In die Top 300. Dort hätte es für Karin Kennel in der zweiten Saisonhälfte des vergangenen Jahres eigentlich hingehen sollen. Das erklärte sie zumindest im letzten Sommer, kurz nachdem sie die Silbermedaille an der Junioren-Europameisterschaft in Klosters gewonnen hatte. Doch es kam anders.

Zuerst wurde sie von Komplikationen beim Heilungsprozess einer an sich harmlosen Fussverletzung eineinhalb Monate ausser Gefecht gesetzt, und als sie mit Verspätung wieder ins Turniergeschehen eingreifen konnte, kassierte sie einige unnötige Niederlagen gegen deutlich schwächer klassierte Spielerinnen.

«Ich war in diesen Partien zwar wieder fit, fiel aber in mein altes Spielschema zurück und agierte zu passiv. Bei den Profis kann ich es mir nicht mehr leisten, den Ball einfach nur ins Feld zu spielen und zu schauen, was passiert. Auf der Juniorentour hat das jeweils noch funktioniert», gibt sich die 18-jährige Entfelderin selbstkritisch.

Trotz enttäuschender Saison zuversichtlich

Das Jahr beendete Karin Kennel daher deutlich unter ihrer Zielsetzung auf der Weltranglistenposition 463. Trotzdem blickt sie der neuen Saison zuversichtlich entgegen. Sie ist überzeugt, dass ihr Spiel bereits jetzt stark genug ist, um auch deutlich vor ihr klassierte Akteurinnen zu schlagen.

Daher setzt sie sich bis im kommenden Sommer erneut die Top 300 der Welt als Ziel. «Ich muss mich dafür noch mehr darauf konzentrieren, das Spieldiktat in die Hand zu nehmen und die Ballwechsel zu dominieren», weiss Kennel, die ihre Saison mit zwei kleineren Turnieren in Deutschland lancieren wird.

Mitte Februar ist dann in Kreuzlingen der erste Auftritt an einem mit 25 000 Dollar dotierten ITF-Turnier geplant. Dass die Konkurrenz auf dieser höheren Turnierstufe noch stärker sein wird, bereitet der jungen Aargauerin aber keine Kopfschmerzen – im Gegenteil.

«Das Ranking der Gegnerin ist mir egal. Ich schaue mir die Tableaus jeweils gar nicht so genau an, denn auf der anderen Seite steht ja auch nur eine Frau mit einem Racket», sagt sie schmunzelnd.

Das Selbststudium als Ausgleich zum Sport

Karin Kennel ist nicht nur auf dem Tennisplatz voller Tatendrang, sondern will auch bei ihrer Ausbildung zur Bürofachfrau, die sie vergangenen Sommer im Selbststudium in Angriff genommen hat, weiterhin Vollgas geben.

«Die Schule gefällt mir sehr gut und mit dem Stoff bin ich bereits mehr als einen Monat voraus», erklärt Kennel. Die Entfelderin braucht die Kombination. Nur Sport käme für sie nicht infrage.

«Andere surfen nach dem Training auf Facebook, ich lese dagegen ein Buch über Gesellschaft und Recht. Ich finde es wichtig, sich auch mit Dingen ausserhalb des Tennissports zu befassen.»

Vielleicht ist es ja genau der Mix aus körperlicher Höchstleistung und geistiger Arbeit, der Karin Kennel in der anstehenden Saison zu neuen Höheflügen antreibt.