FC Aarau
Marco Schällibaum: «Es würde mir das Herz zerreissen, wenn ich gehen müsste»

Bleibt er Trainer des FC Aarau? Vor dem Tag der Entscheidung nimmt Marco Schällibaum im Interview mit der «Schweiz am Wochenende» Stellung.

Sebastian Wendel und Ruedi Kuhn
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Marco Schällibaum: «Das wäre mein Wunsch: Eine Mannschaft aufzubauen, die in zwei, drei Jahren aufsteigen soll.»

Marco Schällibaum: «Das wäre mein Wunsch: Eine Mannschaft aufzubauen, die in zwei, drei Jahren aufsteigen soll.»

freshfocus

Marco Schällibaum, alles dreht sich um die Frage: Wann verlängert der FC Aarau den Vertrag mit Ihnen? Drehen wir den Spiess doch mal um: Wollen denn Sie verlängern?

Schällibaum: Soso, zu Beginn gleich eine Fangfrage.

Die Frage ist doch berechtigt!

Man sollte im Leben schätzen, was man hat. Ich habe Freude an meiner Arbeit in Aarau – warum sollte ich etwas anderes wollen? Mit der Mannschaft, mit meinen Trainerkollegen und mit den Menschen auf der Geschäftsstelle ist das Verhältnis gut. Dazu hat der FC Aarau tolle Fans, die uns auch in den Auswärtsspielen zahlreich unterstützen. Die Rahmenbedingungen passen. Und ich bin kein Zocker.

Die Klubführung zockt offenbar. Sie zögert die Entscheidung, wie es mit Ihnen weitergeht, bis Anfang April hinaus.

Sie haben das so entschieden, das ist ihr gutes Recht. Die Gründe für dieses Vorgehen kenne ich nicht. Doch jetzt müssen Entscheidungen fallen.

Und für Sie ist klar: Sie möchten bleiben!

Nicht um jeden Preis. Aber nochmals: Man soll im Leben schätzen, was man hat.

Marco Schällibaum verlängert Vertrag beim FC Aarau – was löst dieser Satz in Ihnen aus?

Schöne Aussichten. In den vergangenen eineinhalb Jahren gab es keinen Morgen, an dem ich nicht motiviert und voller Freude nach Aarau kam.

Hat man sich auch jeden Tag auf Sie gefreut?

Vielleicht war ich das eine oder andere Mal zu emotional. Dennoch denke ich, meine Ehrlichkeit wird geschätzt.

Wie gross wäre Ihre Enttäuschung, wenn Sie gehen müssten?

Sie wäre gross. Vor allem auch, weil ich mich von vielen Menschen verabschieden müsste, die mir ans Herz gewachsen sind. Es ist keine Floskel, dass die Mannschaft und ich uns gut verstehen. Ich habe diese Menschen gern. Geht der Daumen für mich runter, ist das «part of the game» – auch wenn es mir das Herz zerreissen würde.

«Ich habe Freude an meiner Arbeit in Aarau – warum sollte ich etwas anderes wollen?»

«Ich habe Freude an meiner Arbeit in Aarau – warum sollte ich etwas anderes wollen?»

Steffen Schmidt/freshfocus

Es erstaunt doch sehr, dass in Aarau die Zukunft des Trainers gleichzeitig mit jener der Spieler geregelt wird – und nicht vorher.

Die Vereinsführung hat das so entschieden – und dann ist es richtig, dass sie es durchzieht.

In der Vergangenheit haben Trainer den FCA von sich aus verlassen, weil Sie keine Perspektive sahen.

Natürlich ist mehr möglich als in dieser Saison. Aber man muss die Kirche im Dorf lassen. Xamax hat eine funktionierende Mannschaft und wird die auch in der nächsten Saison haben. Servette bekommt künftig fünf Millionen mehr von Rolex. Das sind Tatsachen.

Sie haben in den eineinhalb Jahren als FCA-Trainer einerseits den Abstieg verhindert, andererseits liegt die Mannschaft derzeit nur auf Rang vier. Zu wenig!

Die Kritik an der Punktzahl ist berechtigt. Mich regt der grosse Abstand zur Spitze selber am meisten auf. Aber wir haben in dieser Saison grosses Verletzungspech. Die Klasse von Marco Thaler, der Speed von Miguel Peralta und die Routine von Stéphane Besle fehlen uns. Ich bin ein Trainer, der nicht zu viel am Teamgerüst verändern möchte. Doch in dieser Saison war Kontinuität nicht möglich. Wir flicken dauernd Löcher.

Sind Sie ein Gefühlsmensch?

Ich habe zwei Seiten. Wenn ich anecke oder laut werde, dann zum Wohl des FC Aarau. Wir hatten intensive, auch mal laute Gespräche. Ich kämpfe wie ein Löwe für meine Spieler. Aber neben dem Platz bin ich ein ruhiger, ausgeglichener Mensch.

Arbeiten alle im Verein zum Wohl des FC Aarau?

Das nehme ich so wahr. Soeben wurde ein neuer Hauptsponsor gefunden, rundherum gibt es viele Gönner und Veranstaltungen, das ist toll. Doch ich spüre auch, wie alle nach Klarheit in der Stadionfrage lechzen. Damit hätten wir wieder ein klares Ziel: den Aufstieg in die Super League. Das wäre mein Wunsch: Eine Mannschaft aufzubauen, die in zwei, drei Jahren aufsteigen soll.

Wie gross ist die Wertschätzung gegenüber Ihnen?

Ich bin bezahlt, um meine Arbeit zu machen. Ich mache gute Arbeit. Ich bin so erzogen worden, nicht zu jammern. Sollte es zur Trennung kommen, darf es keine Schlammschlacht geben. Überall, wo ich in meiner Trainerkarriere gearbeitet habe, kann ich heute ins Stadion gehen, ohne Angst zu haben, gleich erschossen zu werden.

Schällibaum: «Ich werde zum Wohl des FC Aaraus laut.»

Schällibaum: «Ich werde zum Wohl des FC Aaraus laut.»

Marc Schumacher/freshfocus

War die Wertschätzung gegenüber Trainern früher grösser?

Bestimmt. Aber das ist der Lauf der Zeit. Die Gesellschaft ist heute sprunghafter. Was heute gut ist, zählt morgen nicht mehr. Ich habe noch andere Werte. Danke und Bitte sagen ist mir wichtig. Genauso schätze ich es, ab und zu ein Lob zu bekommen für das, was ich leiste. Das braucht doch jeder Mensch!

Muss man als Fussballtrainer leidensfähig sein?

Gewinnen wir, hat die Mannschaft gut gespielt. Verlieren wir, ist der Trainer schuld. Ein altes Sprichwort, aber immer noch aktuell. Das Fussballgeschäft hat viele schöne Seiten, ist aber auch ein Drecksgeschäft. Ich bin bald 55, aber immer noch gerne Fussballtrainer. Und: Ich bin jetzt der bessere Trainer als vor zehn Jahren.

Haben Sie Existenzängste?

Ich bin in der komfortablen Lage, ein finanzielles Polster auf der Seite zu haben. Mir geht es um meinen Beruf, den ich über alles liebe.

Am 6. April werden Sie 55 – die Vertragsverlängerung wäre das perfekte Geburtstagsgeschenk!

Mein Geburtstag spielt da sicher keine Rolle ...

Nochmals: Was löst die Ungewissheit in Ihnen aus?

Natürlich mache ich mir Gedanken. Aber ich bin auch Profi. Und das heisst: Bis zum 30. Juni liefere ich hier saubere Arbeit ab.

Im Frühling wird die neue Saison geplant. Sind Sie involviert?

Ja. Wir führen gute Gespräche – auch mit potenziellen neuen Spielern. Ich gebe auch meine Inputs – so, als wäre ich im nächsten Jahr noch dabei. Aber jedes Mal laufe ich aus dem Raum und denke: Schön – aber vielleicht bin ich bald gar nicht mehr hier.

Es ist also definitiv Zeit für eine Entscheidung!

Es wäre besser, wenn Klarheit herrschen würde.

Ist es für Sie eine neue Erfahrung, zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu wissen, ob Sie im Sommer noch Trainer sind?

Ich muss zugeben: So hatte ich das bisher noch nie.

Die Mehrheit der Fans will, dass Sie Trainer bleiben. Was bedeutet Ihnen das?

Am Ende bringt mir das nichts, es entscheiden andere Personen. Aber ja, das bedeutet mir viel. Das ist wohl wegen meiner authentischen Art so. Ich gebe immer alles für meinen Verein und sage meine ehrliche Meinung. Die Fans kennen mich ja nicht persönlich, aber ich strahle die Message aus: Ich kämpfe für die gleiche Sache wie ihr! Unsere Fans sind besonders, sie unterstützen die Mannschaft mit viel Geduld. Das imponiert.

Spüren Sie eine Tendenz, ob Ihr Vertrag verlängert wird?

Solche Gedanken tue ich mir nicht an. Ich weiss nur, dass wir hier einiges erreicht haben. Andererseits: Der grosse Abstand zur Spitze ist ein Argument gegen mich.

Wenn Sie gehen müssten: Was machen Sie dann?

Ich kenne genug Leute, um wieder eine Stelle im Fussball zu bekommen.

Alte Zeiten: Schällibaum in seinem ersten Training als FCA-Trainer im Oktober 2015.

Alte Zeiten: Schällibaum in seinem ersten Training als FCA-Trainer im Oktober 2015.

Alex Spichale

Gibt es etwas, das Sie sicher nicht machen würden?

Da fällt mir nichts ein. Auch ins Ausland würde ich bei einem passenden Angebot sofort wieder gehen. Das Jahr in Kanada bei Montreal war eine grandiose Erfahrung. Aber wir sind abgekommen vom Wesentlichen: Ich bin Trainer in Aarau.

Machen Sie sich grundsätzliche Gedanken zum Leben: Was will ich noch? Wie lebe ich in 10, 15 Jahren?

Jeder träumt doch von einer einsamen Insel, von Enkelkindern, vom süssen Leben ... Aber nein: Das ist zu weit weg. Ich bin zwar 55, aber ich fühle mich viel jünger. Man kann auf Ziele hinarbeiten, aber ob es so weit kommt, ist unsicher. Es kann schnell gehen ...

Was meinen Sie?

Der Tod meiner Mutter im vergangenen Dezember hat Substanz gekostet. Zum Glück war gerade Winterpause, so musste ich nicht vor den Spielern den starken Mann spielen. Ich bin nicht immer der Hardliner, als der ich dargestellt werde. Ich will nicht heulen, es geht mir gut. Aber es hat mir gezeigt: Irgendwann ist fertig.

Was haben Sie in dieser schweren Zeit gelernt?

Dass man am Ende alles mit sich selber ausmachen muss. Viele sagen, es tue ihnen leid. Aber am Ende interessiert es niemanden, mit der Trauer musste ich ganz alleine klarkommen.

Themawechsel: Warum spielt Aarau nicht die Rolle von Xamax? Warum ist Aarau nicht «best of the rest»?

Xamax spielt nicht immer gut. Aber sie gewinnen Spiele, in denen es ihnen nicht läuft. Diese Effizienz fehlt uns.

Ist Ihre Mannschaft zu lieb?

Aufpassen: Wir hatten schon acht Platzverweise, aber da sind viele Undiszipliniertheiten dabei. Von daher – Ihre Frage ist berechtigt. Wenn es darum geht, gegen eine hart spielende Mannschaft dagegenzuhalten, sind wir zu lieb.

Es passiert immer wieder, dass die Gegner dem FCA den Schneid abkaufen.

Wir wehren uns, aber halt mit den Mitteln, die wir haben. Der Körper ist das Werkzeug des Fussballers, das muss er richtig einsetzen. Die Spieler, die wir für die neue Saison holen, müssen physisch stark sein und Drecksarbeit leisten. Aber eben – zuerst steht ja noch eine wichtige Entscheidung an ...

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