FC Aarau
Igor Nganga vor seinem Abgang: «Hoffentlich werde ich nicht ausgepfiffen»

Igor Nganga, Verteidiger und Publikumsliebling beim Challenge League-Verein FC Aarau, spricht vor seinem Abgang im Interview über Gefühle, Fans, Geld und Familie.

Ruedi Kuhn
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Igor Nganga wird den FC Aarau nach fünf Jahren verlassen.

Igor Nganga wird den FC Aarau nach fünf Jahren verlassen.

Urs Lindt/freshfocus

Igor Nganga, wann haben Sie das letzte Mal geweint?
Igor Nganga: Das war vor zwei Wochen. Mein Grossvater Ferdinand ist im Alter von 75 Jahren gestorben. Er lebte in Kinshasa im Kongo. Ich habe einen Tag vor seinem Tod noch mit ihm telefoniert. Wir hatten eine lustige Unterhaltung und haben Witze gemacht. Mein Verhältnis zu ihm war grossartig. Ferdinand war mehr als ein Freund. Er war wie ein Vater für mich. Sein Tod kam völlig überraschend und hat mir sehr wehgetan. So weh, dass ich Tränen in den Augen hatte.
Weinen Sie viel? Sind Sie oft traurig?
Nein. Ich bin ein fröhlicher Mensch, habe Freude am Leben und versuche immer positiv zu sein. Aber ich bin auch ein äusserst sensibler Typ. Das Leben eines Berufsfussballers ist keine einfache Sache: Mal geht es rauf, mal geht es runter. Meistens bin ich aber gut drauf. Ich lache gerne. Schliesslich bin ich gesund und habe eine wunderbare Familie. Meine Frau Sofia und die Zwillinge Kelaia und Anaia sind alles für mich. Die zwei Mädchen gehen schon in die erste Klasse. Natürlich gibt es auch traurige Momente, in denen ich mich zurückziehe und gerne allein bin. Aber diese Momente dauern meistens nicht lange.

Apropos traurig: Momentan sind viele Fans des FC Aarau traurig. Die Enttäuschung über Ihren wahrscheinlichen Abgang Ende dieser Saison ist riesig.
Das verstehe ich. Eines können Sie mir glauben! Das Ganze ist nicht einfach für mich und geht nicht spurlos an mir vorbei. Momentan bekomme ich Dutzende Reaktionen von Fans des FC Aarau. Sie schreiben mir, wie sehr sie mich schätzen und dass ich im Brügglifeld bleiben soll. Der Abschied wird mir sehr schwer fallen. Schliesslich habe ich fünf fantastische Jahre erlebt. Jetzt bin ich gespannt, was im Heimspiel am nächsten Montag gegen Lausanne los sein wird. Ich hoffe, dass die Fans Verständnis für meine Situation aufbringen. Es wäre schlimm für mich, wenn sie mich auspfeifen würden.
Was war das Highlight während Ihrer Zeit beim FC Aarau?
Das schönste Erlebnis war der Aufstieg 2013. Wir haben im Brügglifeld gegen Chiasso gewonnen, wussten aber nach dem Schlusspfiff noch nicht, dass es gereicht hat. Plötzlich jubelten alle. Die Sache geriet für kurze Zeit ausser Kontrolle. Das war einfach geil! Und das Verrückte: Ausgerechnet der FC Wohlen leistete mit einem Tor in Bellinzona Schützenhilfe. Das war grossartig, ja überwältigend. Beim Aufstiegsfest in Aarau machten wir die Nacht zum Tag. Besonders gut in Form waren damals Davide Callà, Remo Staubli und natürlich der unverwüstliche Davide Marazzi.

Werden Sie den FC Aarau Ende Saison tatsächlich verlassen?
Ja. Es geht eindeutig in diese Richtung. Aber es ist noch nichts entschieden.
Wann werden Sie sich definitiv entscheiden?
In Absprache mit meinem Manager gehe ich davon aus, dass die Entscheidung frühestens Mitte Mai, spätestens Ende Mai fallen wird. Ich will ja auch möglichst schnell wissen, wie meine sportliche Zukunft aussieht.
Organisieren Sie ein Abschiedsfest?
Ich weiss noch nicht. Es kann schon sein, dass ich die Mannschaft zu einem Apéro einladen werde. Den haben sich meine Teamkollegen nach den tollen Leistungen in der Rückrunde ja auch verdient.

Ist Ihnen überhaupt klar, welch hohen Stellenwert Sie beim FC Aarau haben?
Natürlich ist mir das klar. Ich spüre den Respekt vor meiner Person jeden Tag. Die Menschen im Umfeld des FC Aarau mögen mich. Und ich mag sie. Ich fühle mich im Brügglifeld sehr wohl, sonst wäre ich ja nicht fünf Jahre hier geblieben. Ich bin mir aber auch bewusst, dass ich dem FC Aarau viel zu verdanken habe. Anderseits habe ich in jedem Spiel bis zum Umfallen gekämpft. Das zahlt sich nun aus. Und darauf darf ich auch ein bisschen stolz sein.
Sind in den fünf Jahren Freundschaften entstanden?
Natürlich. Ich habe mit allen Spielern des FC Aarau ein gutes Verhältnis. Mit Sandro Burki und Juan Pablo Garat verstehe ich mich besonders gut. Sie haben mich auf meinem Weg nach oben begleitet und unterstützt. Ihnen vertraue ich praktisch blind.
Sie sind beim FC Aarau der Publikumsliebling, ja schon fast eine Kultfigur. Haben Sie eine Erklärung für Ihre Beliebtheit?
Die Sympathien der Fans kann man sich nur mit konstant guten Leistungen erarbeiten und verdienen. Vielleicht mögen mich die Menschen auch deshalb, weil ich ein spezieller Typ bin. Ich suche die Nähe der Fans. Und sie suchen meine Nähe. Das stört mich absolut nicht. Im Gegenteil. Der FC Aarau ist wie eine Familie. Und in einer Familie nimmt man sich Tag für Tag und Stunde für Stunde Zeit füreinander.
Hat Ihnen der FC Aarau eine Vertragsverlängerung angeboten?
Ja.
Wann?
Das ist schon einige Zeit her. Ich habe in der Winterpause mit Sportchef Raimondo Ponte gesprochen. Ich habe ein gutes Angebot bekommen, wollte aber noch abwarten. Ich weiss doch genau, dass im Fussball alles sehr schnell gehen kann.

Wie hoch war das Angebot des FC Aarau?
Es war fair. Sehr fair sogar. Der FC Aarau ist mit dem Angebot an seine finanziellen Grenzen gegangen. Aber ich werde mit Ihnen an dieser Stelle nicht über die Höhe der Summe sprechen.
Warum nicht?
Mein Lohn ist meine Privatsache. Punkt und Schluss!
Wie viele Angebote haben Sie auf dem Tisch?
Es sind vier Angebote.
Der FC Wil soll Ihnen ein schon fast unmoralisches Angebot machen: Man spricht von weit über 20 000 Franken an fixem Gehalt im Monat.
Ich spreche nicht über Zahlen. Aber es ist richtig, dass mir der FC Wil ein sensationelles Angebot gemacht hat. Ich könnte den Vertrag bei Wil sofort unterschreiben. Aber es gibt auch konkrete Verhandlungen mit einem Klub aus der Super League und mit zwei Klubs aus dem Ausland. Mehr möchte ich zu diesem Thema aber nicht sagen.
Ist für Sie bei einem Wechsel der sportliche oder der finanzielle Aspekt wichtiger?
Beide Aspekte sind für mich wichtig. Sportlich will ich noch einiges erreichen. Warum nicht einen Titel? Das Finanzielle spielt ebenfalls eine grosse Rolle. Ich bin 29 Jahre alt und habe eine Familie mit zwei kleinen Kindern. Und die Kinder werden immer grösser. Die Ansprüche steigen. Die Ausbildung ist teuer. Ich muss an die Zukunft denken. Und da spielt das Geld natürlich eine Rolle. Ich war zuletzt wirklich gut in Form und konnte deshalb den Grundstein für die guten Angebote legen. Nicht nur ich, auch der FC Aarau konnte von meinen Leistungen profitieren. Schade ist nur, dass die Aarauer keine Ablösesumme für mich bekommen.
Geht es für Sie im Herbst Ihrer Karriere also darum, möglichst viel Geld zu verdienen?
Natürlich! Aber das ist doch ganz normal. Sehen Sie! Ich gehe momentan davon aus, dass ich noch rund sechs Jahre als Berufsfussballer spielen kann. Jetzt kommt endlich meine grosse Chance. Die muss ich nützen.

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