten sogar GC-Vertreter. Wie die danach – inklusive Nachspielzeit – noch über 80 Minuten dauernde Partie mit einer frühen FCA-Führung ausgegangen wäre, steht in den Sternen. Fakt aber ist: Wer in einem solch hochklassigen, phasenweise elektrisierenden Match das 1:0 erzielt, dessen Chancen auf den Sieg steigen massiv.

Aaraus Probleme bei stehenden Bällen

Doch der FC Aarau hat nicht nur wegen des Schiedsrichter-Blackouts verloren. Er hat Chancen vergeben. Und er hat zwei Tore kassiert, die nicht zwingend waren im Sinn von: nicht zu verteidigen. Praktisch identisch fielen das 0:1 und das 0:2: Eckball von der rechten Seite durch Pusic in die Mitte geschlagen, wo sich Basic (0:1) und Ben Khalifa (0:2) im Duell mit ihren Gegenspielern Thaler bzw. Thiesson behaupteten.

Zwei Gegentore nach Eckbällen? Da war doch was? Genau: Schon im Barrage-Rückspiel gegen Xamax kassierte der FCA die Gegentore zwei und drei nach einem Corner bzw. Freistoss von der Seite. Insgesamt waren es in der vergangenen Saison 16 Gegentore nach Standardsituationen.

Und nun, neue Saison hin oder her, kassiert der FCA gegen Aufstiegsfavorit GC wieder zwei Treffer nach Eckbällen, nachdem er am Wochenende zuvor gegen Kriens noch deren 15 (!) erfolgreich abgewehrt hat. Das fällt auf.

Ziel: Den Torhüter verwirren

Frage also an Patrick Rahmen: Warum ist Ihre Mannschaft gegen Topteams so anfällig auf Standard-Gegentore? Der FCA-Trainer antwortet: «Das sehe ich nicht so. Xamax war uns körperlich überlegen, mit ihren sechs grossgewachsenen Spielern hatten die Neuenburger Vorteile bei Standards, zumal sie die Bälle aus dem Lauf heraus aufs Tor geköpfelt haben. Gegen GC haben wir uns ganz einfach nicht gut angestellt in den Zweikämpfen, die Torschützen kamen fast aus dem Stand zum Abschluss. Da müssen wir uns verbessern, cleverer sein und uns in den Duellen mehr wehren. Es darf nicht sein, dass die GC-Spieler so einfach an den Ball kommen. Ansonsten war ich mit der Leistung sehr zufrieden, die Zuschauer hatten Freude an unserem Auftritt.»

Standardsituationen heissen so, weil sie in Spielen immer wieder vorkommen: Freistösse, Eckbälle oder Penaltys. Das Verhalten bei diesen ruhenden Bällen kann trainiert werden, während aus dem Spiel heraus die Faktoren Zufall und Instinkt viel grössere Rollen einnehmen. Gemäss Rahmen stehen beim FC Aarau Eckbälle und Freistösse jede Woche auf dem Trainingsplan.

Dass GC am Freitag die Eckbälle so nah vors FCA-Tor schlug, war neu, hatte aber einen Grund: Verwirrung stiften vor Aaraus 18-jährigem Goalie Nicholas Ammeter, für den die Klasse des Gegners und die Ambiance der 7650 Zuschauer Neuland waren. Beim 0:2 will Ammeter erst zum Ball, krebst dann zurück und ist bei Ben Khalifas Kopfball aus drei Metern schliesslich machtlos.

Zu wenig Speck am FCA-Kader?

Abgesehen von der Schwäche bei den Eckbällen hat das Spiel vor allem eines gezeigt: Die Mannschaft hat genug Qualität und Mentalität, um in der obersten Tabellenregion mitzumischen. Es stellt sich jedoch die Frage: Hat sie das auch noch Mitte und Ende der Saison? Dann, wenn Sperren und Verletzungen zu Ausfällen von wichtigen Spielern führen? GC und Lausanne haben mehr Speck am Kader, sprich sind breiter abgestützt. Die Beispiele Wil und Winterthur haben in der vergangenen Saison gezeigt, dass auf Dauer nur oben mitspielen kann, wer über die Stammformation hinaus überdurchschnittliche Spieler zur Verfügung hat.

Sportchef Sandro Burki würde das Kader gerne aufstocken, mit je einem gewichtigen Transfer in der Abwehr und in der Offensive. Doch der Verwaltungsrat sagt «Nein» – bis dato zumindest. Vor einem Jahr wurde nach dem Horror-Start (sechs Niederlagen am Stück) auf dem Transfermarkt mit Nicolas Bürgy, Stefan Maierhofer und Goran Karanovic nachgebessert. Wer weiss, vielleicht öffnet sich auch heuer wieder eine Schatulle, wenn die Bosse einsehen, dass der FC Aarau mit etwas mehr Qualität und Quantität zum heissen Anwärter auf den Aufstieg würde.