Als Psychologe sieht Lars Pissoke sich nicht. «Das wäre zu extrem ausgedrückt. Ich würde es eher Motivator nennen.» Der 37-Jährige ist als neuer Trainer der Staffel über 4 x 100 Meter vor allem eines: Nothelfer. Die Staffel wurde über Jahre hinweg vom nationalen Verband Swiss Athletics aufgebaut.

Nach dem Zuschlag für die EM 2014 in Zürich sollte das Sprinterquartett deren Flaggschiff sein. 2010 lief die Staffel an den Europameisterschaften in Barcelona auf den vierten Platz. Träumen von einer Medaille im Letzigrund war plötzlich erlaubt.

Im vergangenen Jahr geriet das Erfolgsprojekt jäh ins Stocken. Verletzungen, Verzichtserklärungen und Formtiefs führten dazu, dass die Schweizer Saisonbestzeit nicht von der Aktiv-, sondern von einer Junioren-Staffel aufgestellt wurde. Der Verband verzichtete in der Folge darauf, die bereits qualifizierte Staffel für die WM in Moskau zu selektionieren.

Das neue Aushängeschild ist die Frauenstaffel, deren Mitglieder ihre Topleistungen zum besten Zeitpunkt abriefen und in Russland einen neuen Schweizer Rekord aufstellten.

Ein überraschender Trainerwechsel

Staffeln sind Mannschaften. Im Misserfolgsfall greifen dieselben Mechanismen wie in klassischen Teamsportarten: Der Trainer muss gehen. Lucio di Tizio, der das Projekt Männerstaffel während fast zehn Jahren vorangetrieben hatte, wurde in den Nachwuchs versetzt.

An seine Stelle ist der vormalige U18-Staffeltrainer Lars Pissoke getreten, der darüber hinaus in der LV Wettingen-Baden sowie im Aargauer Kantonalverband die Sprinter trainiert. Bei dieser Beförderung überraschten Zeitpunkt und Personalie gleichermassen. Peter Haas, Chef Leistungssport von Swiss Athletics, erklärt: «Wir hatten Lars seit langem im Auge als ein Trainer mit Potenzial für mehr. Jetzt ging es halt sehr schnell.» Auf die Gründe für den Wechsel angesprochen, nennt Haas mehrmals einen: «Ruhe in das Team bringen.»

Der Verantwortliche führt das nicht weiter aus. Die aus beiderseitiger Impulsivität entstandenen Reibereien zwischen Trainer di Tizio und den Athleten sind ohnehin bekannt. Früher bewertete man die fliegenden Späne durchaus als Grund für den Erfolg. Nun steht die Harmonie an oberster Stelle. «Die Staffel ist nicht gerade einfach zu führen, denn normalerweise sind die Läufer Konkurrenten», hält Peter Haas fest. Kommt dazu, dass sich der Verband angesichts der einzigartigen Möglichkeit einer Heim-EM keinen Vorwurf machen will: «Wir wollen alles Erdenkliche dafür tun, dass die Staffel in Zürich ihr Ziel erreicht.»

Dieses Ziel ist - die Qualifikation vorausgesetzt - ein Platz im Final der besten Acht. Pissoke weiss, dass er daran gemessen wird. Der Badener glaubt an einen Platz unter den ersten fünf, «mit sehr viel Glück liegt vielleicht sogar eine Medaille drin». Der ehemalige Nationalstaffelläufer hat die aktuelle Ausgabe in einem «völlig heterogenen Zustand» angetroffen. «Zu meiner Zeit sind wir manchmal zusammen in den Ausgang, haben den Teamgeist gepflegt. Heute gibt es Athleten, die es nach Möglichkeit vermeiden, miteinander zu reden.»

Wenig Perspektive als Einzelathlet

Als früherer Handballer im TV Endingen sei ihm der Mannschaftsgedanke nie schwergefallen. Den will er auch den heutigen Mitgliedern einimpfen: «In Sprintern steckt immer eine Portion Diva, gewisse haben Starallüren. Meine Aufgabe ist, sie auf den Boden zurückzuholen und ihnen aufzuzeigen, dass sie mit der Staffel grössere Chancen auf eine Topplatzierung haben, denn als Einzelstarter.»

Pissokes Mandat läuft - unabhängig vom Erfolg - aus beruflichen Gründen nur bis Ende August. Ob der Personalberater in der Zukunft nach Möglichkeit ganz auf die Leichtathletik setzen wird, lässt er offen. Aus
seiner Sicht beinhalte die unverhoffte Aufgabe kein Risiko, sondern sie sei eine Chance, die es wahrzunehmen gelte.