Trainerwechsel

«Ich passe in keine Schublade, ich bringe den ganzen Schrank mit»: So kam Stephan Keller zum Trainerjob beim FC Aarau

stephan keller

stephan keller

Der frühere Assistent wird zum neuen Chef: Hintergründe zur Trainerrochade beim FC Aarau. Stephan Keller, der Nachfolger von Patrick Rahmen, scheut sich nicht vor den schweren Entscheidungen, die in Folge der Kaderbereinigung auf ihn warten.

Es ist Mittwoch kurz nach 20 Uhr. Im Stadion Kleinfeld hat der FC Aarau soeben 1:4 gegen den SC Kriens verloren, als sich Sandro Burki von seinem Platz erhebt und wortlos davongeht. Im Gesichtsausdruck des Aarauer Sportchefs die totale Ernüchterung. Im Innern die Gewissheit, dass er nach dem neuer-lichen Offenbarungseid nicht mehr um den Schritt herumkommt, vor dem er sich insgeheim immer gefürchtet hat: Er muss seinen Freund Patrick Rahmen als Trainer entlassen. Später wird Burki dazu den nebulösen Satz sagen: «Es wäre mir einfacher gefallen, wenn an Patricks Stelle ich entlassen worden wäre.»

Gleichzeitig in Holland: Stephan Keller feiert gerade den Geburtstag seines Sohnes, als das Handy klingelt. Am anderen Ende der Leitung Sandro Burki, der Keller bittet, so schnell wie möglich in die Schweiz zu kommen. Das Ticket ist rasch gebucht, Donnerstag Punkt 15.25 Uhr landet das Flugzeug mit Keller an Bord in Kloten. Am Abend, nach kurzen Verhandlungen, unterschreibt er beim FC Aarau einen Vertrag bis 2023.

Kurze Verhandlungen, Dreijahresvertrag und in den vergangenen Wochen das Gerücht, Keller stehe bereit als neuer Cheftrainer – ja, der 41-Jährige sass in Holland, wo er sich nach seiner Spielerkarriere niedergelassen und im Nachwuchsbereich seine Trainerkarriere lanciert hat, auf gepackten Koffern. Im Wissen, dass die Reise wohl zurück nach Aarau gehen wird. Seit 2017 amtete Keller unter Marinko Jurendic und Patrick Rahmen als Assistenztrainer im Brügglifeld, nach Jurendics Entlassung im Frühjahr 2018 während 11 Spielen sogar als Interimstrainer. Schon damals hätte Burki Keller gerne zum neuen Chefcoach gemacht, was wegen dessen fehlender Diplome nicht möglich war.

Als Keller Ende Mai nicht zum ersten Mannschaftstraining nach der Coronapause erscheint, liess er sich mit den Worten zitieren: «Für mich ist die Zeit gekommen, um meine eigenen Philosophien und Konzepte umzusetzen. Wo ich diese Herausforderung finden werde, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht deutlich.» Es dauerte darauf nicht lange, bis sein Name wieder im Brügglifeld auftauchte: Zuerst als Gerücht, ehe vor drei Wochen Keller von den FCA-Verantwortlichen das Signal erhielt, dass er ihr Wunschkandidat als Cheftrainer auf die neue Saison hin sei. Auf Bitten von Burki und Präsident Philipp Bonorand nun also schon die frühzeitige Rückkehr.

«Hallo mitenand» – weisses Hemd, Turnschuhe, um den Ellbogen eine farbige Maske. Als er sich am Freitagvormittag den Medien vorstellt, ist nichts zu spüren von den bärbeissigen Zügen, die Keller in den vergangenen Jahren immer mal an den Tag legte. Der frühere Innenverteidiger (2004 ein halbes Jahr beim FC Aarau) gilt schon zu Spielerzeiten als Querdenker, gefragt danach, ob er eher Laptop- oder Instinkttrainer sei, sagt er: «Ich passe in keine Schublade, ich bringe den ganzen Schrank mit.»

Keller macht keinen Hehl daraus, als Assistent mit dem Posten Rahmens geliebäugelt zu haben, bezeichnet das Verhältnis zu seinem Vorgänger aber als gut: «Meine Meinung habe ich stets eingebracht. Ich war als Assistenztrainer kein Co-Pilot, der schweigt, wenn der Chef in die Felswand zu fliegen droht.» Auf die Frage, ob er in den flugs verlaufenen Vertragsverhandlungen auf den finanziellen Poker verzichtet habe, weil er den Job unbedingt wollte, sagt Keller: «Wäre Geld der einzige Antrieb, dürfte in der Schweiz kein Trainer einen Job annehmen. Der FC Aarau hat ein faires Angebot gemacht, die Wertschätzung in Form von Vertrauen, Handlungsspielraum und einem menschlich tollen Umfeld ist mir indes genauso wichtig.»

Der Zürcher bezieht ab sofort sein Haus im Stadtteil Höngg, seine Frau und die drei gemeinsamen Kinder bleiben in Holland. Einsam werde er sich nicht fühlen, es warte viel Arbeit auf ihn. Die operative Führung seines zweiten Standbeins, den Import von Spirituosen in die Schweiz, hat er seinem Geschäftspartner übergeben.

Nun, wo auf der Trainerposition Klarheit herrscht, beginnt die Personalplanung für die nächste Saison, das unstimmig zusammengestellte Kader benötigt eine kräftige Frischzellenkur. «Es stehen harte Entscheidungen bevor, ich bin bereit», sagt Keller, der betont, den Menschen und den Sportler zu trennen. «Nur weil ich ihn mag, wird kein Spieler bleiben, der den Anforderungen nicht genügt. Umgekehrt dasselbe.»

Alle Trainer des FC Aarau seit 1981

Bleiben zwei Fragen – die erste: Warum setzt sich Keller dem Risiko aus, dass in den verbleibenden sieben Spielen der laufenden Saison, sollte die sportliche Trendwende nicht gelingen, der Lack bereits zu bröckeln beginnt? Antwort: «Bei einem anderen Verein hätte ich erst nach der Saison über-nommen. In Aarau komme ich in ein vertrautes Umfeld zurück, ich weiss, wo es anzusetzen gilt, um den falschen Strömungen entgegenzuwirken. Und: Mit der Unterschrift als Cheftrainer setze ich mich dem Druck aus, Resultate liefern zu müssen. Egal, zu welchem Zeitpunkt.»

Die zweite Frage: Warum gibt der FC Aarau, der durch Corona Sparzwängen ausgeliefert ist und der nach der Entlassung von Patrick Rahmen diesen bis zum Vertragsende im Sommer 2021 bezahlen muss, dem Nachfolger einen Dreijahresvertrag – auf die Gefahr hin, dass die Übung misslingt? Die Antwort von Sportchef Sandro Burki: «Die Zeiten, in denen vor jeder Saison ein Umbruch stattfindet, sind vorbei. Wir haben einen nachhaltigen Plan, eine junge Mannschaft aufzubauen – dafür ist Stephan Keller der richtige Trainer.»

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