Gold-Cup
Kicken statt surfen - Kim Jaggy in der Karibik

Wie Haitis Nationalspieler Kim Jaggy seinen ersten Karibik-Cup erlebt und weshalb die Verständigung mit seinen Teamkollegen manchmal noch holpert.

Markus Brütsch, Montego Bay
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Kim Jaggy will mit Haiti in den Final.

Kim Jaggy will mit Haiti in den Final.

Markus Brütsch

Eigentlich könnte sich Kim Jaggy ganz gut vorstellen, hier mit seiner Familie den Urlaub zu verbringen. Die beiden Buben würden tolle Sandburgen bauen und die Eltern die karibische Sonne und das Meer geniessen. Doch der Fussballprofi des FC Aarau ist aus einem ganz anderen Grund an diesem herrlich weissen Sandstrand an der Montego Bay gelandet.

Im Hotel daneben logiert er mit der Nationalmannschaft von Haiti, die mit grossen Ambitionen nach Jamaika gereist ist. „Wir alle träumen davon, uns für die Copa America 2016 zu qualifizieren“, sagt Jaggy mit leuchtenden Augen. Das Ticket dafür ist der Gewinn des Karibik-Cups, den die Haitianer allerdings bisher erst einmal, 2007, gewonnen haben.

Ob sie dieses Ziel noch erreichen können, entscheidet sich in der Nacht auf morgen im entscheidenden letzten Gruppenspiel gegen den punktgleichen Gastgeber aus Jamaika. Der Sieger trifft im Final am Dienstag auf Trinidad & Tobago.

Sieg zum Geburtstag

Jaggy, der erstmals am Karibik-Cup dabei ist, hat wegen Leistenschmerzen die erste Partie gegen Antigua & Barbuda verpasst. Er musste von der Ersatzbank aus mitansehen, wie sein Team eine 2:0-Führung hergab und nur ein 2:2 erreichte. „Wir haben aufgehört zu spielen, wollten den Vorsprung verwalten und wurden bestraft“, sagt Jaggy.

In der zweiten Partie lief der Aarauer dann wieder wie gewohnt als Linksverteidiger auf und feierte am Tag seines 32. Geburtstages mit Haiti einen diskussionslosen 3:0-Sieg über Martinique. „Wir haben gut gespielt, aber ich selber hatte nicht viel zu tun“, sagt Jaggy.

Drei Spiele in sechs Tagen sind zu absolvieren, für die Finalisten sind es gar vier Partien in acht Tagen. Zusammen mit der langen An- und Rückreise ein Programm, das an die Substanz geht.

Jaggy, der nach dem Super-League-Spiel gegen den FCZ tags darauf neun Stunden nach New York flog, dort übernachtete und am Dienstag noch einmal vier Stunden reiste, bis er in Montego Bay ankam, will aber nichts von einer stressigen Situation wissen. „Ich freue mich extrem, hier zu sein. Wir haben einen fantastischen Zusammenhalt im Team. Jeder Zusammenzug ist wie eine Rückkehr zur Familie.“

Ein Team voller Weltenbummler

Die in alle Welt zerstreut ist. Denn kaum ein Nationalspieler geht seinem Job in Haiti nach. Im Aufgebot für den Karibik-Cup stehen Akteure, die in Frankreich, Rumänien, Polen, Belgien, Italien, Argentinien, Griechenland, Russland, Indien, Tansania und der Schweiz spielen. „Für den Trainer ist es nicht einfach, in kurzer Zeit unser Team wieder zusammenzuschmieden“, sagt Jaggy. Seit dem Sommer ist der Franzose Marc Collat dafür verantwortlich.

So wohl sich Jaggy in seiner haitischen Familie auch fühlt, einfach ist es nicht immer. Als einer von wenigen spricht er kein kreolisch, die Spieler unterhalten sich aber meist in dieser Sprache. Und weil auch sein Französisch ausbaufähig ist, erfolgt die Verständigung auf Englisch. „Oder mit den Händen und Füssen“, schmunzelt Jaggy.

Dies deshalb, weil er im Alter von fünf Monaten adoptiert worden war und in der Zentralschweiz aufwuchs. „Ich bin erstmals wieder in Haiti gewesen, als ich für die Nationalmannschaft aufgeboten wurde“, sagt Jaggy. „Ich habe keinerlei Kontakte zu Verwandten und weiss auch nicht, wer meine leibliche Mutter ist.“

Er habe zwar mal versucht, in jenem Heim, in welchem er die ersten Monate seines Lebens verbracht hatte, der Sache auf die Spur zu kommen – vergeblich. „Es würde mich interessieren, beschäftigt mich aber nicht zu sehr“, sagt Jaggy. Sein ebenfalls in Haiti adoptierter Bruder Fabry, der als Siebenjähriger in die Schweiz kam, hat Kontakte zu Verwandten und ist auch schon zwei, drei Mal in Haiti gewesen.

Durch und durch Schweizer

Seit 2011 spielt Jaggy für die „Grenadiers“, die 1974 zum einzigen Mal an einer WM teilnahmen. 23 Mal hatte er für die Schweizer U-21-Nati gespielt und natürlich gehofft, dass es auch mal fürs A-Team reichen könnte. „Ich fühle mich ja auch durch und durch als Schweizer“, sagt Jaggy. Einzig wenn er „Kompa“ höre, die populäre Musik in Haiti, dann könne er nicht stillsitzen.

„Als ich merkte, dass die Schweizer Nati kein realistisches Ziel mehr war, bin ich dem Aufgebot von Haiti gefolgt“, sagt Jaggy. „Als ich das erste Mal in Port-au-Prince ankam, war ich geschockt über die Zustände, die hier nach dem Erdbeben von 2010 herrschten. „Das Land erholt sich davon nur unglaublich schleppend“, sagt Jaggy.

Am Mittwochmittag fliegt Jaggy wieder in die Schweiz zurück. Diesmal muss er nicht mehr in New York übernachten. Am Donnerstagmorgen ist er dann wieder zu Hause. "Und am Samstag spielen wir mit dem FC Aarau schon in Basel." Es ist der Abschluss zweier aufregender Wochen in Jaggys Karriere.

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