Die Tränen kullern schon nach dem Halbfinalkampf. Soeben hat Elena Quirici (24) den Einzug in den EM-Final geschafft. Wenig später gelingt ihr mit dem Schweizer Team dasselbe. Einen Tag später steht die Karateka aus Schinznach im serbischen Novi Sad zuoberst auf dem Podest. Europameisterin im Limit bis 68 kg. Sie schlägt die roten Handschuhe vors glücksverzerrte Gesicht, die Schultern zucken.

Es ist nach 2016 der zweite Europameistertitel für Elena Quirici. Und ein völlig unerwarteter noch dazu. Damit nicht genug: Auch mit dem Team kann Elena Quirici triumphieren. Erstmals sichert sich ein Schweizer Karate-Team EM-Gold. Die AZ erreicht Elena Quirici noch vor ihrer Rückreise in die Schweiz – kurz bevor sie in die Spitzensport-Rekrutenschule einrückt.

Auch im Team erfolgreich: Elena Quirici (zweite v.r.) gewann auch mit dem Team EM-Gold.

Auch im Team erfolgreich: Elena Quirici (zweite v.r.) gewann auch mit dem Team EM-Gold.

Elena Quirici, nach 2016 sind Sie erneut Europameisterin geworden. In den sozialen Medien schreiben Sie: «Es ist unglaublich.» Warum ist es so unglaublich?

Elena Quirici: Ich habe diesen Titel überhaupt nicht erwartet. Zuvor war ich noch verletzt, musste eine Operation über mich ergehen lassen.

Sie sind nicht nur als Einzelkämpferin Europameisterin geworden, sondern auch im Team.

Das ist umso schöner, wenn man in einer Einzelsportart noch mit dem Team gewinnen kann. Das ist ein wunderschönes Erlebnis und für die Schweiz erst noch historisch. Ich bin die erste Schweizerin, die im Karate zwei EM-Goldmedaillen nach Hause bringt.

Auch im Team hat es für Elena Quirici (ganz rechts) zum EM-Titel im Karate gereicht.

Auch im Team hat es für Elena Quirici (ganz rechts) zum EM-Titel im Karate gereicht.

Auf den Fotos und Videos sehen wir eine sehr emotionale Elena Quirici. Fast noch emotionaler als beim ersten Titel.

Ich erkläre mir das damit, dass ich so erleichtert war, dass es mit dem Titel geklappt hat. In den letzten Wochen habe ich so mega hart gearbeitet. Und beim ersten Titel sagte ich mir: «Das war Glück, einmal schafft es jeder.» Der zweite Titel ist die Bestätigung. Die ganze Reha-Phase war schwer. Ich habe so manche Träne vergossen. Da vergiesse ich jetzt auch gerne Freudentränen. Die Erleichterung ist riesig.

Sie haben Ihre Verletzung erwähnt, mussten sich im Februar einer Operation unterziehen. Was war genau das Problem?

Mir wurde ein Knochenteilchen im Fuss entfernt. Das störte mich seit letztem September. Nach einem Turnier hatte ich grosse Schmerzen. Zuerst dachte ich, dass ich es ohne Operation schaffe, aber Anfang Februar entschied ich mich dann doch für den Eingriff. Darum dachte ich nicht, dass ich jetzt an der Europameisterschaft brillieren kann. Obwohl: Im Training in den letzten Wochen merkte ich schon, dass es gut läuft. Aber noch vor drei Wochen hatte ich Mühe mit normal Laufen. Und jetzt habe ich zwei EM-Goldmedaillen.

Zum zweiten Mal Karate-Europameisterin: Elena Quirici.

Zum zweiten Mal Karate-Europameisterin: Elena Quirici.

Wie würden Sie den Weg von der OP bis zu EM-Gold beschreiben?

Der Weg von der OP bis zur EM-Medaille war steinig, geprägt von vielen Auf und Abs. Ich habe versucht, mich an die Anweisungen des Arztes zu halten, war übervorsichtig, liess es langsam angehen. Ich musste wieder lernen zu laufen, von einem Stuhl aufzustehen, die Feinmotorik wieder in den Griff bekommen. Das funktioniert bis jetzt noch nicht so gut. Aber steinige, schwierige Wege führen immer zu wunderschönen Destinationen. In meinem Fall zum EM-Titel.

Was war für Sie die grösste Herausforderung auf diesem Weg?

Die Geduld zu haben, mich an den Reha-Plan zu halten. Das heisst: Für lange Zeit nicht herumrennen, nur an der Krücke gehen. Ich musste einen riesigen Schuh tragen, in dem keine Bewegung möglich war.

Elena Quirici will die Spitzensport-RS absolvieren.

Elena Quirici will die Spitzensport-RS absolvieren.

Sie absolvieren nun die Spitzensport-RS. Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden?

Am Montag absolviere ich die Leistungstests für die Spitzensport-RS. Von vielen anderen Sportlern habe ich gehört, dass die Spitzensport-RS eine grosse Hilfe ist. Darum habe ich mich für diesen Weg entschieden.

Was erhoffen Sie sich von der Spitzensport-RS für Ihre weitere sportliche Karriere?

Ich hoffe, dass ich mich so noch stärker auf meinen Sport konzentrieren kann, dass es leichter ist, mich auf den Sport zu fokussieren als sonst im Alltag.

2020 ist Karate im olympischen Programm. Sie gelten als Schweizer Hoffnungsträgerin. Wie sieht Ihr Weg bis dahin aus?

Im September beginnt die Qualifikation. Da pro Kategorie und pro Kontinent nur zwei Athleten selektioniert werden, ist die Qualifikation härter als die Olympischen Spiele selber. Dazu kommt, dass es nur drei Gewichtsklassen geben wird. Wenn die Schweiz mit einer Athletin oder einem Athleten vertreten ist, ist das schon mehr als super.