Ranko Jakovljevic, macht es noch Spass, Trainer des FC Wohlen zu sein?
Ranko Jakovljevic: Es ist keine einfache Situation – weder für die Verantwortlichen des Vereins noch für die Trainer, Spieler und Fans. Während der Arbeit auf dem Spielfeld habe ich nach wie vor Spass. In diesen Momenten vergesse ich alle Probleme und richte meinen Fokus auf das Wesentliche, also auf den sportlichen Aspekt.

Haben Sie nach dem freiwilligen Abstieg der Freiämter Anfang Januar daran gedacht, den Bettel hinzuschmeissen?
Nein. Zumindest nicht am Anfang. Fussball ist meine Leidenschaft, meine grosse Liebe. Ich halte sowohl in guten wie in schlechten Zeiten an meiner professionellen Einstellung fest. Und ich wusste ja schon Mitte Dezember, dass sich der FC Wohlen womöglich aus dem Profifussball zurückziehen wird. Aber ich blieb zu Beginn positiv und hoffte noch. Als die Hoffnung Anfang Jahr starb, war ich im ersten Moment sehr enttäuscht, ja sogar frustriert. Aber ich bin ein Kämpfer und ganz und gar nicht der Typ, der aufgibt.

Woher nehmen Sie die Motivation, einen Klub zu trainieren, der mitten in der Saison das Handtuch wirft?
Eine gute Frage. Einen freiwilligen Abstieg eines Vereins habe ich in meiner Trainerkarriere noch nie erlebt. Es ist also eine neue Situation. Trotz der misslichen Lage habe ich versucht, das Beste für den FC Wohlen, für die Spieler und für mich herauszuholen. Schliesslich geht es um die Zukunft jedes Einzelnen. Es geht um Existenzen. Mein Motto ist: Wer seriös lebt und arbeitet, wird irgendwann belohnt.

Wurden Sie in den Entscheidungsprozess des Rückzugs des FC Wohlen aus der Challenge League mit einbezogen?
Nein. Aber das ist auch richtig so. Schliesslich gehören solche Grundsatzentscheidungen nicht zu meinem Aufgabengebiet.

Nach 16 Jahren Challenge League verschwindet der FC Wohlen nun also aus der zweithöchsten Spielklasse. Ihre Meinung?
Es ist schade für den Kanton Aargau. Und vor allem ist es schade für das Freiamt. Vom Rückzug des FC Wohlen aus dem bezahlten Fussball sind ja nicht nur weit mehr als 20 Profis, sondern auch viele junge Spieler betroffen. Diesen Talenten fehlen in Zukunft die Vision und der Traum, um beim FC Wohlen eine erfolgreiche Laufbahn einzuschlagen.

In welcher Liga wird der FC Wohlen die Saison 2018/19 bestreiten?
Das weiss ich nicht. Meine Hoffnung ist, dass der FC Wohlen in der Promotion League weitermachen wird. Dann bleibt wenigstens das sportliche Niveau relativ hoch. Und es besteht die Möglichkeit, dass der Klub irgendwann in den bezahlten Fussball zurückkehren wird.

Aus dem Umfeld des Klubs ist zu hören, dass der FC Wohlen wahrscheinlich einen Neuanfang in der regionalen 2. Liga machen wird: Was sagen Sie dazu?
Das müssen die Verantwortlichen entscheiden. Sollte die Aktiengesellschaft tatsächlich aufgelöst werden, dann führt der Weg laut Reglementen in die 2. Liga. In diesem Fall wäre der Spitzenfussball auch für Junioren gefährdet. Der Weg in die 2. Liga wäre ein äusserst krasser Schnitt. Ich wünsche mir deshalb für die kommende Saison einen FC Wohlen in der Promotion League.

Von der Zukunft in die Gegenwart: Die Vorzeichen für den FC Wohlen im Hinblick auf den Rückrundenstart Anfang Februar sind schlecht. In den Testspielen gegen Thun und Kriens gab es mit 1:7 respektive 0:7 zwei Klatschen. Hatten Sie nach diesen Pleiten nicht doch Rücktrittsgedanken?
Ich gebe es zu: Nach dem Testspiel gegen Kriens am vergangenen Samstag mit dem bitteren 0:7 hatte ich Rücktrittsgedanken. Ich dachte ans Aufhören. Wenn ein Team gegen einen Unterklassigen 0:7 verliert, dann ist es meine Pflicht, meine Position als Trainer infrage zu stellen. Dass sich die Mannschaft gegen Kriens nicht gegen die drohende Kanterniederlage gewehrt hat, war bitter. Es tat mir in der Seele weh. Der Frust sass tief. Nach dem Schlusspfiff war ich im Elend. Dann aber habe ich mit Captain Alain Schultz, meinem Assistenztrainer Piu und meiner Familie über die Rücktrittsgedanken gesprochen. Sie haben mir geholfen, die schwierige Phase zu überstehen. Nach diesen Gesprächen schöpfte ich neuen Mut.

Wie gross ist die Gefahr, dass der FC Wohlen in den verbleibenden 19 Meisterschaftsspielen nur noch Kanonenfutter ist?
Die Gefahr besteht. Ich glaube aber, dass die Mannschaft auf die schlechten Resultate in den Tests eine Reaktion zeigen wird. Es ist in erster Linie eine Charaktersache. Die Spieler müssen mental bereit sein. Sie müssen wissen, dass es um ihre berufliche Zukunft geht. Ich hoffe, dass sie in Zukunft alle Nebengeräusche ausblenden können. Einfach ist das nicht. Kommt erschwerend hinzu, dass die Qualität des Kaders schlechter ist als in der Vorrunde. Wir haben den sechsfachen Torschützen Kristian Kuzmanovic verloren. Jan Elvedi und Olivier Kleiner sind in der Rekrutenschule. Und einige Super-League-Klubs haben Interesse an Abwehrspieler Aleksander Cvetkovic. Natürlich gab es keine Zuzüge. Das Positive: Jene Kaderspieler, die bis jetzt nicht im Rampenlicht standen, bekommen nun eine Chance.

Zurück zu Ihrer persönlichen Situation: Sie sind ab Ende Mai arbeitslos. Wie gehen Sie damit um?
Im Moment kann ich das nicht beeinflussen und schon gar nicht ändern. Fürs Erste konzentriere ich mich deshalb auf den FC Wohlen. Mein Ziel ist klar: Ich will sportlich nicht absteigen. Das heisst: Ich will den neunten Platz. Mindestens!

Haben Sie Existenzängste?
Nein! Aber ich habe eine Frau und zwei Kinder. Sie sind auf mich angewiesen. Meine Familie liegt mir am Herzen. Ich will für sie da sein. Ich will für sie sorgen. In diesen schwierigen Zeiten ist es allerdings eher so, dass die Familie für mich da ist. Und dafür bin ich äusserst dankbar.

Sie waren während acht Jahren in verschiedenen Funktionen im Team Aargau: Kehren Sie im Sommer in die Nachwuchsabteilung des Aargauer Fussballs zurück?
Das wäre eine Möglichkeit. Klar ist, dass ich Trainer bleiben möchte. Egal ob im Profifussball oder im Junioren-Spitzenfussball.