Der Weg nach Tokio

Laufe nicht, wenn du sitzen kannst, sitze nicht, wenn du liegen kannst

Aline Seitz peilt die Olympischen Spiele an.

Aline Seitz peilt die Olympischen Spiele an.

Die Olympischen Sommerspiele 2020 sind das grosse Ziel der vier Aargauer Athleten Oliver Hegi (Kunssturnen), Aline Seitz (Rad Bahn), Ciril Grossklaus (Judo) und Michelle Heimberg (Wasserspringen). In ihrer wöchentlich erscheinenden Kolumne geben sie abwechselnd Einblicke in ihren Alltag auf dem Weg nach Tokio. Diesmal Aline Seitz.

Fitnessuhren und Schrittzähler sind in der heutigen Zeit gang und gäbe. Und ich gebe zu, auch ich trage ein solches Ding ständig an meinem linken Handgelenk. Mein täglich von der Uhr vorgegebenes Schrittziel liegt immer un­gefähr zwischen 4700 und 5000 Schritten. Mein Ziel ist es aber nicht etwa, diese Anzahl an Schritten zu er­reichen. Ich versuche, wenn möglich, weit darunter zu sein.

Auf der Bahn kann ich während 40 Minuten mit einer Geschwindigkeit von über 50km/h umherflitzen. Was das Gehen und Herumstehen betrifft bin ich aber das grösste Mimösli überhaupt. Stichwort Passkontrolle am Flughafen, wenn ich 15 Minuten in der Schlange stehe: müde Beine – warum gibt es hier keine Sitzgelegenheiten? Vom Bahnhof nach Hause schlendern: schwere Beine. Im Zug keinen Sitzplatz finden: lieber nicht in den Stosszeiten unterwegs sein. Weihnachtsspaziergang mit der Familie: Nun ja, da habe ich eine Ausnahme gemacht.

Strikte Bettruhe wenn möglich

Da ich so viel in der Welt herumreise, bekomme ich oft die Frage gestellt, ob ich auch etwas vom Land oder der Stadt sehe. Glücklicherweise sind wir auf dem Rad unterwegs und können während der Trainings durch Landschaften sausen und die Natur ent­decken. Sind wir aber zum Beispiel für einen Weltcup in einer Grossstadt, trainieren wir meistens direkt auf der Bahn oder im Hotel auf der Rolle. Letzteres ist ein Gerät, auf dem man mit dem Fahrrad an Ort und Stelle fahren kann.

Damit unsere Beine für die Rennen top fit sind gilt Bett­ruhe. Sind wir also nicht auf dem Fahrrad, liegen wir im Hotelzimmerbett. Es wird uns eingetrichtert: Gehe nicht, wenn du stehen kannst. Stehe nicht, wenn du sitzen kannst. Sitze nicht, wenn du liegen kannst. Und schlafe, wenn du schlafen kannst.

Eine letzte Chance

Durch die Strassen bummeln oder Sehenswürdigkeiten be­staunen – das machen wir eigentlich nie. Ausser es bleibt noch Zeit nach dem Rennen. Das grosse Plus der Unterkunft, in der ich im Moment bin, ist ein Café, welches nur eine Gehminute entfernt ist. So können auch wir ab und zu für ein paar Minuten aus dem Zimmer und in eine andere Umgebung eintauchen.

Ich schreibe diese Kolumne in Kanada, genauer gesagt aus Milton. Dies Stadt liegt nicht weit von Toronto entfernt. Hier bestritten wir den letzten Weltcup der Saison. Rang Nummer acht und somit unser bestes Saisonergebnis schaute bei diesem Weltcuprennen heraus.

Klingt zuerst einmal nicht schlecht. Für die Olympia-Qualifikation wird es aber trotzdem nochmals sehr, sehr eng. Uns bleibt nun nur noch die Weltmeisterschaft Ende Februar. Dort gibt es doppelt so viele Punkte wie in einem Weltcuprennen zu gewinnen. Dies kann uns zu Gute kommen, oder aber auch das Gegenteil bedeuten. Wir stehen auf Messers Schneide.

Der Montag ist für mich – ­anders als für viele – eigentlich nie ein nerviger Tag. Es ist mein Sonntag, meist trainingsfrei, und dieses Mal der Reisetag nach dem Weltcupwochenende in Kanada. Unser Flug geht erst am Abend. Warum also nicht Toronto besuchen und für einmal das Schrittziel meiner Uhr erreichen? Ich benutze sie ja sonst sowieso nur, um die Zeit abzulesen.

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