Die Bilanz der Derbys zwischen dem FC Wohlen und dem FC Aarau? Eine klare Sache! 20 Mal haben die Kantonsrivalen zwischen 2002 und 2018 die Klingen gekreuzt. Der FC Aarau gewann 14 Spiele.Fünfmal trennten sich die beiden Mannschaften unentschieden. Einmal siegte der FC Wohlen. Nur ein einziges Mal!

Ein erschreckend schwaches Aarau

Logisch, dass der Tag des Derbyerfolgs für die Freiämter ein besonderer war. Ein besonderer Tag und eine besondere Genugtuung vor allem für Lucien Tschachtli. Nach 15 erfolglosen Anläufen wählte der langjährige Verwaltungsratspräsident im Vorfeld des 16. Derbys markige Worte: «Es ist angerichtet für den ersten Derby-Sieg des FC Wohlen», sagte er. «Jetzt hauen wir im Brügglifeld den FC Aarau weg.»

Was für ein Zitat des sonst so ruhigen,sachlichen und bescheidenen Tschachtli. Aber siehe da; sein Tipp traf voll ins Schwarze. Am 22. April 2017, um 20.53 Uhr, war es vollbracht: Doppeltorschütze Janko Pacar und Noah Loosli schossen den FC Wohlen im Brügglifeld gegen einallerdings erschreckend schwaches Aarau zum 3:0. Trainer Francesco Gabriele schrieb mit dem Freiämter Challenge-League-Klub Geschichte: Der heutige Verbandstrainer und Verantwortliche für die Schweizer U19-Auswahl schaffte das, was 13 Trainer vor ihm nicht gelang.

In guten wie in schlechten Zeiten

Zurück zu Tschachtli, der seit zwölf Jahren ehrenamtlich für den FC Wohlen tätig ist. In guten wie in schlechten Zeiten. 2006 stieg er als Quereinsteiger ein. Damals kannte er das Fussballgeschäft nur vom Hörensagen. Mit den Alphatieren René Meier und Andy Wyder und Trainer und Sportchef Martin Rueda hatte er gute Lehrmeister.

Tschachtli lernte schnell und war sich für nichts zu schade. Im Laufe der Jahre wurde er zum Mädchen für alles. Zusammen mit Team- und Eventmanagerin Serena Forgione erledigte er die Buchhaltung, den Papierkram, hielt den Laden am Laufen und sorgte für einen gelungenen Ablauf der Heimspiele. Tschachtli arbeitete und arbeitete und arbeitete – und er arbeitet auch heute noch.

Einsatz trotz schlechten Prognosen

Insider des FC Wohlen bezeichnen ihn einerseits als Finanzgenie, andererseits als Vermittler mit diplomatischem Geschick. Ging es darum, Probleme zu lösen, Unstimmigkeiten zu klären und Streitereien zu schlichten, war er zur Stelle. Tschachtli verdiente sich in den vergangenen Wochen und Monaten vor allem Respekt:

Nach dem freiwilligen Abstieg des FC Wohlen am 3. Januar 2018 und dem sich anbahnenden Machtwechsel innerhalb des Verwaltungsrats warf er den Bettel nicht einfach hin. Er setzte sich trotz des Umbruchs und der alles andere als idealen Voraussetzungen zum Wohl des FC Wohlen ein.

Es darf keine Risse geben

Eigentlich war für Tschachtli und die frühere Führungscrew der Neuanfang mit einem Abstieg in die regionale 2. Liga beschlossene Sache. Und als die Ideen von der Fortführung der Aktiengesellschaft, dem Weiterbestehen der ersten Mannschaft in der Promotion League und der Aufrechterhaltung der Juniorenabteilung auf hohem Niveau auftauchten, war Tschachtli skeptisch. Zu Beginn hielt er es kaum für möglich, dass der FC Wohlen in der nächsten Saison in der dritthöchsten Spielklasse spielen kann. Er machte finanzielle Gründe geltend und sprach wie viele andere ehemalige Führungskräfte von Träumereien.

Trotz der Skepsis liess Tschachtli Vernunft walten und wies darauf hin, dass es zwei Richtungen gebe. Die Aktiengesellschaft weiterführen oder ein Neuanfang im Regionalfussball. «Entscheidend ist im Endeffekt, dass das ganze Umfeld des Vereins die eingeschlagene Richtung stützt», erklärte er. «Es darf innerhalb eines Vereins keine Risse und schon gar keine Spaltung geben.»

Tschachtlis Einsicht

Als Tschachtli spürte, dass sich mit dem erfolgreichen Unternehmer André Richner und seinen vier Mitstreitern Kurt Braunschweiler, Adrian Meyer, Adrian Büchler und Alp Gürsu eine neue Crew zum Wohl des FC Wohlen im Allgemeinen und zur Weiterführung der Aktiengesellschaft im Speziellen einsetzte, wehrte er sich nicht mit Händen und Füssen, sondern half mit, das wankende Schiff auf Kurs zu bringen.

Das ist aller Ehren wert. Tschachtli ist eine Persönlichkeit. Das beweist auch die Tatsache, dass er am Pfingstmontag die letzte Reise mit der ersten Mannschaft in der Challenge League nach Chiasso mitmachen wird. Dass sich Tschachtli während der Rückreise von allen Spielern in einem Gespräch unter vier Augen verabschieden wird, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Eine Frage der Ehre.