Kunstturnen

In der Reha anstatt an der EM: Die 23-jährige Jessica Diacci arbeitet an ihrem Comeback

Jessica Diacci will nach einer langen Verletzungspause bald wieder zu den besten Kunsturnerinnen gehören.

Jessica Diacci will nach einer langen Verletzungspause bald wieder zu den besten Kunsturnerinnen gehören.

Nach vielen Verletzungen und 18 Monaten Pause arbeitet die 23-jährige Kunstturnerin Jessica Diacci an ihrem Comeback.

Das Aargauer Kunstturnen hat derzeit einen Lauf. Der zweite Rang von Oliver Hegi am Reck war bereits die dritte Europameisterschafts-Medaille in Serie. 2015 (2. am Barren) und 2016 (3. am Pferd) hatte Hegis Klubkollege Christian Baumann für Freudentränen gesorgt. Bei dieser Erfolgsgeschichte stellt sich nur eine Frage: Wo bleiben die Frauen?

Im Herbst 2015 an den Weltmeisterschaften in Glasgow stellte der Aargauer Turnverband noch das grösste Kontingent im Schweizer Team. Neben Hegi und Baumann nahmen auch Jessica Diacci und Laura Schulte am wichtigsten Anlass des Jahres teil und halfen durch den 16. Teamrang mit, dass es den Schweizer Frauen an die Olympiaqualifikation für Rio reichte. Doch seither herrscht beim Aargauer Duo Sendepause.

Ganz einschneidend hat sich das Leben der erst 20-jährigen Fricktalerin Schulte verändert. Die Schülerin wurde in ihrer Karriere mehrmals durch Verletzungen zurückgeworfen. Obwohl sie sich immer wieder zurückkämpfte, verloren die Verantwortlichen im Schweizerischen Turnverband (STV) offensichtlich den Glauben daran, dass die Sprung- und Boden-Spezialistin noch einmal den Anschluss findet und so zum wichtigen Mosaikstein auf dem Weg zu einer Olympiaqualifikation der Schweizer Frauen für Tokio 2020 wird.

Das ungewollte Ende

Ende 2016 kündete der STV dann aus Leistungsgründen überraschend den Arbeitsvertrag mit Laura Schulte. Dies kam einem ungewollt frühen Ende der Karriere gleich. Vier Jahre lang trainierte sie zuvor im Nationalkader in Magglingen und vertrat die Schweiz an zwei Europa- und zwei Weltmeisterschaften. Bis zum Sommer bleibt die Aargauerin zwar noch bei ihrer Gastfamilie wohnhaft und schliesst in Biel die Mittelschule ab. Danach aber wird sie definitiv einen Weg jenseits des Spitzensports finden.

Wie zermürbend Leistungssport bisweilen sein kann, muss man auch Jessica Diacci nicht erzählen. Die 23-Jährige aus Villnachern übte sich in ihren sechs Jahren in Magglingen allzu oft als Stehauffrau. Es ist bewundernswert, dass sich Diacci von den vielen Verletzungen nie unterkriegen liess und weiterhin alles für ihre sportlichen Ziele investiert.

Laura Schulte bei ihrer Übung am Swiss Cup 2015.

Laura Schulte bei ihrer Übung am Swiss Cup 2015.

Als sie nach ihrem Auftritt in Glasgow erneut die Hiobsbotschaft erhielt, wegen einer anstehenden Schulteroperation eine gut einjährige Pause einlegen zu müssen, ging die dreimalige WM-Teilnehmerin über die Bücher. Erst recht, weil ihr nach einer mehrmonatigen Phase voller Schmerzen und vor der Operation am 1. April 2016 niemand garantieren konnte, dass sie nach dem komplexen Eingriff tatsächlich wieder Leistungssport auf höchstem Niveau würde betreiben können.

Ein neuer Job für Diacci

Wollte sie es noch einmal versuchen oder sollte sie einen Schlussstrich ziehen? «Ich brauchte und nahm mir viel Zeit, um rauszufinden, was ich genau möchte. Je länger ich mich hinterfragte, umso mehr kristallisierte sich heraus, dass ich noch immer die Motivation und den Hunger spürte, weitere sportliche Ziele in Angriff zu nehmen», sagt Diacci. Ihr Umfeld bestärkte sie in dieser Haltung. Diacci sagt zudem, dass sie in den langen Monaten der Reha stets positiv geblieben sei und emotional nicht in ein Loch fiel.

«Ich brauchte und nahm mir viel Zeit, um rauszufinden, was ich genau möchte.»

Jessica Diacci

«Ich brauchte und nahm mir viel Zeit, um rauszufinden, was ich genau möchte.»

Die Pause ermöglichte ihr auch, erste berufliche Erfahrungen zu sammeln. Die 23-Jährige arbeitete auf der Geschäftsstelle des Aargauer Turnverbandes in der Administration. Auch jetzt, wo sie die Trainingsbelastung wieder auf 100 Prozent schraubt, trifft man Diacci weiterhin jeden Montagmorgen beim ATV an. «Dieser Ausgleich tut mir sehr gut, und es ist ein spannender Blick hinter die Kulissen. Ich hatte keine Ahnung, wie viel es braucht, damit ich Spitzensport betreiben kann.»

Zumindest was den persönlichen Tribut betrifft, hat Diacci weit mehr als eine Ahnung. Doch nun will sie die Zeit des unfreiwilligen Wartens hinter sich lassen. Im Herbst geht es an den Schweizer Meisterschaften um die WM-Qualifikation, und bis zu den nächsten Olympischen Spielen in Tokio sind es auch nur noch drei Jahre. Jessica Diaccis Blick ist nach vorne gerichtet. Und die Medaillen ihrer beiden männlichen Mitstreiter bringen auch ihre Augen zum Leuchten. Sie sind Motivation genug für den nächsten Anlauf.

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