Challenge League

«Ich will keinen Jugendbonus»: Aarau-Goalie Nicholas Ammeter über seinen Start im Profibusiness

Nicholas Ammeter ist überzeugt, dass er ins Tor des FC Aarau gehört und will das dem Trainer jede Woche aufs Neue beweisen.

Mit 28 Gegentore in zwölf Spielen die Schiessbude der Liga – da rückt beim FC Aarau automatisch auch der 18-jährige Goalie Nicholas Ammeter in seiner Debütsaison in den Fokus. Im grossen «AZ"-Interview spricht er über seine ersten Gehversuche in einem Profiteam. Neben dem Platz engagiert sich der waschechte Aarauer für das neue Stadion.

«Kein Spieler kann sich von sich behaupten, bislang eine gute Saison zu spielen», sagt Sandro Burki über das enttäuschende erste Saisondrittel. Das Zwischenfazit des Sportchefs gilt
also auch für Nicholas Ammeter.

Im ­Sommer wurde der 18-Jährige zum jüngsten Stammgoalie des FC Aarau, ein Jahr früher als geplant, weil eine erneute Ausleihe von Djordje Nikolic vom FC Basel nicht zustande kam.

Wie blickt Ammeter auf die ersten Gehversuche als Profigoalie zurück? Fühlt er sich von seinen Vorderleuten im Stich gelassen? Und woher kommt seine Stärke mit dem Ball am Fuss? Wir ­haben ihn am Mittwoch im Restaurant Rathausgarten getroffen.

Nicholas Ammeter, Sie sind gerade auf der Durchreise: Am Vormittag Schule, Mittagessen zuhause und nach unserem Gespräch Training. Wie bewältigen Sie den vollge­packten Alltag?

Nicholas Ammeter: Die Schulnoten sind nicht schlechter geworden und ich ­fühlte mich bislang vor keinem Training mental nicht bereit – also alles okay. Im Gegenteil: Ich fühle mich ­privilegiert.

Wie meinen Sie das?

Erst einmal, weil ich meinen Traum leben darf. Das tönt kitschig, ist aber so: Als Kind habe ich im Brügglifeld die früheren FCA-Goalies Ivan Benito und Joël Mall bewundert und wollte sein wie sie.

Zudem bin als Fussballer ­privilegiert gegenüber meinen Mitschülern an der Sportkanti: Sie erhalten weniger Dispensen für Trainings und viele von ihnen müssen Sponsoren­gelder auftreiben, um ihren Sport zu finanzieren: Ein professionelles Kajak zum Beispiel kostet mehrere tausend Franken. Dagegen sind 300 Franken für Fussballschuhe ein Klacks.

Haben Sie sich überlegt, die Schule, die Sie noch bis 2021 besuchen, zugunsten der Profikarriere abzubrechen?

Das war kein Thema. Raoul Giger, ­Marco Thaler oder Mats Hammerich sind den gleichen Weg gegangen und haben bewiesen, dass man trotz ­Doppelbelastung als FCA-Profi Fuss fassen kann. Meine Eltern haben mir klargemacht: Erst die Matur, dann der hundertprozentige Fokus auf den Fussball. Und die Schule ist ein guter Ausgleich für den Geist.

«Doch mein Ziel ist es, auch sogenannte unhaltbare Bälle zu parieren. In diesem Punkt bin ich nicht zufrieden», sagt Ammeter.

«Doch mein Ziel ist es, auch sogenannte unhaltbare Bälle zu parieren. In diesem Punkt bin ich nicht zufrieden», sagt Ammeter.

Mit dem Sprung ins FCA-Tor sind Sie auch in den Fokus von Fans und Medien geraten. Wie gehen Sie damit um?

Wenn ich in der Stadt unterwegs bin oder am Bahnhof warte, spüre ich, dass mich einige Leute erkennen. Ich wurde auch schon angesprochen. Das war ­anfangs speziell, aber bislang immer respektvoll.

Von den 28 Gegentoren in den bisher zwölf Ligaspielen mussten Sie nur das vierte beim 2:5 in Vaduz auf Ihre Kappe nehmen. Trotzdem wird die Gegentor-Flut auch mit Ihrer Person in Verbindung gebracht, konkret mit Ihrer Jugendlichkeit.

Die kritischen Stimmen gab es schon vor der Saison und sie haben mich nur zusätzlich angespornt. Ich bin überzeugt, dass ich ins Tor des FC Aarau gehöre und das will ich dem Trainer jede Woche aufs Neue beweisen.

Können Sie die Kritik nachvoll­ziehen?

Sandro Burki hat recht mit seinen ­Worten: Auch ich habe bislang keine gute Saison gespielt. Ich will keinen ­Jugendbonus. Die Leistung ist ent­scheidend, nicht das Alter. Ich habe zwar ausser jenem in Vaduz keine ­krassen Böcke geschossen: Doch mein Ziel ist es, auch sogenannte unhaltbare Bälle zu parieren. In diesem Punkt bin ich nicht zufrieden.

Sie sind nicht zu beneiden: Ausgerechnet in Ihrer Debütsaison hat der FC Aarau massive Defensiv­probleme. Fühlen Sie sich im Stich gelassen von Ihren Vorderleuten?

Wie gesagt: Ich lehne mich zuhause nicht zurück und denke: Schuld an den vielen Gegentoren haben die anderen. Es gibt Gegentore, die sind in den ­Augen der Zuschauer für den Goalie nicht zu verhindern. Bei der Analyse mit Goalietrainer Flamur Tahiraj zeigt sich dann jedoch ein anderes Bild: Manchmal können kleinste Details ­entscheidend sein, etwa den Fuss 20 Zentimeter weiter nach vorne zu stellen – und ich hätte den Ball halten können.

Das Gleiche umgekehrt bei Gegen­toren, bei denen es heisst, der Goalie sieht nicht gut aus: Die landläufige ­Meinung ist, der Goalie müsse auf  jede Flanke in den Fünfmeter-Raum ­kommen. Diese Pauschalisierung greift zu kurz, beim Herauslaufen entscheiden viel mehr Faktoren.

Tönt, als hätten Sie noch nie einen perfekten Match gespielt.

Den perfekten Match werde ich nie spielen, es gibt immer Dinge zu ver­bessern. Ich will an den Punkt ­kommen, an dem ich in jeder Spielsituation ­intuitiv das Richtige tue.

Ihre Stellvertreter Anthony von Arx, 18, und Marvin Hübel, 16, sind gleich alt oder jünger als Sie. Ich behaupte, ein erfahrener Goalie, an den Sie sich im Training wenden können und der seine Aufgabe darin sieht, Sie besser zu machen, würde guttun.

Einspruch! Wir Drei pushen uns in ­jedem Training gegenseitig und sind getrieben vom Traum, eine grosse ­Goaliekarriere zu machen. Ein junger, hungriger Konkurrent bringt mir mehr als einer ohne Ambitionen, selber im Tor zu stehen. Wir sind Konkurrenten, gleichzeitig freuen sich Anthony und Marvin über gelungene Aktion von mir. Genau gleich wäre es von meiner Seite, sollte einer von ihnen spielen.

Ammeter übt nach jedem Training Ballannahmen und Pässe.

Ammeter übt nach jedem Training Ballannahmen und Pässe.

Haben Sie ausserhalb des FC Aarau einen Mentor, mit dem Sie ihre Leistungen analysieren?

Niemanden, mit dem ich mich regelmässig über meine Technik austausche. Es gibt viele Arten des Goaliespiels, zu viele verschiedene Inputs wären verwirrend. Ich fokussiere mich auf ­meinen Stil. Letztens aber war Swen König, der beim Schweizerischen Fussballverband zuständig für die Nachwuchs-Goalies ist, im Brügglifeld und ich habe ihn gefragt, wie er auf der ­Tribüne meine Ausstrahlung wahrgenommen habe.

Was hat er geantwortet?

Dass man mich mittlerweile auch auf der Tribüne wahrnimmt, wenn ich die Teamkollegen dirigiere.

Hat Ihnen dafür anfangs der Mut gefehlt?

Es brauchte schon Überwindung, einem Serey Dié, Zverotic oder Neumayr, die ich früher vor dem Fernseher bewundert habe, Anweisungen zu ­geben, und das auch schreiend. Mittlerweile habe ich keine Hemmungen mehr und ich merke, dass mein Wort immer mehr Gewicht hat.

Was auffällt: Mit dem Ball am Fuss sind Sie überdurchschnittlich gut.

Heutzutage muss ein guter Goalie ein guter Fussballer sein, in fast 80 Prozent meiner Aktionen habe ich den Ball am Fuss. Der Trainer will, dass wir auch in Drucksituationen den Ball flach ­spielen, das kommt mir entgegen. Ich übe nach jedem Training Ballannahmen und Pässe – im Gegensatz zum Schuss­training brauche ich dafür keinen Mitspieler.

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