Auf einmal ist es mucksmäuschenstill in der Sporthalle von Brittnau. Als Jörg Sennrich das Traktandum 9 ankündigt, fällt der Geräuschpegel sofort auf ein Minimum. Der Präsident des Aargauer Turnverbandes (ATV) orientiert die 275 Delegierten und Gäste über das neue Aargauer Turnzentrum, das als Neubau nördlich des Bahnhofs Lenzburg entstehen wird.

Es ist für den ATV ein Jahrhundertprojekt. Gut zehn Millionen Franken soll es kosten. Für einen kantonalen Sportverband mit einem jährlichen Umsatz von drei Millionen und einem Verbandsvermögen von 825 000 Franken wahrlich kein Klecks.

Wie eng das finanzielle Korsett der Turner ist, zeigt auch die Tatsache, dass man sich auf Ende September von Geschäftsführer Marcel Müller trennen musste. Der 46-Jährige begann seine Arbeit erst Anfang Jahr. Sein Hauptmandat war es, den Standortentscheid für das Turnzentrum zum Abschluss zu bringen. «Ohne ihn wären wir heute nicht da, wo wir sind», zollt Jörg Sennrich der Arbeit Müllers Respekt. «Aber uns fehlen schlicht die Mittel, um das Arbeitsverhältnis darüber hinaus zu verlängern.»

Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt erst

Und nun also das neue Turnzentrum. «Jetzt sind die Weichen gestellt. Doch die eigentliche Arbeit beginnt mit dem Planungs- und Finanzierungsprozess erst», sagt Sennrich. «Wir brauchen jetzt Fingerspitzengefühl, Durchhaltewillen und Verhandlungsgeschick». Von den geschätzten Baukosten von zehn Millionen Franken wird der Kanton aller Voraussicht nach 25 Prozent aus dem Swisslos-Sportfonds beitragen. Er setze sich mit aller Kraft dafür ein, verspricht Sportminister, Turner und Gastredner Alex Hürzeler.

Maximal zwei Millionen Franken müssen die Aargauer Turner selber stemmen. Auf welche Weise dies geschehen soll, kann Sennrich noch nicht sagen. Rund sechs Millionen Franken beträgt der Bedarf an Fremdkapital. Dafür braucht es Sponsoren und vor allem eine Bank als Partner. Sennrich sagt, dass zwei Banken die Bereitschaft signalisiert hätten, einen Kredit mit absoluten Sonderkonditionen zu gewähren – allenfalls gemeinsam. Wer diese Banken sind, darf Sennrich nicht sagen. Naheliegend wäre das Interesse der ortsansässigen Hypothekarbank Lenzburg.

Änderung der Statuten

Bis spätestens in einem Jahr soll Baueingabe sein, sodass der Spatenstich im Januar 2020 erfolgen kann. Im Herbst 2021 wollen die Aargauer Spitzenturner das modernste und grösste regionale Leistungssportzentrum der Schweiz beziehen und damit die Basis legen, dass der Aargau weiterhin Grosserfolge bei Welt- und Europameisterschaften bejubeln kann. Und hinter diesem Ziel stehen auch die Delegierten. Sie stellen nach der Präsentation keine einzige Frage.

Um dem Aargauer Turnverband alle Möglichkeiten zu geben, die ideale Rechtsform für die Betriebsgesellschaft des Turnzentrums zu wählen, bedarf es einer Änderung der Statuten. Der Zweck des ATV wird um den Satz: «Der ATV kann investieren, Gesellschaften gründen und Erträge generieren, welche reinvestiert werden müssen» ergänzt. Auch bei diesem Punkt unterstreichen die Delegierten das Vertrauen in die Führung und winken ihn ohne Gegenstimme durch.

Während das bisherige Turnzentrum in Niederlenz, dessen Mietvertrag Ende 2021 ausläuft, von einer Genossenschaft geführt wird, steht für das neue Projekt eine AG oder eine Stiftung im Vordergrund.

Weitere Höhepunkte der Aargauer Turnfamilie

Der Vorstand des ATV nutzt die Aufbruchstimmung im Verband auch dazu, ein neues Logo zu kreieren. Farbenfroh, dynamisch und modern kommt der neue Auftritt daher. Turnzentrum und Logo bleiben aber nicht die einzigen Höhepunkte der Aargauer Turnfamilie für die kommenden Monate. Ab dem 13. Juni 2019 ist Aarau für zehn Tage Schauplatz des Eidgenössischen Turnfests.

Auch dies sei ein Ereignis, welches man in der Regel nur einmal während einer Aktivkarriere im eigenen Kanton miterleben darf, sagt OK-Präsident Alex Hürzeler. Ende November ist Anmeldeschluss für das ETF. Hürzeler hofft auf 70 000 Wettkampfteilnehmer. Das wäre ein weiterer Superlativ für den Aargauer Turnsport.