FC Aarau
Livio Bordoli über Ex-Klub Lugano, Finanzen und spätes Vaterglück

Am Montag spielt der FC Aarau sein erstes Pflichtspiel mit dem neuen Trainer Livio Bordoli. Vorab trafen wir den Tessiner, um ihm ein paar interessante Fragen zu stellen.

François Schmid-Bechtel und Ruedi Kuhn
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Trainings zu leiten, empfindet Aaraus Trainer Livio Bordoli nicht als Arbeit. Interviews zu geben hingegen schon.

Trainings zu leiten, empfindet Aaraus Trainer Livio Bordoli nicht als Arbeit. Interviews zu geben hingegen schon.

Keystone

Wer sind Sie?
Livio Bordoli: Eigentlich müssten Sie Menschen fragen, die mich kennen. Ich glaube, ich bin ein ehrlicher Mensch. Häufig zu ehrlich für das Fussball-Geschäft. Aber für mich steht immer der Mensch an erster Stelle.

Haben Sie den falschen Beruf gewählt?
Nein. Ich bin zwar nicht José Mourinho, aber ich habe immerhin die vier grössten Tessiner Vereine trainiert. Und Aarau ist nach Wohlen mein zweites Engagement im Aargau. Es gibt andere Trainer, die sich wie eine Windfahne verhalten, aber nicht mehr im Geschäft sind. Ich hingegen bin immer noch da. Auch mit 52.

Wann war Ihre Ehrlichkeit letztmals ein Nachteil?
In meinen letzten Monaten in Lugano. Da konnten einige Spieler nicht damit umgehen, dass ich dem Aufstieg in die Super League alles unterordnete.

Sind Sie trotzdem im Frieden weg von Lugano?
Es wurden leider immer wieder falsche Informationen in die Öffentlichkeit getragen, die das grosse Bild gestört haben und zu einer tendenziösen Berichterstattung führten. Aber: Ich habe die Ziele erreicht. Und: Negative Stimmung haben jene Spieler verbreitet, die nicht oft gespielt haben. Das ist normal. Als Spieler war ich auch unzufrieden, wenn ich nicht gespielt habe.

Haben Sie dann auch die Medien instrumentalisiert?
Nein, ich habe dann immer die Diskussion mit dem Trainer gesucht.

Warum verzichten Sie auf die Chance Super League und ziehen das Engagement in Aarau jenem in Lugano vor?
Als ich im September 2013 zu Lugano kam, lag der Klub auf Platz acht. Ende Saison waren wir Zweiter. Und letzte Saison sind wir aufgestiegen. Ich sah einfach keine Möglichkeit mehr für eine Steigerung. Ausserdem muss ich nicht um jeden Preis in der Super League arbeiten.

Das klingt, als fürchteten Sie sich vor der Herausforderung.
Nein, nein. Ich hätte bleiben können. Aber ich habe gesehen, dass etwas nicht stimmt.

Was?
Je näher wir dem Aufstieg kamen, desto stärker wurden die internen Störfeuer. Wenn Lugano in der Super League bestehen will, muss alles stimmen. Aber es hat nicht alles gestimmt. Und was, wenn Lugano mit mir die ersten drei Spiele verloren hätte? Ich wäre meinen Job los. Ich wollte, dass mich die Leute als Aufstiegstrainer in Erinnerung behalten.

Wie erklären Sie, dass im Erfolg Disharmonie entsteht?
Weil der Präsident zu stark in die Medien drängte und zu viele Interna ausgeplaudert hat.

Haben Sie die Lieblingsspieler des Präsidenten zu wenig berücksichtigt?
Vielleicht. Der Präsident ist der erste Fan des FC Lugano. Aber ein Präsident sollte eher die Nähe zum Trainer als zu den Spielern suchen.

Es hiess, Sie seien mit den finanziellen Bedingungen in Lugano nicht einverstanden gewesen und hätten den Klub deshalb verlassen.
Nein. Ginge es mir ums Geld, hätte ich noch ein paar Wochen in Sardinien bleiben und auf ein Angebot warten können, statt in Aarau zu unterschreiben.

Warum Aarau?
Als Trainer in Wohlen (Saison 2010/11; die Red.) peilte ich den FC Aarau als nächsten Karriereschritt an. Leider hat es damals nicht geklappt. Aber jetzt bin ich da, weil wir schon seit zwei, drei Jahren geflirtet haben.

In Wohlen wurden Sie bereits in der ersten Saison entlassen. Warum hat es nicht funktioniert?
Aus meiner Optik hat es funktioniert. Vielleicht hätte ich den Job behalten, wenn ich dem damaligen VR-Präsidenten René Meier nie widersprochen hätte.

Ist von den Unstimmigkeiten zwischen Ihnen und Meier etwas hängen geblieben?
Nein, überhaupt nicht. Meier und ich sind mittlerweile gute Freunde. Und wenn ich mal in Wohlen bin, spüre ich, dass mir die Menschen gut gesinnt sind. Gut möglich, dass Meier seine Entscheidung von damals bereut.

Wer steigt auf?
So ausgeglichen wie in dieser Saison war die Challenge League wohl noch nie. Obwohl: Wil hat etliche Spieler, die nicht in die Challenge League gehören. Nach Papierform sollte Wil keine Probleme haben, den Aufstieg zu realisieren.

Wo sehen Sie den FC Aarau?
Zwischen Rang 1 und 5.

Nach dem Abstieg hiess es in Aarau: Wir wollen sofort zurück in die Super League.
Vielleicht war diese Kommunikation etwas voreilig. Denn wir haben realisiert, dass es nicht einfach ist, qualitativ gute Spieler zu verpflichten, die ins Lohngefüge passen. Aarau ist ein vernünftiger Klub. Es werden keine Spieler geholt, die 15 000 Franken pro Monat fordern. Trotzdem: Wir haben eine gute Mannschaft.

Was fehlt, damit Sie sagen können: Jetzt habe ich eine Mannschaft, mit der ich aufsteigen kann?
Zeit.

Kein Stürmer?
Natürlich könnte ein weiterer Stürmer nicht schaden. Das Wichtigste ist aber Zeit. Mittlerweile setzen die Spieler meine Vorgaben schon ziemlich gut um. Aber die ersten fünf Tage waren schlimm. Kein Spieler hat gelacht. Es war immer noch der Abstieg, der ihre Gedanken beherrschte.

Dem FC Aarau ist es gelungen, sich von den Problemspielern zu trennen. Wie charakterisieren Sie Ihre Mannschaft?
Sie ist brav. Aber ich will keine brave Mannschaft. Wir werden zu Hause Niederlagen hinnehmen müssen. Aber ich will nicht, dass wir dem Gegner gratis Punkte schenken. Wir müssen – überspitzt formuliert – den Gegner kaputtmachen. Eine Anekdote: Im Testspiel gegen Rapperswil wurde Sven Lüscher sehr übel gefoult. Aber keiner aus unserem Team hat darauf eine Reaktion gezeigt. Ich als Spieler hätte mir den Gegenspieler gemerkt und ihn beim nächsten Zweikampf auch spüren lassen, dass ich mit seiner Aktion nicht einverstanden bin.

Mit Michael Perrier haben Sie immerhin ein böses Element verpflichtet.
Er ist ein Spieler, der immer voll geht. Der dem Gegner auch mal wehtun kann. Auf dem Platz will ich, dass wir böse sind.

Wie waren Sie als Spieler?
Schwierig. Ein wirklich schwieriger Typ.

Spannend.
Tja. Ich war ein guter Fussballer. Eine Nummer 10. Ich habe bei den C-Junioren in Gordola mit Pierluigi Tami zusammengespielt. Ich war technisch viel besser als Tami. Aber Tami hat eine bessere Karriere gemacht.

Warum?
Am Ball konnte ich fast alles. Und ich habe es in die höchste Spielklasse gebracht. Aber meine Einstellung war mangelhaft. Ich war im Kopf nicht bereit. Ich war nicht bereit, ernsthaft zu arbeiten.

Wie alt waren Sie, als Sie das realisiert haben?
28. Aber da war ich schon zu alt, um den Schalter umzulegen. Deshalb werde ich richtig böse, wenn ich Spieler sehe, die die gleichen Fehler machen wie ich.

Waren Sie auf sich selbst auch böse, als Sie zu dieser Erkenntnis gelangt sind?
Ja.

In Aarau haben Sie mit dem Brasilianer Carlinhos einen zum Schlüsselspieler erkoren, der mit 21 bereits seinen zweiten Anlauf in Europa nimmt.
Stimmt. Aber der Junge hat etwas Besonderes. Davon bin ich überzeugt. Schliesslich wurde er schon mit 18 von Leverkusen verpflichtet und hat später in Regensburg gespielt. Entscheidend ist aber, dass sich Carlinhos bei uns wohlfühlt. Ich habe als Spieler selbst erfahren, wie einsam man sich im Ausland (Bordoli spielte kurz in Kassel; die Red.) fühlen kann, wenn man die Landessprache nicht spricht.

Ungewöhnlich ist, dass Goalie-Trainer Swen König entscheidet, wer die Nummer 1 ist.
Er versteht in diesem Bereich mehr als ich. Aber natürlich teile ich ihm mit, ob ich nun Ulisse Pelloni oder Steven Deana präferiere.

Wissen Sie schon, wer am Montag spielen wird?
Vielleicht beide. Ich habe König gesagt: Wenn wir verlieren, bist du schuld. Und mein Assistent Ercüment Sahin ist schuld, wenn wir keine Tore schiessen (lacht).

Sie haben in Aarau einen Einjahresvertrag unterschrieben. Das lässt nicht auf grosses Vertrauen schliessen.
Sie sehen das falsch. Wenn ich schlecht arbeite, nützt mir auch ein Dreijahresvertrag nichts. Ausserdem gibt es eine Klausel, die bei entsprechenden Resultaten eine Verlängerung um ein Jahr vorsieht.

Verdienen Sie in Aarau mehr als in Lugano?
Nein, etwa gleich viel. Wie gesagt: Das Geld war nicht entscheidend. Was aber nicht bedeutet, dass ich diesen Job auch für 2000 Franken machen würde.

Mit 48 wurden Sie erstmals Vater. Und im Dezember kommt Ihr zweites Kind zur Welt.
Wie in vielen anderen Dingen bin ich auch bei der Familiengründung spät dran. Aber es ist richtig gut so, wie es ist. Denn meine Familie sorgt für einen Ausgleich. Immer nur Fussball, Fussball, Fussball – das macht dich krank.

Wo sind Sie mit 60?
Auf dem Fussballplatz – hoffentlich.

In Aarau?
Wo, das ist egal. Ich habe unglaubliches Glück. Denn einen Grossteil meiner Aufgaben, wie Trainings zu leiten, empfinde ich nicht als Arbeit. Eigentlich sollte ich kein Geld für das Training fordern, sondern einzig für repräsentative Aufgaben.

Also bedeutet dieses Interview Arbeit für Sie?
Ja.

Und das Spiel?
Doch, das ist Arbeit. Insbesondere die letzten 30 Minuten vor einem Spiel sind furchtbar. Denn da kannst du nichts machen.

Was machen Sie in diesen 30 Minuten?
In Lugano ist meist der Präsident zu mir gekommen und wir haben ein bisschen gequatscht.

Gab es je eine berufliche Alternative zum Fussball?
Nein, ich habe zwar eine Lehre als kaufmännischer Angestellter absolviert. Aber ich würde auch dann nicht tauschen, wenn ich viel mehr verdienen würde.

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