Challenge League

Heute Gegner, langfristig das Vorbild: Was der FC Aarau von Xamax abschauen kann

Derzeit trennen Aarau (links Tasar) und Xamax (Veloso) Welten: Der FCA will bald wieder zu den Neuenburgern aufschliessen.

Derzeit trennen Aarau (links Tasar) und Xamax (Veloso) Welten: Der FCA will bald wieder zu den Neuenburgern aufschliessen.

Die neue Strategie von FCA-Sportchef Sandro Burki lautet «Aargau first»: Wird im Brügglifeld das Vorhaben genauso konsequent und erfolgreich umgesetzt wie in Neuenburg, sind die Aussichten auf eine goldige Zukunft gut.

Tradition, fussballbegeisterte Bevölkerung, Grösse des Einzugsgebiets, Monopolstellung in der Region und der Anspruch auf Zugehörigkeit zur Super League. Die Parallelen zwischen dem FC Aarau und Xamax sind offensichtlich. Wer einwendet, die Neuenburger hätten im Vergleich zum FCA ein modernes Stadion und dadurch einen entscheidenden Vorteil, dem sei erwidert: Xamax haushaltet gemäss Trainer Michel Decastel mit 3,5 Millionen Franken pro Saison. Im Brügglifeld wird für das Profiteam rund eine Million mehr aufgewendet.

Entscheidend ist, was man aus einer Ausgangslage macht. So gesehen trennen die beiden Klubs derzeit Welten: Xamax begeistert die Massen und steht kurz vor der Rückkehr in die höchste Spielklasse. In Aarau hingegen sind die Verantwortlichen daran, den im vergangenen Jahr entstandenen Scherbenhaufen zusammenzuflicken.

Die neue Strategie lautet «Aargau first». Sportchef Sandro Burki sagt: «Unser erklärtes Ziel ist es, vermehrt auf Talente aus der Region zu setzen.» Zudem soll der FC Aarau wieder für personelle Kontinuität und erfrischenden Fussball mit einer klar erkennbaren Handschrift stehen.

Schön und gut. Doch in den nächsten Monaten müssen sich die FCA-Verantwortlichen daran messen lassen, ob sie ihre Worte auch in die Tat umsetzen. Sie müssen beweisen, dass die aktuell 13 Spieler im Profikader mit regionalem Background mehr als eine Momentaufnahme sind.

Xamax - FC Aarau, 1. Runde 21.07.17, Highlights ungeschnitten

Die Highlights des Spiels Xamax - FC Aarau, der 1. Runde 21.07.17

Die ungeschnittenen Highlights des Spiels zwischen Xamax und dem FC Aarau.

Nicht die elf Besten – die beste Elf

Dass das Vorhaben durchaus Perspektiven hat, zeigt der Blick auf den heutigen Gegner: 2012 lag das stolze Xamax am Boden, zerstört vom Schaumschläger Bulat Tschagajew. Ein Frühlingsputz war alternativlos, sollte in der Maladière dereinst wieder professioneller Spitzenfussball geboten werden.

Angeführt von Präsident Christian Binggeli übernahm eine in der Region verankerte Crew das Zepter. Sie tat das einzig Richtige, indem sie zahlreiche Unternehmen aus dem Einzugsgebiet der Stadt Neuenburg ins Boot holte, den unter dem Tschagajew-Regime abgehobenen Klub zurück zu den Menschen brachte und auch bei der Spielerwahl bis heute konsequent dieses Muster verfolgt: Erst wenn lokal und regional kein passender Spieler vorhanden ist, wird national und als letzte Option international rekrutiert.

Drei Jahre nach der Zwangsversetzung in die 2. Liga interregional stieg Xamax 2015 in die Challenge League auf und hielt auch im bezahlten Profifussball an seiner Strategie fest: Keine Experimente und kein Aktionismus, dafür Kontinuität und Geduld: Ursprünglich liebäugelten die Klubverantwortlichen damit, 2017 in die Super League aufzusteigen.

Doch als 2016 dann überraschend der FC Zürich in die zweithöchste Spielklasse abstieg, wurde der Thron den übermächtigen Zürchern überlassen. Statt Aufstieg lautete die Xamax-Devise: Einspielen für die Saison 2017/18, in der die Rückkehr in die nationale Fussballelite endlich klappen soll. Und das wird sie, geschieht nichts Unerwartetes mehr.

Xamax-Anführer Nuzzolo

Xamax-Anführer Nuzzolo

Dabei verfügen die Neuenburger auf dem Papier nicht über das beste Kader. Servette, Vaduz und der FC Aarau haben gleich viel, wenn nicht mehr individuelle Klasse. Nein, Xamax hat nicht die elf Besten, Xamax hat die beste Elf: Eine eingespielte, auch zwischenmenschlich harmonische Gruppe, die hungrig ist und dank Verbundenheit zur Region weiss, wofür sie das alles tut.

Walthert, Sejmenovic, Gomes, Nuzzolo, Doudin, Veloso, Di Nardo und Corbaz: Acht (!) Spieler aus der erweiterten Stammelf haben ihre Wurzeln in oder im Umkreis der Stadt Neuenburg. Dazu Trainer Decastel, der die Fussballregion in der Romandie kennt wie kein Zweiter und mit dem früheren Schweizer Nationalspieler Stéphane Henchoz eine regionale Fussballikone als Assistent weiss, zu der die Spieler hochschauen.

Die eingespielte Stammelf

Apropos Stammelf: Sie agiert seit Jahren im 4-2-3-1-System und besteht praktisch nur aus Spielern, die bereits seit der Saison 2016/17 oder noch länger bei Xamax unter Vertrag stehen (siehe Spielfeld). Der Grossteil der Kadermutationen in den vergangenen Jahren geschah im Speckgürtel, das Filet hingegen, die Positionen 1 bis 14 in der Teamhierarchie, sind seit Jahren gleich bestückt.

Anders ausgedrückt: Zehn der meisteingesetzten Spieler in der vergangenen Saison tragen dieses Attribut auch in der laufenden Spielzeit. Nur zwei Stammkräfte sind erst im vergangenen Sommer neu zum Projekt gestossen. Sie wurden gezielt ausgewählt, weil sie die Mannschaft besser machen.

Und sie wechselten – welch Ironie – aus dem Aargau nach Neuenburg: Der Ex-Aarauer Geoffrey Tréand und der Ex-Wohler Janick Kamber, die zweifellos zu den besten Spielern der gesamten Liga gehören. Das Duo verliess die Aargauer Klubs, weil es keine Perspektiven sah.

In Wohlen hat sich das nicht geändert, bald gehen im Freiamt die Lichter aus. Der FC Aarau hingegen will wieder zur attraktiven Adresse im Schweizer Fussball werden. Das Vorbild auf dem Weg dahin: Xamax, der heutige Gegner.

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