FC Aarau
Klartext vom neuem FCA-Sportchef Sandro Burki: „Es ist traurig, wir sind am Tiefpunkt“

Seit Monaten zeigt die Formkurve beim FC Aarau bergab. Mit der Installation von Sandro Burki als neuer, starker Mann will der Verein endlich aus der Krise finden. Doch Burki steht vor einem Scherbenhaufen.

Sebastian Wendel und Ruedi Kuhn
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Burki
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Der FC-Aarau-Präsident Alfred Schmid (links) und sein neuer Sportchef Sandro Burki. freshfocus
Burki fühlt sich als neuer Sportchef wohl
Ein Bild mit Symbolcharakter: Sandro Burki (31), hier noch als Spieler, klatscht mit seinem Vorgänger Raimondo Ponte (62) ab.Freshfocus
Sandro Burki (hier am Ball) beendet seine Spieler-Karriere und wird neuer Sportchef beim FC Aarau

Burki

Fabio Baranzini

Vom Platz auf den Chefsessel: Am Donnerstag wird Sandro Burki zum neuen starken Mann des FC Aarau bestimmt. Am Tag danach treffen wir den 31-Jährigen zum Interview. Sein Büro hat Burki noch nicht bezogen, noch lagern dort die Utensilien von Vorgänger Raimondo Ponte. Also findet das Gespräch unter dem Dach der Haupttribüne im Stadion Brügglifeld statt. Mit bester Sicht auf das Spielfeld, wo der FCA unter Burkis Führung wieder zum Siegen zurückfinden soll. Am besten schon am Sonntag gegen den FC Vaduz.

Sind Sie sich bewusst, dass Sie sich verändern müssen?

Warum verändern?

Als Spieler hatten Sie den Ruf, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Als Sportchef müssen Sie «beissen», vor allem beim FC Aarau.

Ich bin seit über elf Jahren in Aarau und habe immer wieder gegen grosse Widerstände angekämpft. Obwohl oft die Möglichkeit bestand, woanders hinzugehen.

Als Sportchef kommen Situationen auf Sie zu, in denen Sie sich unbeliebt machen werden.

Wer nicht hart sein kann, geht in diesem Geschäft unter. Ich in ein umgänglicher Typ – aber auch als solcher kann man harte Entscheide mitteilen. Dafür muss man sein Gegenüber nicht anbrüllen.

Sandro Burki ist zuversichtlich als Sportchef. Fabio Baranzini Sandro Burki, portratiert im Stadion Brügglifeld Sandro Burki, Sportchef FC Aarau

Sandro Burki ist zuversichtlich als Sportchef. Fabio Baranzini Sandro Burki, portratiert im Stadion Brügglifeld Sandro Burki, Sportchef FC Aarau

Fabio Baranzini | Baranzini Fotografie und Texte | www.baranzini.ch

Sie werden langjährige Mitspieler, die zu Freunden geworden sind, enttäuschen müssen.

Das ist eine Herausforderung. Aber ich diene zum Wohl des FC Aarau. Das Verhältnis mit meinen ehemaligen Mitspielern hat jetzt zwei Dimensionen: Die berufliche, in denen es um den FCA geht. Und die private, in denen wir andere Themen besprechen. Das verlange ich von den Jungs, dass sie da unterscheiden können.

Haben Sie Angst, Ihren guten Ruf zu verlieren?

Den will ich gar nicht. Mich muss niemand mögen. Ich freue mich sogar auf die unpopulären Entscheide, weil sie dringend nötig sind, dass der FC Aarau wieder erfolgreich wird. Ich will, dass der Klub wieder Freude macht. Wenn wir hier oben auf der Tribüne sitzen und auf den Platz blicken (Burki zeigt mit dem Finger nach unten; d. Red.), sehe ich die Bilder von legendären Spielen, von den Emotionen auf dem Rasen und beim Publikum. Das braucht es hier wieder, das Feuer muss wieder lodern.

Wie haben die Spieler darauf reagiert, dass Sie plötzlich Ihr Chef sind und über ihre berufliche Zukunft richten werden?

Jeder, der sich nicht gefreut hat, hat den Fehler vermieden, es bereits am ersten Tag mit mir zu verscherzen (lacht). Im Ernst: Die Reaktionen waren positiv. Am Donnerstag habe ich mich vor der Mannschaft als Spieler verabschiedet, mich bedankt für eine tolle Zeit. Ich hatte mit allen als Teamkollege ein gutes Verhältnis, mit einigen enger, mit anderen weniger. Ich werde für alle jederzeit da sein, im Gegenzug erwarte ich Ehrlichkeit und vollen Einsatz für das Kollektiv.

Was haben Sie in den ersten 24 Stunden für Zustände angetroffen?

Wir müssen nicht um die Realität herumreden: Wir sind nicht einfach so gegen einen Erstligisten im Cup ausgeschieden. Wir sind nicht einfach so am Tabellenende der Challenge League. Der aktuelle Zustand ist traurig. Wir sind am Tiefpunkt. Die Leute kommen nicht mehr ins Stadion. Resignation macht sich breit. Der FC Aarau ist ein solid geführter Verein, aber es läuft zurzeit vieles schief. Ich bin dauernd am Telefon, überall gibt es Dinge zu verbessern. In einer ersten Phase liegt der Fokus auf der Profimannschaft, um so schnell wie möglich aus der sportlichen Krise zu finden und wieder guten Fussball zu spielen. Langfristig habe ich meine Vorstellungen, wie der FC Aarau aufgestellt ist. Aber darum kann ich mich erst später kümmern.

Haben Sie schon ein erstes Zeichen gesetzt?

Dafür war die Zeit beim besten Willen zu knapp.

Sie haben auch Roger Geissberger als Vorsitzenden im Sportausschuss abgelöst. Werden Sie diesen neu besetzen?

Die Grundidee eines mehrköpfigen Gremiums, das über Transfers berät, finde ich gut. Aber es muss Sinn machen und es braucht vor allem kontroverse Meinungen. Würde ich denken, nur meine Ansichten sind die wahren, könnte ich auch grad Trainer, Goalietrainer, Masseur und Präsident sein.

War es Ihre Bedingung, dass Sie im Profibereich das Sagen haben?

Nein.

Holen Sie neue Leute an Bord?

Das ist zurzeit kein Thema.

Neue Mitarbeiter sind für Burki momentan kein Thema Sandro Burki, portratiert im Stadion Brügglifeld Sandro Burki, Sportchef FC Aarau

Neue Mitarbeiter sind für Burki momentan kein Thema Sandro Burki, portratiert im Stadion Brügglifeld Sandro Burki, Sportchef FC Aarau

Fabio Baranzini | Baranzini Fotografie und Texte | www.baranzini.ch

Ihr Vorgänger Raimondo Ponte meint: «Jetzt ist einer am Ruder, der keine Erfahrung hat. Mal schauen, wie es herauskommt.» Was sagen Sie dazu?

Grundsätzlich äussere ich mich nicht zu Kommentaren über meine Person. Zum Punkt der Erfahrung: Wie auch soll ich Erfahrung als Sportchef haben? Ich war bis vorgestern Spieler. Irgendwann ist das erste Mal.

Ist Erfahrung relevant?

Die Diskussion ist doch sinnlos. Am Ende geht es immer um das Gleiche: Habe ich Erfolg oder nicht? Zumindest gegen aussen ist das so. Mir ist wichtig: Ich will Transparenz und eine klare Linie, ich will stetigen Verbesserungswillen und kritisches Hinterfragen, ich will gute Stimmung – vor allem will ich, dass der FC Aarau wieder ein Gesicht hat.

Was machen Sie anders als Raimondo Ponte?

Ich mache es auf meine Art. Ich werde in den nächsten Tagen sehr nah bei der Mannschaft sein und mithelfen, die Blockaden in den Köpfen zu lösen. Dabei werde ich herausfinden, wer mit vollem Herzen beim FC Aarau ist. Viele Spieler sind nur kurze Zeit beim FC Aarau – kein Problem. Aber in dieser Zeit verlange ich vollen Einsatz. Auf wen das nicht zutrifft, der kann gehen.

Was für ein Verhältnis hatten Sie zu Ponte?

Er war der Sportchef und somit einer meiner Vorgesetzten.

Wird die Mannschaft gegen Vaduz besser spielen, nur weil ein neuer Sportchef da ist?

Das zu glauben, ist illusorisch. Ich kann langfristig vieles bewirken, aber kurzfristig sind mir die Hände gebunden.

Die Mannschaft wirkt kopflos, alle warteten auf Ihre Rückkehr, um die Spieler an der Hand zu nehmen. Schaden Sie dem FC Aarau, indem Sie nun nie mehr auf dem Platz stehen?

Kurzfristig hätte ich der Mannschaft helfen können, ja. Ich bin auch der Meinung, dass wir zu wenige Führungsspieler haben, die den Mund aufmachen. Durch meine Erfahrung und meinen Status war ich auch ein Schutzschild für die anderen Spieler. Mir war lieber, wenn die Fans nur mich auspfiffen. Der Verein wollte einen neuen Weg gehen mit mir, darum gab es keine andere Möglichkeit, als sofort als Spieler aufzuhören.

Wer kann Ihre Rolle als Patron einnehmen? Wir sehen niemanden.

Ich war auch nicht von heute auf morgen Führungsspieler. In meinem ersten Jahr als Captain sind wir abgestiegen. Ich habe den Spielern gesagt, dass wir nur zusammen aus dem Loch kommen. Keiner ist alleine schuld, aber genauso ist keiner unschuldig.

Wer wird neuer Führungsspieler beim FCA?

Wer wird neuer Führungsspieler beim FCA?

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Ein Kandidat für Ihre Nachfolge als Patron wäre Olivier Jäckle. Aber seit seiner Verletzung kommt nichts von ihm. Was ist los mit Jäckle?

Er war zuletzt nicht 100 Prozent fit. In der Krise im Frühling war er ein Blitzableiter, das setzte ihm zu. Oli wird aus dem Loch herausfinden.

Die Klubführung peilt einen Platz in den Top 3 der Tabelle an. Hat die Mannschaft die Qualität dafür?

Wir müssen uns auf jeden Fall verstärken. Vor allem müssen wir ein Gleichgewicht auf allen Positionen herstellen, das es momentan nicht gibt. Von sportlichen Zielen will ich nichts wissen. Erstmals müssen wir aus dem Tabellenkeller kommen. Alles andere ist Schönrednerei, wir sind da unten und in der ersten Cuprunde ausgeschieden, das ist die bittere Realität.

Spüren Sie als Sportchef mehr Druck als noch als Spieler?

Ja, denn der Sportchef und der Trainer sind für das Gesamtkonstrukt verantwortlich.

Wie gross ist Ihre Angst, an dem Druck zu zerbrechen?

Die habe ich überhaupt nicht!

Burki hat keine Angst, an Druck zu zerbrechen. freshfocus

Burki hat keine Angst, an Druck zu zerbrechen. freshfocus

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Diese Antwort könnte man jetzt «arrogant» nennen. Diesen Ruf hatten Sie ja als Spieler auch.

Wer mich kennt, weiss, dass ich kein Prozent arrogant bin. Als Spieler war ich lange unsicher, das Selbstbewusstsein kam erst später. Ich weiss, dass ich gegen aussen so gewirkt habe. Darum wohl auch die zwei Meinungen bei den Fans über mich: Die einen mögen mich, die anderen wünschen mich seit Jahren schon in die Wüste. Nochmals zum Druck: Hätte ich Angst davor, hätte ich den Job gar nicht annehmen müssen. Ich weiss, dass ich diese Aufgabe meistern kann – was soll ich auch anderes denken?

In den Medien werden Sie teilweise fast schon als Messias gefeiert.

Ich freue mich einfach extrem darauf, den FC Aarau mitgestalten zu können. Alle Angestellten, auch der Verwaltungsrat, wollen nur das Beste für den Klub. Sie sind bereit, neue Wege zu gehen, das haben Sie mit meiner Anstellung bewiesen, auch für den Trainer ist der FC Aarau der erste Profiklub.

Apropos Trainer: Am Mittwoch war Marinko Jurendic noch Ihr Chef, jetzt sind Sie seiner. Das muss doch für beide Seiten schwierig sein.

Er wusste, dass ich im kommenden Sommer sowieso als Sportchef eingeplant war. Am Mittwochabend haben wir zusammen gesprochen und er hat mir versichert, dass mein Rollenwechsel für ihn okay ist. Klar, das ist eine spezielle Konstellation. Aber Marinko ist ein umgänglicher Typ. Wir reden jetzt viel mehr miteinander, es funktioniert bislang gut.

Aber Jurendic ist nicht «Ihr» Trainer. Marco Streller etwa hat in Basel Urs Fischer entlassen, um mit Raphael Wicky einen eigenen Trainer zu installieren.

Aber jetzt ist Mitte August. Und sowieso: Marinko macht einen guten Job, er ist sehr engagiert und hat viele neue Ideen reingebracht. Er ist der richtige Trainer für den Neuanfang. Wäre ich nicht von ihm überzeugt, wäre das schwierig gewesen.

Marinko Jurendic ist nicht mehr länger Chef von Burki - sondern umgekehrt.

Marinko Jurendic ist nicht mehr länger Chef von Burki - sondern umgekehrt.

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Wir haben den Eindruck, dass Jurendic die Aufgabe beim FC Aarau unterschätzt hat. Dass ihm erst jetzt bewusst wird, wie tief drin das Verlierer-Gen im Verein steckt.

Bei der ersten Station im Profifussball zahlt jeder Lehrgeld, das wird mir genauso gehen.

Aber irgendwann muss er zum Siegen finden. Und irgendwann vielleicht müssen Sie ihn entlassen.

Mein Wunschszenario wäre es, nie einen Trainer entlassen zu müssen. Weil ich dann den Fehler gemacht hätte, an den Falschen zu glauben. Aber ja, dieser Moment wird vielleicht kommen, aber davor habe ich keine Angst. Wechsel sind das Normalste im Fussballgeschäft.

Wie entgegnen Sie der These, dass mit Ihrer Anstellung gleichzeitig Ihr Schwiegervater Fredy Strasser zum Schatten-Sportchef geworden ist?

Es ist fast schon lächerlich, diese Frage beantworten zu müssen. Fredy hat weder Lust noch Zeit, sich intensiv mit dem FC Aarau zu beschäftigen. Fredy ist mein Schwiegervater, vielleicht werde ich mir ab und zu Rat holen, aber das ist das Normalste der Welt. Er ist einer von Vielen, denen der FC Aarau sehr am Herzen liegt und der sich über keinen Sieg mehr freut als über einen von Aarau. So, wie das viele Figuren wie Aleksandrov, Kilian, Herberth oder Fringer tun.

Holen Sie Ehemalige an Bord?

Alle einzustellen, ist unmöglich. Ich will aber, dass diese Figuren wieder mit Freude ins Brügglifeld kommen.

Bundesräte ziehen traditionell nach 100 Tagen im Amt erstmals Bilanz. Wie lange geben Sie sich Zeit, bis Ihre Handschrift erkennbar sein soll?

Ich beurteile meine Arbeit jeden Tag.