Team Aargau
Knatsch gelöst? So soll es weitergehen mit den grössten Aargauer Fussballtalenten

Der FC Aarau, der FC Wohlen und der FC Baden taten sich einst zusammen, um ihre besten Junioren zu fördern. Zuletzt knirschte es im Gebälk - nun soll unter dem neuen sportlichen Leiter Sven Christ wieder das Wichtigste im Fokus stehen: Die Jugend.

Sebastian Wendel
Drucken
Teilen
In den Aargauer Profiteams soll künftig wieder mehr Aargau drin sein.

In den Aargauer Profiteams soll künftig wieder mehr Aargau drin sein.

Zur Verfügung gestellt

Der Tadel kommt von höchster Stelle. Im Interview mit der «Aargauer Zeitung» Anfang September sagt Regierungsrat Alex Hürzeler zur verworrenen Situation im Team Aargau: «Der Ertrag ist definitiv nicht in meinem Sinn, ich erhoffe mir eine Veränderung und habe das bei den Verantwortlichen platziert.»

Der Vorsteher des Departements für Bildung, Kultur und Sport (BKS) weiter: «Es darf nicht sein, dass die grössten Talente mangels Perspektiven in Basel, Bern oder Zürich landen. Gegen diesen Trend kann eine klare Hierarche zwischen den Klubs helfen.»

2006 wird die Juniorengruppierung «Team Aargau» gegründet. Die Partnerschaft der drei grössten kantonalen Fussballklubs FC Aarau, FC Wohlen und FC Baden soll unter dem Motto «die Besten mit den Besten» eine optimale Talentförderung garantieren. Finanziert wird der Verein Team Aargau unter anderem vom BKS, das jährlich rund 160 000 Franken überweist.

Gute Beispiele gibt es einige. Das bekannteste ist Silvan Widmer, Schweizer Nationalspieler und Stammkraft beim Serie-A-Klub Udinese. Als Kind trat er dem FC Baden bei, ehe ihm via Team Aargau und der Profimannschaft des FC Aarau der Sprung auf die grosse Bühne gelang. Andere gelungene Produkte sind Marco Thaler, Mats Hammerich, Miguel Peralta (alle bei Aarau), Joël Geissmann (Lausanne), Joël Mall (Darmstadt) oder Loris Benito (YB).

Ein «gelungenes Produkt»: Mats Hammerich.

Ein «gelungenes Produkt»: Mats Hammerich.

Marc Schumacher/freshfocus

Doch in den vergangenen Monaten knirscht es im Gebälk. Streitigkeiten zwischen Funktionären werden auf dem Rücken der Talente ausgetragen, Personalrochaden finden ohne Absprache statt und die U21 schafft den seit Jahren angepeilten Aufstieg in die 1. Liga erneut nicht.

Im Frühling hat der langjährige sportliche Leiter Sascha Stauch genug und wechselt zum nationalen Fussballverband. Auf ihn folgt Sven Christ. Es ist der erste von zwei entscheidenden Personalwechseln für den Neustart: Der zweite folgt Mitte August mit der Beförderung von Sandro Burki zum Sportchef des FC Aarau.

Als eine seiner ersten Amtshandlungen besucht Burki alle Mannschaften des Team Aargau und verspricht: «Bevor ich einen Spieler in der Schweiz oder im Ausland suche, schaue ich mich bei Euch um!»

Aaraus Sportchef Sandro Burki (links) und sein Trainer Marinko Jurendic.

Aaraus Sportchef Sandro Burki (links) und sein Trainer Marinko Jurendic.

Urs Lindt/freshfocus

Die Talente müssen eine Perspektive haben. Es wird immer Fälle geben, in denen Talente wegen finanzieller oder anderer Verlockungen das Team Aargau verlassen. Aber es darf nicht mehr sein, dass sie es wegen Perspektivlosigkeit tun. Und für die Spieler, die abwandern, soll die Rückkehr nach Wohlen, Aarau oder Baden immer eine interessante Option sein.

Dies ist der Tenor, in den alle Entscheidungsträger des Team Aargau einstimmen. Im Hintergrund laufen Gespräche und sind Projekte zur Gesundung der Aargauer Talentförderung angestossen.

Philosophie

Mit Christ ist ein sportlicher Leiter am Werk, der sich als «Praktiker» bezeichnet. «Meine Vorgesetzten werden von mir keine 50-seitigen Dokumentationen erhalten – meine Ideen habe ich auf vier A4-Seiten vorgestellt. Ich verstehe meine Aufgabe darin, viel auf dem Platz zu stehen und die Junioren zu spüren.»

Vorgänger Sascha Stauch, der Theoretiker, hat eine ausführliche Konzeption verfasst, Christ soll diese umsetzen. Dies zusammen mit weiteren ehemaligen Profis des FC Aarau, die Glaubwürdigkeit bei den Junioren und Identifikation gegen aussen schaffen sollen. Sven Lüscher ist bereits fest integriert, der nächste soll Juan Pablo Garat sein, der erste Trainererfahrungen als Assistent bei der U18 sammelt.

Sven Christ: Sportlicher Leiter Team Aargau «Jeden Frühling wollen wir den Trainern der Aargauer Profiteams drei Spieler anbieten.»

Sven Christ: Sportlicher Leiter Team Aargau «Jeden Frühling wollen wir den Trainern der Aargauer Profiteams drei Spieler anbieten.»

KEYSTONE/ALEXANDRA WEY

Und im Januar kehrt Reto Jäggi mit einem 50-Prozent-Pensum als Konditionstrainer beim Team Aargau ins Brügglifeld zurück. Christ hat klare Vorstellungen: «Der Teamerfolg ist sekundär, individuelle Förderung ist gefragt.

Pro Jahrgang wollen wir mindestens einen Nationalspieler stellen. Und jeden Frühling wollen wir den Trainern der Aargauer Profiteams drei Spieler anbieten, die mindestens den Ansprüchen in der Challenge League genügen.»

Für die Umsetzung entscheidend ist die Bereitschaft der Profiteams. Mit Marinko Jurendic (Aarau) und Ranko Jakovljevic (Wohlen) sind die Trainerposten vielversprechend besetzt: Beide sind Befürworter der Jugend.

In einer idealen Welt bildet künftig eine starke Mittelachse (Goalie, Innenverteidiger, zentrales Mittelfeld, Stürmer) das Gerüst der Aargauer Profiklubs, die restlichen Positionen werden mit Eigengewächsen besetzt.

Finanzen

Der Verein Team Aargau operiert mit einem Jahresbudget von rund 800 000 Franken. Die Hälfte davon sind Gelder vom nationalen Verband, mit denen 450 Stellenprozente (Trainer, Talentmanager, Physiotherapeuten, sportlicher Leiter) finanziert werden.

20 Prozent des Budgets kommen vom Kanton, 10 bis 15 Prozent von Sponsoren, den Rest finanzieren die Partner: Dabei ist der Beitrag des FC Aarau mehr als drei Mal so hoch wie jener des FC Wohlen, der FC Baden zahlt nur einen symbolischen Beitrag.

Im nationalen Vergleich sind die 800 000 Franken bescheiden. Darum wird der Aufstieg der U21 in die 1. Liga so vehement angestrebt: In diesem Falle würden weitere 50 000 Franken vom nationalen Verband fliessen.

Aber: Schafft man – was absehbar ist – den Aufstieg auch in der aktuellen Saison nicht, dürfte die Zeit der U21 ablaufen. Ihre Rolle könnte der Erstligist FC Baden übernehmen. Das Team Aargau würde neu ab der U15 bis und mit U19 für jedes Alter ein Team stellen. Die U21 ist aus dem einfachen Grund ein Auslaufmodell: Für Spieler, die es nach der U19 nicht in ein Profiteam schaffen, ist der Traum von der Profikarriere in der Regel ausgeträumt.

Zusammenarbeit

Als vor einem Jahr zur Diskussion stand, die Aarauer Mats Hammerich und Raoul Giger zwecks Spielpraxis an Wohlen auszuleihen, legte die Führung ihr Veto ein. Begründung: Solange Francesco Gabriele Trainer in Wohlen sei, gebe Aarau keine Spieler ins Freiamt ab.

Oder: Im Januar 2017 holt der damalige FCA-Sportchef Raimondo Ponte den 2.- Liga-Stürmer Tim Hemmi zu den Profis: Für Hemmi eine tolle Geschichte, für Spieler und Trainer der U21 eine schallende Ohrfeige: Sie trainieren sechs Mal wöchentlich, reisen für die Spiele im ganzen Land herum und werden dann bei der Aufrüstung des Profikaders von Ponte übergangen.

Tim Hemmi: Im Trikot der Aarauer.

Tim Hemmi: Im Trikot der Aarauer.

freshfocus

Oder: Für die laufende Saison soll Olivier Joos, dritter Goalie beim FCA, nach Baden ausgeliehen werden. Die Badener aber wollen ihn nicht, sondern holen einen Goalie aus Delémont. Oder: Gemäss Wohler und Badener Exponenten hat der FC Aarau ohne Rücksprache mit den Partnerklubs Trainer für das Team Aargau eingestellt.

Alles Fälle, die den Grundgedanken des Team Aargau torpedieren. «Das darf nicht mehr vorkommen», sagt Sven Christ, «Sandro Burki und ich haben die Gespräche mit den anderen Klubs aufgenommen und ich bin zuversichtlich, dass persönliche Differenzen nicht mehr länger auf dem Rücken der Junioren ausgetragen werden.»

Das Ungleichgewicht bei den Sockelbeiträgen ist ein weiterer Streitpunkt unter den Klubs. Ein Beispiel: Die Ablösesumme von Udinese für Silvan Widmer (über 1 Million Franken) floss nur in die Kasse des FC Aarau – obwohl Baden und Wohlen mit ihren Beiträgen indirekt auch zur Ausbildung Widmers beigetragen haben.

Der FC Aarau argumentierte, er würde mit Abstand den höchsten Sockelbeitrag zahlen, also stünde ihm die gesamte Ablösesumme zu. Aus unternehmerischer Sicht verständlich.

René Meier, der Ehrenpräsident des FC Wohlen, hingegen sagt: «Ablösesumme und Sockelbeiträge sind zwei Paar Schuhe. Und sowieso: Würde man nach der Anzahl der Spieler abrechnen, die der jeweilige Partnerklub im Team Aargau stellt, käme man auf ein ähnliches Verhältnis der Beiträge.»

René Meier: Ehrenpräsident FC Wohlen «Die historisch gegebene Hierarchie Aarau vor Wohlen vor Baden wird von uns unterstützt.»

René Meier: Ehrenpräsident FC Wohlen «Die historisch gegebene Hierarchie Aarau vor Wohlen vor Baden wird von uns unterstützt.»

Alexander Wagner

In einem Punkt sind sich Meier und Team-Aargau-Präsident Urs Bachmann, ein FCA-Vertreter, einig: Künftig soll ein internes Transfersystem gelten. Spieler sollen ablösefrei oder zu vergünstigten Konditionen innerhalb der drei Partnervereine wechseln können.

Weil dies momentan nicht so ist und Wohlen die Ausbildungsentschädigungen (40 000 Franken pro Jahr) nicht zahlen will, leiht Meier Spieler aus den Juniorenabteilungen von Basel, GC, Luzern, YB und dem FCZ aus.

Zudem sollen künftig beim Transfer eines Team-Aargau-Spielers zehn Prozent der Ablösesumme in die Kasse der Juniorengruppierung fliessen. Dieses Geld könnte für Spezialtrainings oder Trainingslager verwendet werden. Auch für diese Ideen gilt: Die Gespräche laufen.

Urs Bachmann: Präsident Team Aargau «Wir sind uns im Klaren, dass Verbesserungen nötig sind, und werden Geld bereitstellen.»

Urs Bachmann: Präsident Team Aargau «Wir sind uns im Klaren, dass Verbesserungen nötig sind, und werden Geld bereitstellen.»

Alex Spichale

Struktur

Die Strukturen des Team Aargau erfüllen die Anforderungen für das «Label 1», die höchste Qualitätsstufe im Junioren-Spitzenfussball. Sie sichert die rund 450 000 Franken Verbandsgelder. Mehr Trainerpersonal einzustellen, ist aktuell kein Thema, dafür soll an anderen Fronten aufgerüstet werden.

Die Exponenten des FC Aarau und des FC Wohlen haben realisiert, dass zuletzt zu viel Geld für Transfers von zu alten und ausländischen Spielern verschleudert wurde.

Das Geld soll künftig nachhaltig investiert werden: etwa in ein professionelles und flächendeckendes Scouting im Kanton Aargau. Für dieses Projekt wurde als Partner des Team Aargau der Aargauische Fussballverband (AFV) ins Boot geholt.

Künftig sollen die Juniorentrainer der AFV-Vereine dem Team Aargau ab dem Alter von zehn Jahren ihre grössten Talente melden. Warum so früh? Die nationalen Grossklubs machen es so.

Will man die besten Talente im Aargau behalten, muss das Team Aargau das Spiel mitmachen. Ein Vorteil für die Dorfklubs: Sollte ihr Junior bei einer der jährlichen Selektionen aus dem Raster fallen, erhalten sie einen top ausgebildeten Spieler retour.

Weiter will das Team Aargau unter dem sportlichen Leiter Sven Christ in die individuelle Betreuung der Spieler investieren. Was zum Beispiel heisst: U-Nationalspieler und Talente im Dunstkreis der Profiteams sollen Verträge und einen kleinen Lohn erhalten.

Einerseits, um ihnen eine Perspektive zu geben. Andererseits, um sie an das Team Aargau zu binden. Zurzeit hat gemäss Christ kein Spieler des Team Aargau einen Vertrag.

Fazit

Dass das Konstrukt Team Aargau Sinn macht, hat die Vergangenheit bewiesen. Doch entscheidende Punkte müssen verbessert werden: Vor allem die Zusammenarbeit der Partnervereine darf nicht mehr von Egoismen geleitet sein, sondern nach dem Motto: für die Jugend. Die ausgesendeten Signale sind positiv. Nun braucht es Durchhaltewille und Geduld, bis die ersten Früchte der Anstrengungen geerntet werden können.