FC Aarau

«Ich will ein guter Polizist werden»: Besle beendet seine Karriere im Winter

Wer ist hier der Chef? Fest steht: Stéphane Besle und Romina Hungerbühler sind ein eingespieltes Team.

Wer ist hier der Chef? Fest steht: Stéphane Besle und Romina Hungerbühler sind ein eingespieltes Team.

Aarau-Verteidiger Stéphane Besle beendet im Winter seine Karriere – Freundin Romina freut sich. Mit uns hat Besle darüber gesprochen, wieso er seine Karriere beendet und er ein guter Polizist werden will

Ein herrlicher Septembertag in der Aarauer Altstadt. In der Tuchlaube geniessen die Mittagsgäste draussen die unverhoffte Wärme der Sonnenstrahlen. Stéphane Besle hat das Lokal als Treffpunkt vorgeschlagen. «Romina kommt auch», sagt er bei der Begrüssung und meint damit seine Freundin. Während des kurzweiligen Gesprächs wird klar: Das Sprichwort «Hinter jedem erfolgreichen Mann stehe eine starke Frau» passt perfekt zu Stéphane Besle (33) und Romina Hungerbühler (26).

Andere Fussballer bleiben nach der Karriere im gewohnten Business oder wechseln in die Versicherungsbranche. Sie besuchen ab Januar in Neuchâtel die Polizeischule – warum?
Stéphane Besle: Ich habe tatsächlich auch überlegt, Versicherungsfachmann zu werden, und sogar mit einer Ausbildung begonnen. Nach kurzer Zeit habe ich die Pläne verworfen. Den ganzen Tag im Büro zu sitzen, ist nichts für mich. Ich muss raus, ich brauche den Umgang mit Menschen und die Ungewissheit, was der Tag so bringt. Schon als kleiner Junge wollte ich Polizist werden, wenn es mit dem Fussball nicht klappt.

Romina Hungerbühler: Mein Schwager ist ebenfalls Polizist bei der Stapo St. Gallen. Stéphane hat sich viel mit ihm über den Beruf unterhalten, so ist die Lust auf die Ausbildung zum Polizisten wieder entfacht.
Besle: Diese Gespräche waren wichtig und haben mich in meinem Vorhaben bestärkt.

Nochmals – warum gerade Polizist? Möchten Sie die Welt verbessern?
Besle: Nein, nein. Es ist eine Kombination aus allem, was der Job beinhaltet. Die Ungewissheit, was bis zum Dienstende passieren wird. Die Verantwortung. Die körperlichen Anforderungen. Den grössten Respekt habe ich vor der mentalen Herausforderung, immer ruhig zu bleiben. Auch wenn mein Gegenüber mich beschimpft oder sogar attackiert, ich darf die Grenzen des Erlaubten nicht übertreten und muss ruhig bleiben. Wie anspruchsvoll das ist, habe ich einerseits auf dem Fussballplatz, andererseits in Übungen während der Vorkurse gelernt.

Sie hatten als Fussballer nichtgerade den Ruf eines ruhigen Zeitgenossen.
Besle: Ich sage ja: Das wird eine grosse Herausforderung. Ich bin gespannt, wie ich auf Dauer damit umgehen werde. Mein Potenzial zum Polizisten habe ich im strengen Aufnahmeverfahren bewiesen, sonst hätte die Polizeischule mich nicht genommen.

Stéphane Besle möchte Polizist werden

Stéphane Besle möchte Polizist werden

Apropos Aufnahmeverfahren: Seit wann läuft dieses und wann haben Sie den FC Aarau über Ihre Pläne informiert, in der Winterpause trotz Vertrag bis Juni 2018 die Karriere zu beenden?
Besle: Vor über einem Jahr, nach dem Cupspiel in Breitenrain, habe ich Raimondo Ponte (damals Sportchef; d. Red.) gesagt, dass ich die Aufnahmeprüfung für die Polizeischule machen werde. Ich war immer offen und ehrlich zum FC Aarau und habe kommuniziert: Wenn ich die Prüfungen bestehe, beginne ich 2018. Im Januar werde ich 34, die meisten Polizisten machen ihre Ausbildung nach dem Militärdienst.

Warum haben Sie im Sommer 2016 den Vertrag bis 2018 verlängert, obwohl Sie wussten, dass Sie diesen vielleicht nicht erfüllen werden?
Besle: Das war keine klassische Verlängerung, sondern die Umwandlung einer Option zur Verlängerung in eine fixe Verlängerung. Doch das hatte nichts mit der Polizeischule zu tun, sondern passierte lange im Voraus. Ich hatte damals ein Angebot aus Lausanne, Aarau hat mich verständlicherweise aber nicht gehen lassen. Ich wollte im Gegenzug als Absicherung einen Vertrag bis Sommer 2018 und ging damals davon aus, diesen Vertrag zu erfüllen.

Hungerbühler: Ich war dafür, dass Stéphane seinen Vertrag beim FC Aarau erfüllt. Weil Verträge da sind, um sie zu erfüllen. Aber die finale Entscheidung habe ich ihm überlassen.

Man hört, dass Sie um die Vertragsauflösung gebeten wurden. Stimmt das?
Besle: Es gab Leute im Verein, die mich im Sommer zur Vertragsauflösung und zum früheren Karriereende drängten.

Stéphane Besle wird die Polizeischule in Neuchâtel besuchen

Stéphane Besle wird die Polizeischule in Neuchâtel besuchen

Wer waren diese Leute?
Besle: Das ist egal. Aber sie glaubten, ich sei erst Ende Oktober wieder fit. Ich habe erwidert, dass ich schon im September wieder spielen kann und darauf bestanden, bis im Winter weiterzumachen. Persönlich ist mir der Zeitpunkt des Karriereendes nicht so wichtig. Aber ich habe gespürt, dass die Mannschaft mich in dieser – pardon – Scheisssituation braucht. Nach dem 0:3 gegen Servette hat mir Sandro Burki geschrieben, dass ich bitte so schnell wie möglich fit werden soll.

Hat Sandro Burki versucht, Sie zum Weitermachen bis Ende Saison zu überreden?
Besle: Nein. Aber seit Sandro Sportchef ist, habe ich endlich das Gefühl, dass der FC Aarau und ich im Guten auseinandergehen werden. An seinem ersten Arbeitstag habe ich ihm gesagt: Ich habe die Aufnahmeprüfung für die Polizeischule bestanden, will aber bis im Dezember helfen. Er hat meine Absichten sofort gespürt.

Hungerbühler: Stéphane hat eine so schöne Karriere gemacht. Er hat ein Ende als gesunder und wichtiger Spieler verdient. Wenn du jetzt während der Verletzung einfach aufgehört hättest, würdest du das in ein paar Jahren ganz sicher bereuen.

Wenn Sie auf Ihre 14-jährige Karriere zurückblicken: Was bleibt Ihnen positiv in Erinnerung?
Besle: Der sportliche Höhepunkt war das 4:2 in Moskau mit St. Gallen in der Europa League. Mein bester Trainer war Joaquin Caparros bei Xamax, obwohl er nur sehr kurz da war. Und mein einziger richtiger Freund aus 14 Jahren Mannschaftsleben ist Luca Ferro (ehemaliger Xamax-Goalie; d. Red.). Aber sonst gibt dir der Fussball selten richtige Freunde, nur Kollegen auf Zeit.

Sie haben das Fussballgeschäft hautnah kennen gelernt. Was denken Sie darüber?
Besle: Der Fussball hat mir alles gegeben, er hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Ich will mich nicht beklagen oder dem Fussball in die Suppe spucken. Aber der Fussball kann ein Drecksgeschäft sein. Ab dem nächsten Jahr will ich vorerst nichts mehr damit zu tun haben.

Haben Sie den Spass am Fussball verloren?
Besle: Spass habe ich schon noch ab und zu. Ich bin müde geworden. Körperlich und mental.

Hungerbühler: Und ruhiger.

Besle wird die Emotionen im Fussball vermissen

Besle wird die Emotionen im Fussball vermissen

Was werden Sie vermissen?
Besle: Die Emotionen. Schauen Sie: Ich habe mit Alex Frei gesprochen. Er hat gesagt: «Hätte ich gewusst, was nach dem Karriereende auf mich zukommt, hätte ich noch weitergespielt und das süsse Profileben bis zum Geht-nicht-mehr ausgereizt.» Ich weiss nicht, wie es mir gehen wird. Vielleicht wie Alex, vielleicht werde ich es bereuen, nicht schon früher aufgehört zu haben. Ich habe jedenfalls viel Respekt davor, dass ich ab Januar mein Leben selber in die Hand nehmen muss und mir nicht mehr alles abgenommen wird.

Hungerbühler: Diesbezüglich war Aarau ein guter Übergang ins «normale» Leben. Der Klub ist für seine Verhältnisse gut organisiert. Aber es ist kein Vergleich zu Stéphanes früheren Vereinen, wo er nur zum vereinbarten Termin am richtigen Ort erscheinen und gut Fussball spielen musste. In Aarau muss er sich selber ums Handy kümmern oder selber im Restaurant einen Tisch reservieren. Im Gegenzug haben wir uns hier schnell und gut integriert und Freunde gefunden.

Besle: Die allermeisten Fussballer merken erst nach der Karriere, wie gut sie es als Profi hatten und dass sie Glückskinder waren. Diese Demut vermisse ich bei vielen jungen Spielern. Aber nicht falsch verstehen: Fussball ist ein toller, doch genauso ein strenger Beruf. So einfach, wie viele Leute denken, ist es nicht. Man hat keine Entscheidungsfreiheit und muss jede Woche gut spielen, egal wie es einem psychisch geht. Wer nicht gut spielt, wird abgelöst vom Nächsten in der Warteschlange.

Hungerbühler: Ich sehe das ein bisschen anders. Doch diese Diskussionen haben wir schon oft geführt.

Erzählen Sie!
Hungerbühler: Einfach nur ein Schoggileben haben Fussballer schon nicht, das stimmt. Aber ich finde, sie werden zu stark abgeschottet vom wirklichen Leben und haben es dadurch schwerer, nach der Profikarriere im normalen Berufsleben Fuss zu fassen.

Stéphane, was nehmen Sie aus dem Fussballerleben mit in die Karriere als Polizist?
Besle: Wer dem Leistungsdruck nicht standhalten kann, scheitert im Fussball. Die Fähigkeit, auf den Punkt bereit zu sein und das Drumherum, zum Beispiel Beleidigungen von Fans, auszublenden, wird mir sicher helfen.

Was sind Ihre Ambitionen als Polizist?
Besle:
Die Ausbildung dauert ein Jahr und ich muss die Abschlussprüfungen erst einmal bestehen. Danach ist der Plan, etwa fünf Jahre als Streifenpolizist in der Region Neuchâtel meine Sporen abzuverdienen und ein guter Polizist zu werden.

Hungerbühler: Das langfristige Ziel ist, dass wir irgendwann in die Ostschweiz in die Nähe meiner Familie zurückgehen und du dann dort arbeitest. Ich bin gespannt, wie du mit der neuen Lebenssituation umgehen wirst. Lernen, früh aufstehen – einen Vorgeschmack darauf haben ja die letzten zehn Monate gegeben. Du hast für die Prüfungen gelernt, dann ist Maxime geboren. Das waren strenge, aber gleichzeitig sehr erfolgreiche Monate.

Besle: Und das ist noch nicht alles: in kurzer Zeit die zwei Operationen an der Hüfte und am Fuss, die ersten Verletzungen überhaupt in meiner Karriere. Und ich bin daran, Schweizer zu werden. Den ersten schriftlichen Test habe ich schon hinter mir.

Hungerbühler: Aber dank der Geburt von Maxime ist 2017 das beste Jahr.

Besle: Das stimmt. Aber hoffen wir, dass 2018 etwas ruhiger wird …

Hungerbühler: Ich freue mich vor allem darauf, dass der Fussball nicht mehr unseren Terminkalender bestimmt, sondern dass wir auch mal in die Ferien gehen können, wann wir wollen.

Stéphane, haben Sie sich schon damit auseinandergesetzt, dass Sie als Polizist im Notfall auf einen Menschen schiessen und diesen eventuell sogar töten müssen?Besle: Nein. Solche Situationen zu meistern, das werde ich in der Ausbildung lernen.

Haben Sie schon einmal mit einer Waffe geschossen?
Besle: Auch nein. Waffen sind kein Spielzeug und ich will erst lernen, richtig damit umzugehen.

Welcher Beruf ist gefährlicher: Polizist oder Fussballer?
Besle: Für den Körper Fussballer. Für den Kopf Polizist.

Romina, haben Sie Angst um Stéphane, wenn er in Zukunft als Polizist unterwegs ist?
Hungerbühler: Natürlich habe ich mir darüber Gedanken gemacht. Aber noch ist es nicht so weit. Und ich weiss, dass ein Bürojob Stéphane unglücklich machen würde.

Zum Schluss: Warum werden Sie ein guter Polizist sein?
Besle: Schwierige Frage! Vielleicht, weil ich die nötige Seriosität und Gelassenheit mitbringe. Und Polizist ist für mich mehr als ein Beruf, es ist eine Leidenschaft.

Meistgesehen

Artboard 1