Kunstturnen
«Ich will auch nach dem Rücktritt täglich in der Halle stehen»

Mark Ramseier aus Lenzburg hat Ende letzten Jahres seinen Rücktritt gegeben. Im Interview erzählt er, wie er seine neu gewonnene Zeit nutzt und warum er auch in Zukunft weiter trainieren wird.

Fabio Baranzini
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Mark Ramseier geht auch weiterhin direkt von der Uni in die Trainingshalle in Niederlenz Quelle: Fabio Baranzini.

Mark Ramseier geht auch weiterhin direkt von der Uni in die Trainingshalle in Niederlenz Quelle: Fabio Baranzini.

Mark Ramseier, Ende November haben Sie Ihren letzten Wettkampf bestritten. Fiel der Abschied schwer?

Mark Ramseier: Nein, eigentlich nicht. Ich hatte schon länger geplant, Ende 2012 aufzuhören. Daher konnte ich das letzte halbe Jahr richtig geniessen.

Nachdem Sie vor zwei Jahren in Magglingen entlassen wurden, haben Sie Ihre Karriere in Luzern fortgesetzt. Was änderte sich dadurch?

Ich hatte einen längeren Anfahrtsweg mit dem Zug, konnte nur noch rund halb so viel trainieren wie zuvor und abgesehen von meinem Coach war die Betreuung nicht mehr gleich gut. Zudem hatte ich kein fixes Einkommen mehr und musste für das Training gar noch bezahlen.

Dann war der Entscheid, in Luzern zu trainieren, eher eine Trotzreaktion?

Nein, auf keinen Fall. Ich liebe den Sport und wollte unbedingt weiter machen. Zudem wollte ich den Zeitpunkt meines Rücktritts selber bestimmen. Es kam aber vor, dass ich nach einem guten Wettkampf gedacht habe ‚Ha, seht ihr, ich kanns noch immer!’.

War der Rauswurf aus dem Nationalteam der Tiefpunkt Ihrer Karriere?

Es war einer der schwierigsten Momente, auch weil der Entscheid für mich bis heute nur schwer nachvollziehbar ist. Aber auch die Verletzungen an der Wade und am Knie waren nicht einfach.

Was waren die Highlights?

Ganz klar die Silbermedaille mit dem Team an der Junioren EM 2002. Auch der 8. Platz mit der Mannschaft an der WM in Aarhus war ein absolutes Highlight, genauso wie die Heim-EM 2008 in Lausanne, als ich an der Eröffnungsfeier den Turnereid leisten durfte.

Sie haben 2009 als erster Kunstturner in Magglingen parallel zum Spitzensport ein Studium begonnen. Warum?

Mir war klar, dass ich als Turner nicht Pensionär werde. Im Alter von 25 entschied ich mich daher, etwas für meine Zukunft zu tun und ein Jurastudium an der Uni Bern zu beginnen.

Haben die Trainer diesen Entscheid unterstützt?

Ja, das haben sie, denn der Sport stand nach wie vor im Vordergrund.

Wie lange dauert es noch, bis Sie den Bachelor haben?

Letzte Woche hatte ich nach sieben Semestern meine letzten Prüfungen.

Wie haben Sie das trotz 20 bis 30 Stunden Training pro Woche so schnell geschafft?

Als ich in Luzern trainierte, habe ich viel im Zug gelernt. Zudem bin ich im Sport vor allem dank meinen Ehrgeiz so weit gekommen und nicht unbedingt, weil ich so talentiert war. Das hat mir auch im Studium geholfen. Ich war sicher kein Musterstudent.

Inwiefern?

Ich habe nicht gerade mit einer hohen Präsenzzeit geglänzt (lacht). Teilweise habe ich Prüfungen geschrieben, obwohl ich nie in der entsprechenden Vorlesung war. Ich habe mir sehr viel selber beigebracht.

Werden Sie dem Turnen auch in Zukunft treu bleiben?

Ja, auf jeden Fall. Als Ausgleich zum Studium will ich weiterhin täglich in der Halle stehen, schliesslich möchte ich ja im Sommer in der Badi immer noch eine gute Figur abgeben (lacht). Wettkämpfe bestreite ich aber nur noch im Vereinsturnen mit Teufenthal und Lenzburg. Dafür werde ich bald als Kampfrichter in der Halle anzutreffen sein.

Wie nutzten Sie die freie Zeit bis zu Semesterbeginn im Februar?

Ich werde zum ersten Mal seit über zehn Jahren wieder Skifahren gehen. Dann muss ich endlich meine neue Wohnung in Aarau einrichten. Dann muss ich mich entscheiden, auf welchem Gebiet ich mich im Master spezialisieren will, und dann suche ich noch einen Nebenjob.

Was schwebt Ihnen da vor?

Super wäre ein Praktikum in einer Kanzlei, aber ich würde auch in der Gastronomie oder auf dem Bau arbeiten.