FC Aarau
Lorenzo Bucchi ist der Goalie mit dem Bachelor

Aaraus Lorenzo Bucchi darf sich nach einem zehnjährigen Studium Politikwissenschafter nennen. Heute im Spiel gegen auswärts gegen Genf um 15:00 Uhr will die Nummer eins den FCA zum Sieg hexen.

Ruedi Kuhn
Merken
Drucken
Teilen
Lorenzo Bucchi ist mehr als nur ein Fussballtorhüter: Der 32-jährige Römer hat auch einen Bachelor in Politikwissenschaften und internationalen Beziehungen.

Lorenzo Bucchi ist mehr als nur ein Fussballtorhüter: Der 32-jährige Römer hat auch einen Bachelor in Politikwissenschaften und internationalen Beziehungen.

KEYSTONE

Reicht es, wenn der Verstand eines Berufsfussballers bis zur Eckfahne oder sogar nur bis zur Strafraumgrenze geht? Was für zahlreiche Profis gilt, gilt mit Sicherheit nicht für Lorenzo Bucchi. Vor einem Jahr hat der Torhüter des FC Aarau seinen Bachelor in Politikwissenschaften und internationalen Beziehungen abgeschlossen.

Weil der 32-Jährige das Studium neben seiner Karriere berufsbegleitend absolvieren musste, dauerte es bis zum erfolgreichen Abschluss der Prüfungen nicht nur vier, sondern zehn Jahre.

Für Bucchi ist das Sprichwort «Aus Erfahrung wird man klug» also alles andere als eine Floskel. Mit dem Studium hat er die Grundlage geschaffen, in die Politik einzusteigen. «Das wäre möglich», sagt der Italiener. «Ich bin politisch sehr interessiert und würde mich mit Vehemenz gegen jede Art von Korruption einsetzen. Aber meine grosse Leidenschaft gehört eindeutig dem Fussball. Er wird in meinem Leben die Nummer eins sein und die Nummer eins bleiben.»

Apropos Nummer eins: Nach einem Viertel der Meisterschaft in der Challenge League ist klar. Bucchi ist die Nummer eins. Zumindest beim FC Aarau! Den Platz an der Sonne hat er sich zuletzt auf eindrückliche Art und Weise verdient. Im Spitzenspiel der Challenge League am vergangenen Sonntag gegen den FC Zürich (1:1) spielte sich der Nachfolger von Steven Deana mit einer grossartigen Leistung und mehreren spektakulären Paraden erstmals in die Herzen der FCA-Fans.

Nach dem Match gegen den FCZ ist Bucchi alles andere als glücklich.

Nach dem Match gegen den FCZ ist Bucchi alles andere als glücklich.

Keystone

Lorenzo Bucchi auf dem Weg zum Publikumsliebling im Brügglifeld? «Schauen wir mal», sagt er. «Im Leben eines Fussballers wechseln sich Höhepunkte und Tiefschläge schnell ab.» Bucchi weiss, wovon er spricht. Ein Blick auf seine Karriere zeigt: Den grossen Durchbruch hat er nie geschafft.

Der 1,86 Meter grosse Keeper lancierte seine Laufbahn bei kleineren italienischen Klubs wie Ternana Calcio, Giulianova Calcio und der AS Fidelis Andria. Die grössten Erfolge feierte Bucchi zwischen 2005 und 2009 bei der AC Bellinzona. Mit den Tessinern stieg er 2008 in die Super League auf und qualifizierte sich im gleichen Jahr für den Cup-Final gegen den FC Basel, der allerdings 1:4 verloren ging.

Im Sommer 2009 wechselte Bucchi nach Zürich zu den Grasshoppers, war hinter dem unumstrittenen Yann Sommer allerdings nur die Nummer zwei. Nach der Rückkehr in seine Heimat zu Atletico Arezzo spielte er kurzzeitig für Fribourg.

2013 folgte der Transfer zum FC Luzern. Wie schon bei GC drückte er bei den Zentralschweizern meistens die Ersatzbank und musste David Zibung den Vortritt lassen. Beim FC Luzern war Bucchi auch Torhüter-Trainer der U14 und U17. Und in der schmucken Stadt am Vierwaldstättersee winkte ihm auch das private Glück. Denn dort lernte er seine Lebenspartnerin Raquel kennen.

Bucchi noch im Trikot des FC Luzern.

Bucchi noch im Trikot des FC Luzern.

Keystone

Raquel, eine 35-jährige Spanierin, schenkte ihm vor einem halben Jahr einen Sohn mit Namen Sergio Gael. «Der Kleine ist unser grosser Stolz», sagt Bucchi. «Eines steht für mich fest. Sergio Gael wird schon bald ein grosser Fan der AS Roma sein.» Dazu muss man wissen, dass Bucchi in Rom geboren und aufgewachsen ist.

Er ging in der «ewigen Stadt» zur Schule und ist ein grosser Anhänger des Teams mit dem eben erst 40-jährig gewordenen Superstar Francesco Totti. Bucchis Eltern wohnen heute noch in der wunderschönen Stadt, die einst auf sieben Hügeln gebaut worden ist. Vater Rodolfo ist Italiener und arbeitet als Vertreter in einer Mineralölgesellschaft. Mutter Sylvie ist Französin.

Spricht Bucchi über die Hauptstadt Italiens im Allgemeinen und die AS Roma im Speziellen, kommt er ins Schwärmen. Leider hat es für den temperamentvollen Keeper nicht für einen Spitzenklub in der Serie A gereicht. Und so spielt er seit Beginn der laufenden Saison in der Challenge League. Das Engagement im Aarauer Stadion Brügglifeld mit Vertrag bis ins Jahr 2018 hat Bucchi in erster Linie Trainer Marco Schällibaum zu verdanken. Schällibaum kennt den Römer aus gemeinsamen Zeiten in Bellinzona und hält grosse Stücke auf den Routinier.

Italienisch als FCA-Amtssprache

Dass sich Bucchi in den Reihen der Aarauer wohl fühlt, hat drei Gründe. Zum Ersten ist er Stammtorhüter. Zum Zweiten weiss er es zu schätzen, dass beim FC Aarau auf das Zwischenmenschliche grossen Wert gelegt wird. Die familiäre Atmosphäre behagt ihm. Und zum Dritten ist er froh, dass die Amtssprache in der ersten Mannschaft italienisch ist. «Der grosse Teil des Teams spricht ausgezeichnet italienisch», sagt er. «Das hängt damit zusammen, dass viele Trainer und Spieler im Verlauf ihrer Karriere im Tessin tätig waren.»

Tatsächlich: Mit Cheftrainer Marco Schällibaum, Assistent Andy Ladner und Torhüter-Trainer Swen König haben alle drei Trainer ihr Geld schon mal in der Südschweiz verdient. Ein Blick auf die Liste der Spieler mit Tessiner Vergangenheit ist ebenfalls eindrücklich. Es sind Alessandro Ciarrocchi, Patrick Rossini, Zoran Josipovic, Bruno Martignoni, Ulisse Pelloni, Michael Perrier und Denis Markaj.

Italienisch spricht auch der Argentinier Juan Pablo Garat. Nicht zu vergessen Raimondo Ponte: Der 61-jährige Sportchef hat süditalienische Wurzeln. Und mit Chefstratege und Chefdenker Ponte schliesst sich der Kreis der kleinen und grossen Italiener beim FC Aarau.