Lucas Fischer, Sie sind Sportler, ich Politiker. Was sagt Ihnen die Politik, interessieren Sie sich dafür?

Lucas Fischer: Unter Sportlern ist Politik eher selten ein Thema. Ich muss gestehen, dass ich mich zu wenig damit befasse, um ernsthaft darüber diskutieren zu können. Was mich interessieren würde: Was macht Regierungsrat Alex Hürzeler an einem gemütlichen Fernseh-Sonntag auf der Couch? Welche Sportarten verfolgten Sie am liebsten?

Ich mag den Wintersport. Ich bin aufgewachsen, als die Schweiz eine extrem erfolgreiche Skination war. Mir gefallen aber auch Ausdauersportarten, die Tour de France, die Tour de Suisse, die Langläufer mit Dario Cologna oder der Marathon mit Viktor Röthlin. Es sind Sachen, die ich mir selber nicht zutraue. Vielleicht schaue ich sie deshalb gerne. Turnen schaue ich natürlich auch gerne. Selten am Fernsehen, aber umso lieber vor Ort. Und ich hoffe natürlich, dass Sie 2019 am Eidgenössischen Turnfest in Aarau am Start sind. 2013 wurden Sie am Knie operiert, dieses Jahr mussten Sie sich nochmals unters Messer legen. Was lief schief bei der Operation?

Das Problem ist die enorme Abnützung im Knie. Bei der ersten Operation dachte man, es reicht, die Kniescheibe zu verschieben. Das nützte jedoch nichts. Dann entdeckte man den extremen Knorpelschaden. Teile des Knorpels mussten entfernt werden, um einen neuen Knorpel heranzuzüchten. Das war eine recht mühsame Übung.

Wie weit sind Sie inzwischen genesen? Wie ich gehört habe, sind Sie seit dem Sommer wieder am Trainieren?

Seit zwei Monaten bin ich wieder richtig am Gas geben. Vorher war ich vor allem in der Physio. Jetzt trainiere ich vor allem Kraft, aber auch ein bisschen an den Geräten.

Aber eben erst ein bisschen. Kunstturnen ist ja ein Spitzensport, da mag es keine halben Sachen leiden. An welchen Geräten können Sie wieder Vollgas geben, an welchen nicht?

Im Moment fokussiere ich auf den Barren. Ich will mir nicht zuviel auf einmal zumuten. Ich war ja ein halbes Jahr komplett weg vom Fenster, musste bei null beginnen. So etwas habe ich noch gar nie erlebt. Ich fühlte mich phasenweise wie im falschen Körper, hatte überhaupt keine Kraft mehr.

Das hat man Ihnen auch angesehen. Sie haben viel Muskelmasse verloren. Was braucht es für den Muskelaufbau?

Es ist die schwerste Zeit, die ich je erlebt habe. Manchmal habe ich mich richtig verzweifelt gefühlt. Es gab Sachen, die ich einfach nicht mehr konnte – nicht einmal ansatzweise. Ich muss alles neu aufbauen, reisse mir jeden Tag den Arsch auf. Manchmal kann ich kaum noch laufen nach den Trainings.

Es ist ja nicht Ihr erster Rückfall. Ist es schwieriger, jetzt im Alter von 24 Jahren, wieder zurück an die Spitze zu gelangen?

Definitiv. Ich hatte noch nie eine so lange Pause. Während früherer Verletzungen konnte ich immer Krafttrainings absolvieren. Diesmal gar nicht, weil ich dadurch das Knie extrem gefährdet hätte. Erschwerend kommt hinzu, dass mir die Zeit davon läuft.

Warum das? Was sind die nächsten grossen Ziele?

Sicher die Olympischen Spiele 2016 in Rio. Das dauert gar nicht mehr so lange.

Wie sieht es denn in eineinhalb Jahren aus. Kommt der Fischer noch mal?

Ich gebe alles, ich will. Die Olympischen Spiele sind mein grosser Traum, mein Wille ist ungebrochen.

Sie trainieren wieder in Magglingen, nehmen aber auch einen Mentaltrainier in Anspruch. Wo stehen Sie im Vergleich mit den anderen Athleten?

Es ist schon schwierig, wenn ich sehe, wo die anderen stehen und wo ich derzeit stehe. Da liegen Welten dazwischen. Darum brauche ich auch die mentale Unterstützung durch den Sportpsychologen. Das hilft mir extrem. Oft hatte ich Zweifel, fragte mich, kann ich das überhaupt. Über solche Sachen zu reden, tut mir sehr gut.

Wenn man bei null beginnt, ist ja das Gute – wenn man so will –, dass man schnell Fortschritte erzielt.

Ja, die Richtung stimmt. Es geht definitiv aufwärts. Im Kopf wie auch mit dem Körper.

Wie sehen Ihre konkreten sportlichen Ziele aus?

Ende Jahr will ich körperlich bereit sein. Ich werde mir keine Ferien gönnen, obwohl wir welche hätten. Eine Pause zum jetzigen Zeitpunkt wäre fatal. Mein nächstes Ziel sind dann die Europameisterschaften im kommenden April in Frankreich.

Und danach?

Die Weltmeisterschaften im Herbst in Glasgow. Wenn wir mit dem Team in die Top 16 kommen, sind wir bei den Pre-Olympics im Januar 2016 startberechtigt. Dort können wir uns mit dem Team für Rio qualifizieren. Das wird aber extrem schwierig.

Sie sind jetzt 24, erlitten Unfälle, Verletzungen, Rückschläge. Wie viele Jahre können Sie noch Kunstturnen?

Ich habe gerade erst kürzlich entschieden, dass ich weitermachen will. Denn ich habe das Gefühl, dass ich noch nicht all das erreicht habe, was ich erreichen kann. Ich will bis 2020 weitermachen.

Was macht der Mensch Lucas Fischer, wenn er nicht am Kunstturnen oder Trainieren ist?

Ich habe viele Engagements als Sänger, als Redner oder an Podiumsdiskussionen. Sonst sind mir die Familie und Freunde sehr wichtig.

Nehmen Sie gerne an Podiumsdiskussionen teil?

Anfangs fühlte es sich etwas komisch an. Ich war viel nervöser als vor einem Auftritt oder Wettkampf als Turner. Aber mittlerweile mache ich das echt gerne. In Baden war ich an einer Podiumsdiskussion mit Rainer Maria Salzgeber. Geplant waren 25 Minuten, es wurden aber 45 extrem spassige Minuten. Man lernt neue Seiten an sich kennen, kann Kontakte knüpfen.

Was wäre aus Lucas Fischer geworden, wenn er nicht Kunstturner wäre? Und wo könnte es in Zukunft hingehen?

Ich kommuniziere gerne mit Menschen, mag es, zu moderieren, auch das Showbusiness reizt mich. Natürlich ist es nicht einfach, in diese Branche reinzukommen. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Gibt es im Kunstturnen eigentlich auch Groupies? Fans, junge Mädchen, die einem hinterherspringen?

(Lacht) Nicht so wie bei den Fussballern oder bei einem Justin Bieber. Wir haben eher die stillen Fans. Aber es gibt schon solche, die meinen Weg verfolgen und sich alles anschauen, was ich mache.

Wenn wir schon beim Vergleich mit dem Fussball sind: Wie kommt man als Kunstturner finanziell über die Runden?

Wie verdienen nicht gerade viel.

Wie viel konkret?

Wir werden vom Schweizerischen Turnverband gut unterstützt, da kann ich mich nicht beklagen. Fürs Sponsoring ist jeder selber verantwortlich, und da bin ich ziemlich aktiv. Das finde ich auch wichtig.

Reicht es, um etwas auf die Seite zu legen?

Mein Verdienst reicht schon aus, um etwas auf die Seite zu legen. Aber der Hauptteil von dem, was ich auf die Seite lege, kommt aus dem Sponsoring.

Haben Sie einen Wunsch an mich als Sportdirektor. Was können wir für den Sport besser machen?

Einige Sportarten kommen vielleicht etwas zu kurz. Das Kunstturnen wird aber extrem gut unterstützt, wie ich finde. Die extremen Randsportarten könnte man vielleicht noch mehr in den Fokus rücken.

Ich nehme an, Sportler tauschen sich aus über solche Themen. Wie gut kennen sich eigentlich die Sportler untereinander in der Schweiz. Oder kennen Sie nur Kunstturner?

Ich komme ja viel rum, an Sportlerwahlen oder an Galas. Da lernt man immer wieder neue Sportler und Leute kennen. Ich finde es sehr spannend, mit denen zu kommunizieren. Was bedeutet Ihnen Sport, sind Sie selbst aktiv?

Ich mache selber auch Sport, momentan aber leider viel zu selten. Ich finde Sport unglaublich gut für alle, egal ob als Spitzensportler oder als Wanderer. Sport ist ein Ausgleich, man ist an der frischen Luft, in der Natur. Ich selber bin Vereinsturner gewesen, betrieb Leichtathletik, Handball und Faustball. Den Teamwettkampf fand ich immer toll. Ich war nie der Einzelsportler. Alleine fällt es mir schwer, Sport zu treiben. Haben Sie eigentlich Vorbilder, im Sport oder im Gesang?

Im Sport ist es definitiv, wie wahrscheinlich bei vielen, Roger Federer. Man kann schon sagen, dass er mein Idol ist. Vor allem menschlich, wie er sich selbst geblieben ist, trotz der Aufmerksamkeit und seinem Erfolg. Und wie er mit dem Druck umgeht, dass er unter dieser Last nicht zusammenbricht, das bewundere ich enorm. Im Gesang sind es die grossen Stimmen, die mich faszinieren. Im Moment ist es Jessie J, die ich anhimmle.

Lucas Fischer, ich wünsche Ihnen alles Gute nach den Verletzungen, für das Jahr 2015, für 2016. Ich bin stolz auf Sie. Es braucht Aushängeschilder wie Sie.

Aufgezeichnet von Andreas Fretz