Curling

Kollaps vor Olympia-Final: Luzia Ebnöthers Drama von Salt Lake City

Luzia Ebnöther, Sekunden nach der Finalniederlage gegen Grossbritannien.

Luzia Ebnöther, Sekunden nach der Finalniederlage gegen Grossbritannien.

Curlerin Luzia Ebnöther, heute Coach des Frauenteams von Baden Regio, erinnert sich, wie sie an den Olympischen Spielen 2002 unter widrigsten Umständen die Silbermedaille gewann.

«Es ist mitten in der Nacht. Ich ringe in meinem Zimmer nach Luft, kann kaum atmen. Der Versuch, die Verbindungstür zu meinen Teamkolleginnen Tanya Frei und Nadia Röthlisberger zu erreichen, misslingt. Ich breche zusammen, so wird mir später erzählt. Ich werde ohnmächtig. Tanya und Nadja schrecken auf und schlagen Alarm.

Sie verständigen den Olympia-Arzt Beat Villiger. Er gibt mir eine Spritze. Diagnose: Kollaps des Zwerchfells. In wenigen Stunden beginnt die Partie gegen Grossbritannien. Der Karrierehöhepunkt – und jetzt das. Alles lief so gut. Zweiter Platz nach der Round Robin, im Halbfinal ein deutlicher Sieg gegen die USA.

Nachdem die Spritze gewirkt hat, besprechen wir die Lage. Kann ich spielen? Ich beschliesse, dass ich mich für die Dauer des Finals zusammenreissen kann. Ob der Entscheid aus heutiger Sicht richtig war? Definitiv ja. Ich hätte mir wohl ein Leben einen Vorwurf gemacht. Wie ich es geschafft habe, ist aber schwierig zu sagen. Ich habe versucht, den Fokus zu behalten und mir gesagt: Erledige deinen Job! Ich befand mich wie in einer Blase.

3:3 nach dem 10. End

Die Uhr zeigt 14.30, der Final beginnt. Äusserlich merkt man mir nichts an. Das Spiel verläuft ausgeglichen. Wir sind im 10. End. Es steht 3:3. Die Britinnen haben aber den Vorteil des letzten Steins. Skip Rhona Martin gibt den Stein ab. Es sind wohl die 20 längsten Sekunden meines Lebens. Tausend Sachen schiessen mir durch den Kopf.

Mein letzter Stein war gut. Rhona hat eine knifflige Aufgabe zu lösen. Der Stein curlt Richtung Zentrum. Er bleibt liegen. Sind wir Olympiasieger? Zweite? Haben wir verloren? Sind wir die Heldinnen? Zwei Zentimeter entscheiden – gegen uns! Nun brechen alle Dämme. Ich kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Die emotionale Chilbi beginnt. Sportlich ist es der schlimmste Moment, persönlich vielleicht der grösste Sieg. Auf dem Weg zur Flower Ceremonie begegnen wir den drittplatzierten Kanadierinnen. Sie meinen, das sei doch nicht so tragisch. Wenn sie wüssten!

Es geht weiter. Auf der Medal Plaza erhalten wir die Silbermedaille umgehängt. Danach beginnt der Medien-Marathon. Mit einer Kutsche fahren wir ins House of Switzerland. Keine Ahnung, was alles passiert ist, aber ich weiss, dass ich nach der ersten Enttäuschung langsam eine Freude über das Erreichte verspürte.

Karriere vor sechs Jahren beendet

Zwölf Jahre sind seither vergangen. Meine Curlinglaufbahn habe ich vor sechs Jahren beendet. Mittlerweile coache ich das Team Baden Regio mit Skip Alina Pätz. Die Ereignisse von Salt Lake City sind nach wie vor präsent. Ich habe diese Geschichte bis heute nie an die grosse Glocke gehängt. Ich hatte die Befürchtung, dass es nach einer Ausrede klingen könnte. Unnötig Staub aufwirbelt. Weil ich im entscheidenden Moment nicht meine beste Leistung abrufen konnte.

Bis heute habe ich in der Öffentlichkeit nicht darüber gesprochen, über das, was damals geschah. Es dauerte seine Zeit, bis ich die Dinge richtig einordnen konnte. Wenn ich die Bilder des letzten Steins sehe, bekomme ich noch immer wässerige Augen. Ich weiss aber, dass ich jenen 21. Februar unterdessen verarbeitet habe. Im Negativen wie im Positiven. Es war in jeder Hinsicht ein Spiel des Lebens.»

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