Challenge League
Lokalhelden in Führungspositionen: Das wünscht sich Petar Aleksandrov auch beim FC Aarau

Petar Aleksandrov, Aarauer Meistertorschütze von 1993 und derzeit Stürmertrainer beim FC Zürich, wünscht sich beim FC Aarau einen Umbruch wie in Basel. Wenn der FCA am Ostermontag (15 Uhr, bei uns im Liveticker) gegen den FCZ spielt, ist er zwischen beiden Teams hin- und hergerissen.

Sebastian Wendel
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Aleksandrov spielte fünf Saisons beim FCA – sein Markenzeichen war das breite Stirnband.

Aleksandrov spielte fünf Saisons beim FCA – sein Markenzeichen war das breite Stirnband.

Alexander Wagner

Ein sonniger Nachmittag im Stadion Brügglifeld. Wir steigen die Treppe zur Haupttribüne hoch, als Petar Aleksandrov plötzlich das Schritttempo erhöht. 10 Sekunden später sitzt er auf einem der legendären orangefarbenen Schalensitze, Nummer 1075.

«Hier sitze ich wenn möglich bei jedem Heimspiel des FC Aarau», sagt Aleksandrov und erzählt dann, warum gerade auf diesem Sitz: «Dieser Platz löst bei mir viele Emotionen aus. Früher waren dieser und die drei Sitze nebenan reserviert für Ernst Brunner. Ihm verdanke ich sehr, sehr viel.»

Der verstorbene Ernst Brunner war in den 80er- und 90er-Jahren beim FC Aarau Mäzen und Sportchef in Personalunion. Er fuhr 1991 eines Tages mit einem unbekannten Stürmer aus Bulgarien namens Petar Aleksandrov im Brügglifeld vor, verpflichtet vom deutschen Ostklub Energie Cottbus. Der Rest ist Geschichte.

Mit dem Herz beim FC Aarau

Aleksandrovs Blick geht über den Platz: «Mein bestes Spiel im Brügglifeld war 1998 gegen den FC Basel. Wir haben 5:0 gewonnen, ich habe drei Tore erzielt, alle mit dem Kopf.» Er seufzt und sagt: «Jaja, die guten alten Zeiten.» Seit Januar hat Aleksandrov wieder Unterschlupf gefunden im Fussball-Geschäft, beim FC Zürich kümmert er sich einige Stunden pro Woche um das Stürmertraining.

Es gefalle ihm gut, die Stimmung in der Mannschaft sei hervorragend, und langsam würden seine Inputs wirken. Mit dem Herz aber ist Aleksandrov woanders: beim FC Aarau. «Das ist mein Klub. Und was mit ihm passiert, tut mir weh.» In diesen Tagen besonders.

Seit Jahren sitzt Petar Aleksandrov bei FCA-Heimspielen auf Platz Nummer 1075.

Seit Jahren sitzt Petar Aleksandrov bei FCA-Heimspielen auf Platz Nummer 1075.

Severin Bigler

Das liegt daran, was gerade 40 Kilometer nordwestlich von Aarau passiert: Beim FC Basel übernimmt im Sommer ein Triumvirat um Marco Streller, Alex Frei und Massimo Ceccaroni die sportlichen Geschicke – über allem thront künftig der Basler Unternehmer Bernhard Burgener als Präsident und Financier.

Streller, Frei und Ceccaroni – sie haben den FC Basel als Spieler geprägt, sie tragen den Klub im Herzen, sie sind Basler Lokalhelden. Nun erhalten sie die Chance, in Führungsposition ihre Kompetenz einzusetzen.

Tribünenkarte auf Lebzeiten

Aleksandrov sagt: «Als ich davon das erste Mal gehört habe, war mein erster Gedanke: Genau das klappt doch auf tieferem Niveau auch beim FC Aarau.» Er verweist auf den Satz, den Alex Frei gesagt habe: In der Schweiz würden die früheren Helden zu wenig gepflegt.

Aleksandrovs Stimme bebt: «Von der Aarauer Meistermannschaft von 1993 und der Cupsiegermannschaft 1985 bin ich fast der Einzige, der regelmässig an die Heimspiele geht. Andere, die noch in der Region wohnen, haben sich längst abgewendet oder kommen nur noch selten ins Brügglifeld. Sie müssten doch alle eine Tribünenkarte auf Lebzeiten haben. Die anderen Zuschauer finden es genial, wenn neben ihnen die berühmten Spieler von früher sitzen – das spüre ich bei jedem Heimspiel.»

Keine FCA-Wimpel in den Stammlokalen

Aleksandrov redet sich in Rage: «Der FC Aarau feierte zwei Titel: 1985 den Cupsieg, 1993 die Meisterschaft. Von diesen Erfolgen ist heute im Brügglifeld nichts zu sehen. Es gibt nicht mal eine Senioren- oder Veteranenmannschaft, in der sich die früheren Spieler treffen. Ich habe einst mit 7 Meisterspielern von 1993 und 5 Cupsiegern von 1985 bei den Senioren des FC Suhr gespielt, weil der FC Aarau kein Interesse an uns hatte. Oder wir hatten hier Ottmar Hitzfeld, der nach Aarau Weltkarriere als Trainer gemacht hat. Nichts erinnert daran – auch unser Meistertrainer Rolf Fringer ist im Brügglifeld kein Thema. Das ist schade. Genauso schade wie die Unsichtbarkeit des Vereins in der Aarauer Innenstadt.»

Den Kopf beim FC Zürich, das Herz beim FC Aarau

Normalerweise gilt: Petar Aleksandrov drückt dem FC Aarau die Daumen. Doch wenn Aarau am Ostermontag im Zürcher Letzigrund gegen den FCZ spielt, ist der Bulgare für einmal hin- und hergerissen. Der Grund: Aleksandrov ist seit Januar Stürmertrainer beim FC Zürich – so wie früher bei GC, St. Gallen und Luzern. In einem 30-Prozent-Pensum steht er zwei, drei Mal pro Woche mit den FCZ-Stürmern auf dem Platz, zudem ist er bei jedem Spiel dabei und analysiert die Offensivleistungen der Mannschaft mit einem Programm auf dem iPad.

Seit kurzem lässt Chefcoach Uli Forte mit zwei Stürmern spielen – auf Rat von Aleksandrov? Der 54-Jährige lächelt und schweigt. Zum FCZ geholt hat ihn Sportchef Thomas Bickel, er und Aleksandrov kennen sich von früheren Duellen auf dem Rasen. In den nächsten Tagen finden Gespräche statt, ob und wie Petar Aleksandrovs Engagement beim FC Zürich nach dem Aufstieg in die Super League erweitert wird. (wen)

Aleksandrov erzählt, wie er nach seiner Ankunft in Aarau 1991 schnell von den vielen Aarauern im Team integriert wurde. Praktisch jede freie Minute hätten sie in der Disco Concorde und in Lokalen wie dem Camino oder dem Barazetti verbracht. «Und heute? Gibt es in keinem Schaufenster ein Trikot oder wenigstens einen FCA-Wimpel.»

Die Helden von früher ins Boot holen

Weit an der Realität schrammt Aleksandrov nicht vorbei. Und sein Vergleich, der FC Aarau sei wie ein Bär, der sich seit Jahren im Winterschlaf befinde, trifft es gut. Ausstrahlung, sportliches Konzept, Einbindung von Talenten – alles ist ausbaufähig.

Wer weckt den Bären auf? Geht es nach Aleksandrov, dann die Helden von früher. «Ich bin sicher, das Interesse und der Wille, in irgendeiner Form mitzumachen, gibt es.» Er zählt die Namen von Bernd Kilian, Charly Herberth, Rolf Osterwalder, Ryszard Komornicki, Marcel Heldmann, Frédéric Page und Mario Eggimann auf, die Funktionen im und um den Verein übernehmen könnten.

«Das Problem beim FC Aarau ist nicht der Präsident: Ich halte Alfred Schmid für einen sehr fähigen Mann. Das Problem ist, dass kein Mitglied des Verwaltungsrats früher auf Profiniveau Fussball gespielt hat. Es fehlt der Stallgeruch. Wäre Raimondo Ponte nicht da, gäbe es im Führungsstab niemanden, der das Trainerteam kompetent unterstützt.»

Der FCA müsse doch, wie das jetzt in Basel geschehe, die Helden von früher ins Boot holen. «Es müssen Personen auf die wichtigen Positionen, die es zum Wohl des FC Aarau tun. Und nicht solche, die sich einfach mit einem Berufstitel schmücken wollen.»

Sportchef für drei Tage

Zum Schluss erzählt Aleksandrov noch diese Episode: Es ist im Frühsommer 2007, als der damalige FCA-Präsident Christian Stebler Ryszard Komornicki, Andreas «Hausi» Hilfiker und Petar Aleksandrov zu sich bestellt. Stebler will dem Trio die sportliche Verantwortung übergeben.

Aleksandrov ist drei Tage lang Sportchef, ehe Stebler als Präsident zurücktreten muss. Aleksandrov und später Hilfiker verlassen den FCA, nur Komornicki bleibt als Trainer und führt das Team erstmals seit 1997 wieder in die Top 5 der obersten Spielklasse. Aleksandrov: «Sehen Sie, was im Brügglifeld alles möglich wäre! Ich wünsche mir von Herzen, dass es mit dem FC Aarau bald wieder bergauf geht.»

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