Leichtathletik
Eine Aargauerin auf dem Sprung an die Weltspitze – und warum Kleinigkeiten entscheiden

An der U20-WM gewann die Aargauer 800-m-Läuferin Valentina Rosamilia Silber. Für die 18-Jährige war die Reise nach Kenia aber nicht nur deshalb sehr wertvoll. Es war für sie ein weiterer Schritt in Richtung Weltspitze, die ihr von Experten bereits vorausgesagt wird.

Martin Probst
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Valentina Rosamilia vom BTV Aarau überzeute an der U20-WM und gewann Silber.

Valentina Rosamilia vom BTV Aarau überzeute an der U20-WM und gewann Silber.

Ulf Schiller

Es gibt Dinge, die passieren fast ein wenig versteckt, irgendwann im Rennen. Es sind Momente im Schatten des Zielsprints oder der Medaillenübergabe.

Zumindest für die Zuschauer. Doch für die Läuferinnen und Läufer sind sie oft ebenso wichtig – und manchmal sogar noch wichtiger. Weil sie nicht nur den unmittelbaren Erfolg ermöglichen, sondern die Basis für eine erfolgreiche Zukunft sind.

Valentina Rosamilia erlebte einen solchen Moment. Etwa bei Hälfte des 800-m-Rennens an der U20-WM in Nairobi, als eine kleine Lücke zu den zwei vor ihr laufenden Athletinnen entstand und Rosamilia nichts tat – und damit alles richtig.

Aus der Vergangenheit gelernt

«An der U20-EM kam es zu einer ähnlichen Situation. Dort schloss ich die Lücke und zog das ganze Feld mit.» Während dies in Tallinn dazu führte, dass ihr in der letzten Phase des Rennes Kräfte fehlten, «hatte ich in Kenia durch mein Abwarten noch die Möglichkeit, mich nach vorne zu verbessern».

In Estland gewann Rosamilia EM-Bronze. In Nairobi WM-Silber. Weil sie aus der Vergangenheit gelernt hatte.

Valentina Rosamilia mit der Silbermedaille, die sie an der U20-WM in Nairobi gewonnen hat.

Valentina Rosamilia mit der Silbermedaille, die sie an der U20-WM in Nairobi gewonnen hat.

Jean-Pierre Durand

Die Analyse des EM-Rennens hatte gezeigt, dass die 18-Jährige in gewissen Momenten ruhiger sein sollte. «Lockerer», wie sie sagt, um auf ihre Stärken zu vertrauen. Und Rosamilia tat genau dies.

Die Uhr irgendwie aus dem Kopf bekommen

Eine weitere Erkenntnis aus Tallinn war, dass an einem Wettkampf mit drei Läufen an einem Tag persönliche Bestzeiten nur sekundär sind. «Es geht dann vor allem darum, die Rennen gut einzuteilen», sagt Rosamilia.

Und das ist für junge Sportlerinnen und Sportler nicht einfach. Weil das Ziel, die persönliche Bestzeit zu verbessern, oft mitläuft. Auch dann, wenn es nicht sollte. Die Uhr in solchen Phasen aus dem Kopf zu bekommen, musste Rosamilia ebenfalls erst lernen. In Nairobi gelang ihr genau das und damit ein nächster Schritt in Richtung Weltklasse, die ihr viele Experten bereits heute voraussagen.

So wurde sie vom nationalen Verband Swiss Athletics als eine von 13 Athletinnen und Athleten in das Förderprogramm «World Class Potentials» aufgenommen, das, wie es der Name schon sagt, aus Potenzial Weltklasse machen will.

Langfristige Ziele wichtiger als kurzfristige Verlockungen

Und tatsächlich kennt der Weg von Rosamilia derzeit fast nur eine Richtung: nach oben. Oder bei ihr besser passend: schneller ins Ziel. Sie selbst sagt: «Natürlich freuen mich die Erfolge. Aber ich werde weiterhin kurzfristige Ziele verfolgen. Und versuchen, mich Schritt für Schritt zu verbessern.»

Wer der Aargauerin aus Hunzenschwil zuhört, spürt, dass dies nicht nur Floskeln sind. Sie sagt:

«Ich bin jung, es geht immer auch darum, dazuzulernen.»

So wägte sie sogar ab, ob es Sinn macht, einen zweiten Grossanlass innert einem Monat zu bestreiten, als sie kurzfristig für die U20-Weltmeisterschaft in Nairobi selektioniert wurde.

Es ist ein weiterer Beweis, dass sie bereit ist, langfristige Ziele über kurzfristige Verlockungen zu stellen. Sofern es der Entwicklung hilft.

Dass sie sich für eine Teil­nahme entschied, ist ein Stück weit auch Zufall. Nach der U20-EM reiste sie in ein schon lange vor der WM-Selektion geplantes Trainingslager in St. Moritz. Das Höhentraining stellte sich mit Blick auf die Titelkämpfe im auf 1800 m. ü. M gelegenen Nairobi als ideale Vorbereitung heraus. «Ich habe einzig eine zusätzliche Woche in St. Moritz angehängt, um nicht noch einmal für kurze Zeit die Höhe zu verlassen», sagt sie.

Ungewohntes Essen als neue Erfahrung

Die Reise nach Kenia hat sich für sie aber nicht nur aufgrund des Silber-Erfolgs gelohnt. Rosamilia konnte auch abseits der Rennen neue Erfahrungen machen. «So habe ich mich beispielsweise zum ersten Mal in meiner Karriere vor den Rennen ganz anders ernährt, als ich es mir gewohnt bin.»

Dies weil es in Nairobi lokale Spezialitäten statt Pasta gab. Dass ihr trotzdem («das Essen war sehr gut») gewohnte Leistungen gelangen, wird ihr helfen, immer flexibel zu bleiben.

Am Donnerstag durfte sie im Vorprogramm des Diamond-League-Meetings Athletissima Lausanne den 800 m bestreiten. Rosamilia belegte in einem gut besetzten Teilnehmerfeld den 9. Rang. Auch dieses Rennen wird sie in ihrer Entwicklung weiterbringen.

Valentina Rosamilia (l.) sammelte in Lausanne wertvolle Erfahrungen.

Valentina Rosamilia (l.) sammelte in Lausanne wertvolle Erfahrungen.

Marc Schumacher

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