Es ist schon eine Weile her, aber rekonstruieren kann Marko Bicvic diesen Moment noch immer detailgetreu: Diesen Tag im Januar 2010, an dem ihm Basel-Trainer Thorsten Fink mitteilt, dass er mitkommen dürfe, ins Wintertrainingslager der ersten Mannschaft. Bicvic, damals in der U21 längst Leistungsträger, bekam sie endlich, die Chance bei den Profis. Ebenso die Gebrüder Granit und Taulant Xhaka sowie Janick Kamber. Die Hoffnungsvollsten im Basler Nachwuchs eben. Bicvic, eigentlich im Mittelfeld beheimatet, wird unter der Mittelmeer-Sonne von Fink gefördert – allerdings in der Verteidigung, weil dort im Gegensatz zum Zentrum Personalmangel herrscht. Der damals 18-Jährige aber fühlt sich in der Defensive nicht wohl. Bald wird das Projekt im gegenseitigen Einvernehmen sistiert. Der FC Basel kehrt zurück in die Schweiz und Bicvic in die U21. Er brilliert zwar auch im Folgejahr, die Aussichten auf einen Platz im Profiteam aber werden nicht besser. Auch, weil ein guter Kumpel gleichzeitig bei den Profis auf genau seiner Position glänzt. Sein Name: Granit Xhaka. «Ich derweil wurde immer vertröstet, deshalb habe ich irgendwann die Geduld verloren und suchte mir einen Klub», sagt Bicvic rückblickend. Mehr als sechs Jahre später sitzt er in einem Restaurant in Wohlen, wo er mittlerweile auch spielt. Realistisch scheint der FC Basel als Arbeitgeber längst nicht mehr. Aus ihm ist kein Xhaka geworden. Challenge League statt Champions League.

Monate ohne Arbeit

Bicvic sieht sich deshalb nicht als Gescheiterter. Aber fuchsen würde ihn das Vergangene zuweilen schon noch. Die fehlende Geduld seinerseits ist so ein Punkt, über den er sich immer wieder Gedanken macht. Er fragt sich, was passiert wäre, wenn er im Juni 2012 nicht nach Locarno gegangen wäre. Dorthin, wo er von Beginn weg so zuverlässig auf dem Rasen lieferte und dafür doch so unzuverlässig vom finanziell gebeutelten Klub entlohnt wurde. Dorthin, wo er zwei chaotische Spielzeiten erlebte und ihm der Mentalitätsunterschied letztlich doch zu gross war. Bicvic liess seinen Kontrakt im Sommer 2014 auslaufen. «Obwohl ich keine Anschlusslösung hatte». Anfragen gab es zwar. Auch von seinem heutigen Trainer in Wohlen. «Doch damals, als Francesco Gabriele in Lausanne war, wollte die Klubführung letztlich doch lieber welsche Spieler.» Der Wechsel kam nicht zustande. So stand Bicvic ohne Arbeitgeber da, musste sich während sechs Monaten im Einzeltraining fithalten. Eine Herausforderung für seine Selbstdisziplin. «Etwa einen Monat konnte ich mich aufraffen, dann ging es einfach nicht mehr.» Bicvic verreiste in die Ferien, um sich vom psychischen Stress, ohne Klub dazustehen, zu distanzieren. «Doch es half nichts, ich wurde nur noch deprimierter.» Dazu kam, dass sich seine Serie von gescheiterten Transfers fortsetzte: Dynamo Dresden wollte ihn. Bicvic beauftragte einen Berater für die Verhandlungen, doch dieser priorisierte seine persönliche Bereicherung und verpokerte sich. Der nächste Rückschlag. Einer, der Bicvic an seine Zeit in der Basler U21 zurückerinnerte, als er dort gross auftrumpfte und Bundesliga-Coach Thomas Tuchel ihn deshalb nach Mainz holen wollte. Trotz Bicvics Einwilligung scheiterte der Transfer letztlich. Wieso, weiss er bis heute nicht genau. «Wohl wegen der Ablöse.»

Die erlösende Anfrage aus Wohlen

Nach Monaten des Leidens heuerte Bicvic im Januar 2015 in Schaffhausen an. Dort, wo er Wochen zuvor bereits mit der Mannschaft trainieren durfte. Bis letzten September war er in der Nordschweiz. «Eigentlich eine gute Zeit», findet Bicvic. Mit Axel Thoma, seinem letzten Trainer, aber stimmte die Chemie nie wirklich. Vor allem im Spätsommer sei Merkwürdiges vonstattengegangen. Nach Siegen wurde plötzlich nur Bicvic im nächsten Spiel auf die Bank gesetzt, als Auswechselspieler lief er sich dann Halbzeiten lang warm und wurde dennoch nicht eingesetzt. «Am Ende wurde ich provoziert und schikaniert, deshalb war die Anfrage aus Wohlen auch eine Erlösung.» Im September nämlich, bemühte sich Gabriele, nun Trainer im Freiamt, wiederum, um die Verpflichtung des 25-Jährigen. Diesmal klappte es. Er soll die Abgänge von Joël Geissmann und Simon Grether im Zentrum vergessen machen. Nach einer Reise voller Rückschläge ist das eine willkommene Herausforderung. Bisher ist das nicht schlecht gelungen. «Meinen Einfluss in die Offensive will ich aber noch verstärken». Als Schablone dient ihm wohl auch die Spielmanier seines Freundes Granit Xhaka, mit dem er sich bis heute wöchentlich austauscht. Heute nun geht es für Bicvic gegen seine Ex, gegen Schaffhausen. Ihr will er zeigen, dass sein Weggang für sie vor allem eines ist: ein Verlust.