Fussball

Jörg Stiel über das Suchen und Finden von Glück im Leben eines Fussballers

Der frühere Schweizer Fussball-Nationaltorhüter Jörg Stiel plaudert in Schöftland über die Zeit nach seinem Rücktritt. Für einmal ging es nicht um eine Fussball-Analyse, sondern um das Suchen und Finden des Glücks.

«Nur gut, dass ich an einem Sonntag geboren bin. Sonntagskinder sind nämlich Glückskinder», sagt Jörg Stiel. Tatsächlich? Wer sich am Montag das zweistündige Referat des früheren Spitzentorhüters in der Lindenapotheke in Schöftland zu Gemüte führte, sieht das anders. Der 44-Jährige erlebte sowohl sportlich als auch privat einige Tiefschläge. Nach dem Rücktritt vom Spitzensport 2004, der Trennung von seiner Frau und dem schlechten Gewissen gegenüber seinen Kindern Anastasia und Ndira, fiel er in ein tiefes Loch. Im stillen Kämmerlein stellte sich Stiel die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Zu allem Übel kamen gesundheitliche Probleme hinzu. «Erstmals in meinem Leben nahm ich fremde Hilfe in Anspruch und meldete mich bei einer Psychologin», verrät Stiel. Mit ihr ging Stiel während 18 Monaten einmal pro Woche in den Wald. Während stundenlanger Gespräche hielt sie ihm den Spiegel vors Gesicht. In dieser Zeit wurde Stiel bewusst, dass er sein Glück nur finden kann, wenn er sich selbst infrage stellt. «Ich suchte die Fehler nicht mehr bei den andern, sondern bei mir. Und zwar sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich.» Die Therapie verfehlte ihre Wirkung nicht. Stiel suchte eine neue Herausforderung. Seit 2007 ist er Teilhaber und Verwaltungsrat der WS4Sports AG in Mosnang und leitet die Generalvertretung von Goalie- und Skihandschuhen der Marke Reusch in der Schweiz.

Stiels Laufbahn gerät ins Stocken

Stiels Leben ist und bleibt wohl geprägt von einem Wechselbad der Gefühle. Seine Karriere als Berufsfussballer kann man durchaus mit dem Verlauf seines Privatlebens vergleichen. Nach der Bezirksschule und der KV-Lehre lancierte er seine Laufbahn 1988 beim FC Wettingen. Weil der 20-Jährige konstant starke Leistungen zeigte, wurden Grossklubs auf ihn aufmerksam. 1990 verkauften ihn die Wettinger für 235'000 Franken an St. Gallen. Stiel kam mit dem Druck nicht zurecht und stieg mit den Ostschweizern 1993 in die Nationalliga B ab. Der Frust war so gross, dass sich Stiel zum Zitat «Nie mehr FC St. Gallen» hinreissen liess. Der folgende Transfer zum mexikanischen Verein Toros Neza kam einer Flucht gleich. Ein Jahr später unterschrieb er beim FCZ einen Zweijahresvertrag, fand aber sein Glück auch bei den Zürchern nicht.

Stiels Laufbahn geriet ins Stocken. Mehr noch. Der talentierte Goalie wurde von vielen abgeschrieben. Dann folgte die Rückkehr zum FC St. Gallen. Und ausgerechnet beim Verein, den er Jahre zuvor mit Schimpf und Schande verlassen hatte, gings aufwärts. Steil aufwärts. Der Meistertitel mit St. Gallen im Jahr 2000 bildete die Basis für den Sprung in die Schweizer Nationalmannschaft und für den Wechsel zu Borussia Mönchengladbach. Bis 2004 bestritt er für die Gladbacher 89 Spiele, absolvierte 21 Länderspiele, nahm 2004 an der EM-Endrunde in Portugal teil. Und wurde damit vom Kummerbuben zum Star.

Stiel verstand es, während seines Vortrags die rund 50 Zuhörer in ihren Bann zu ziehen. Mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht verriet das Stehaufmännchen zum Schluss sogar noch seinen grossen Traum und sagte: «Spätestens mit 57 Jahren möchte ich in Argentinien an einem Strand liegen, ein gutes Stück Fleisch essen und ein Gläschen Rotwein trinken.»

Wenn das keine schönen Perspektiven sind. Wer den Lebemenschen Stiel kennt, weiss: Es können durchaus auch zwei Gläschen Rotwein sein. Und die eine oder andere Zigarette darf auch nicht fehlen.

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