Fussball
Herzblut und Leidenschaft für den FC Aarau: Nach 13 Jahren tritt Vizepräsident Roger Geissberger ab

Er wollte immer nur das Beste für den FC Aarau: Vizepräsident Roger Geissberger. Mit seiner pointierten Art eckte der 59-Jährige mitunter an, seine Verdienste für den Klub vom Brügglifeld indes sind gross.

Sebastian Wendel, Ruedi Kuhn
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Roger Geissberger im Hauptsitz von Knecht Reisen in Windisch AG
13 Bilder
13 Jahre das Duo an der FCA-Spitze: Alfred Schmid und Roger Geissberger
Das erste FCA-Teamfoto mit Verwaltungsrat Geissberger (mittlere Reihe)
Im Trainingslager stellte sich Geissberger spasseshalber ins Tor
Eine besondere Beziehung: Roger Geissberger und Raimondo Ponte, erst Interimstrainer, dann Sportchef beim FC Aarau
Geissberger sagte bei Medienauftritten immer pointiert und ehrlich seine Meinung - hier im Talktäglich bei Tele M1 mit AZ-Chefredaktor Rolf Cavalli (r.) und AZ-Sportchef Francois Schmid-Bechtel
Hatten in 13 Jahren an der FCA-Spitze viel zu diskutieren: Schmid und Geissberger
Jungtrainer Marinko Jurendic (r.) wurde dem FCA von hochrangigen Experten empfohlen, zum Erstaunen Geissbergers aber scheiterte er kläglich im Brügglifeld
2009 wurde Martin Andermatt als Trainer vorgestellt - und zum erfolglosesten Trainer der FCA-Ära Schmid/Geissberger
Ein angespannter Roger Geissberger auf der Ersatzbank im Brügglifeld
Der Verwaltungsrat, mit dem der FCA 2013 in die Super League zurückkehrte: Ruedi Vogt, Karl Oldani, Urs Bachmann, René Herzog, Alfred Schmid und Roger Geissberger (v.l.n.r.)
Ein Bild aus früheren Jahren: Roger Geissberger als CEO von Knecht Reisen
Die Einstellung von Renè Weiler (Mitte) war der grösste Glückstreffer von 11 Trainern in den vergangenen 13 Jahren

Roger Geissberger im Hauptsitz von Knecht Reisen in Windisch AG

CH Media

Am 26. Mai 2020 endet beim FC Aarau eine Ära: Nach 13 Jahren an der Klubspitze treten Präsident Alfred Schmid und sein Vize Roger Geissberger zurück und übergeben den Führungsstab an Philipp Bonorand. Auch wenn sportlich nicht immer alles glatt lief, gehen Schmid und Geissberger erhobenen Hauptes: Sie haben sich 2007 des hoch verschuldeten Intensivpatienten FC Aarau angenommen, ihn mit privaten Geldern ins Leben zurückgeholt und danach im wirtschaftlich schwierigen Umfeld des Schweizer Profifussballs zu einem stabilen KMU mit familiärem Flair geformt, das bei den Ligabossen in Bern den Ruf des «Musterschülers» geniesst.

Der erste von zwei Teilen der Abschiedsserie widmet sich Roger Geissberger. Der 59-Jährige fungiert seit 1990 in verschiedenen Rollen beim FCA, seit 2007 als Verwaltungsrat der FC Aarau AG und seit 2015 als Leiter Ressort Sport. Gerade weil der FCA für Geissberger in erster Linie eine Herzensangelegenheit ist, hat er nie einen Hehl um seine Meinung gemacht und damit mitunter angeeckt. Für die AZ blickt Geissberger zurück auf die vergangenen 13 Jahre.

Geissberger und Alfred Schmid

"Als mich im Frühjahr 2007 der damalige FCA-Präsident Christian Stebler bat, seine Nachfolge zu übernehmen, lehnte ich aus beruflichen Gründen ab – als CEO/Partner und Delegierter verschiedener Verwaltungsräte der Knecht Reisen Gruppe sowie Hotelbesitzer bin ich mehr als vier Monate pro Jahr abwesend, das verträgt sich nicht mit dem Präsidentenamt eines Profiklubs. Ich verwies Stebler jedoch an den im Vorjahr noch vom Club 100 abgelehnten Alfred Schmid. Kurz darauf haben Alfred und ich uns getroffen und vereinbart, dass er als Präsident und ich als sein Stellvertreter uns zur Wahl stellen. Die Anfänge waren viele schlaflose Nächte, der FCA war ­finanziell alles andere als auf Rosen gebettet und wir Verwaltungsräte sowie andere Personen mussten private Gelder zum Überleben des Vereins sprechen. Später waren weitere private Beiträge als Darlehen über den Club 100 zur Rückzahlung der rund 2 Millionen Franken an die MTO nötig. In all den Jahren sind Alfred und ich dem FCA mit Leidenschaft, Rat und Tat zur Seite gestanden und haben uns als private Gönner und mit unseren Firmen als Sponsoren engagiert. Letzteres werden wir auch in Zukunft tun.

Wir beide sind verschiedene Typen, er eher der ruhige, ich eher extrovertiert, wobei auch Alfred hart und bestimmt sein kann, wenn nötig. Es gab immer mal wieder Stimmen, die mich als heimlichen Präsidenten bezeichneten: Dem widerspreche ich entschieden. Wir waren zu 90 Prozent gleicher Meinung, in den restlichen 10 Prozent haben wir Kompromisslösungen zum Wohl des FCA gefunden. Sportlich haben wir nicht alle Ziele erreicht und auch Fehler gemacht. Aber worauf wir zu Recht stolz sein dürfen, ist die Tatsache, dass der FC Aarau in sechs der sieben vergangenen Jahre schwarze Zahlen geschrieben hat, zu jeder Zeit pünktlich die Löhne überwiesen hat, in der Wirtschaft und Bevölkerung breit abgestützt ist und bei der Swiss Football League den Ruf des Musterknaben hat. Zu Beginn unserer Amtszeit haben wir einen Pakt geschlossen: Wir kommen zusammen und gehen zusammen. So kommt es nun auch, obwohl ich zugebe, dass mich ein Verbleib im Verwaltungsrat der FC Aarau AG gereizt hätte. Alfred und ich haben durch den FCA zueinandergefunden und werden bestimmt Freunde fürs Leben bleiben."

13 Jahre das Duo an der FCA-Spitze: Alfred Schmid und Roger Geissberger

13 Jahre das Duo an der FCA-Spitze: Alfred Schmid und Roger Geissberger

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Geissberger und die Trainer

"Ja, elf Trainer seit 2007 sind auf den ersten Blick viel, zu viel. Aber gemessen an der durchschnittlichen Amtsdauer eines Trainers in der Schweiz wiederum normal. Ich muss dazu sagen: Seit 2007 bin ich Mitglied des Sportausschusses, die Verantwortung für das Ressort Sport trage ich jedoch erst seit Sommer 2015. Reinwaschen will ich mich damit jedoch nicht, ich habe alle Trainer-Einstellungen und -Entlassungen mitgetragen. In unserer Amtszeit war die Trainerfrage immer Sache des Verwaltungsrats, so waren der Trainer und der Sportchef getrennt voneinander überwacht. Die Trainersuche ist immer auch Lotterie – man weiss nie, ob die guten Eindrücke in den Gesprächen sich auch in den Resultaten widerspiegeln.

Es gab personell einige Fehlentscheidungen, zum Beispiel die Vertragsverlängerung mit Marco Schällibaum im Frühling 2017, über die im Verwaltungsrat Uneinigkeit herrschte, nachdem Schällibaum in seinem ersten Jahr eine gute Bilanz aufwies. Rückblickend war die Entlassung von Jeff Saibene im Herbst 2009 wohl der grösste Fehler, wir hätten damals mehr Geduld haben müssen, vielleicht wäre der erstmalige Abstieg seit 2010 vermeidbar gewesen. Ratlos bin ich bis heute bei der Personalie Marinko Jurendic: Von hochrangigen Experten und Funktionären des Schweizerischen Fussballverbandes wurde er uns 2017 wärmstens empfohlen, aber er hat im Brügglifeld nie Fuss gefasst – warum, kann ich mir nicht erklären. Er ist ein guter Typ und versteht viel von Fussball.

Ich hatte mit unseren Trainern immer einen engen Austausch, zum Teil auch privat, und ich habe immer meine ehrliche Meinung gesagt, war aber auch offen für Kritik. Ich hatte zu allen Trainern, auch nach den Entlassungen, ein gutes Verhältnis und habe mit gewissen von Ihnen bis heute noch Kontakt. ­Apropos Ehrlichkeit: Für mich die wichtigste Tugend, privat und beruflich. Ich bin direkt, aber den Vorwurf, nicht ehrlich gewesen zu sein, kann mir niemand machen."

Die Einstellung von Renè Weiler (Mitte) war der grösste Glückstreffer von 11 Trainern in den vergangenen 13 Jahren

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Gute Zeiten, schlechte Zeiten

"In einem Fussballklub interessieren in erster Linie die sportlichen Resultate. Als Ressortleiter Sport stand ich so in den vergangenen Jahren besonders im Fokus. War der FCA erfolgreich, zielte das Lob immer auf die Trainer und Spieler. In schwierigen Zeiten hiess es jedoch aus der Fanszene: Geissberger ist schuld. Damit muss man ein Stück weit leben als Verantwortlicher, gestört hat mich das trotzdem, da bin ich ehrlich. Vor allem, weil ich nie Trainer oder Spieler im Alleingang verpflichtet bzw. entlassen habe, wir haben alles im Kollektiv besprochen und entschieden.

Im Sommer 2017 war die Kritik an meiner Person auf dem Höhepunkt angelangt, vor allem auch mein privates Umfeld litt unter den teils diffamierenden und sehr verletzenden Angriffen. Ich war damals sehr präsent in den Medien, das würde ich im Nachhinein so nicht mehr machen und ich habe mich in den letzten zwei Jahren deswegen auch zurückgezogen. Letztlich war meine Präsenz aber auch nötig, da der damalige Sportchef Raimondo Ponte es mied, öffentlich die Probleme erklären wollte, aber jemand musste das ja tun. Unter dem jetzigen Sportchef Sandro Burki, der einen guten Job macht, konnte ich mich zurückziehen.

Rückblickend gab es zwei Phasen, die besonders positiv in Erinnerung bleiben werden: Die Zeit mit Trainer René Weiler mit dem Aufstieg 2013, wir schwammen mehrere Jahre auf einer Erfolgswelle und hatten intern einen genialen Zusammenhalt, auf allen Ebenen. Und dann der Frühling 2019 mit der sensationellen Aufholjagd bis in die Barrage. Und auch wenn wir den sicher geglaubten Aufstieg vergeigt haben, die positiven Erinnerungen an diese sehr emotionalen Monate überwiegen."

Roger Geissberger mit Alfred Schmid und Sportchef Sandro Burki, dem er einen "guten Job" attestiert

Roger Geissberger mit Alfred Schmid und Sportchef Sandro Burki, dem er einen "guten Job" attestiert

Sebastian Wendel

Geissberger – der Goalie

"Zu meiner Aktivzeit war ich Goalie, in den 80er-Jahren im erweiterten Kader der ersten Mannschaft des FC Wettingen. Seit 1990, als ich als Berater, Sponsor und Reiseveranstalter zum FC Aarau gestossen bin, war ich in jedem Wintertrainingslager dabei. In den Camps wurde es zur Tradition, dass ich am Ende einer Trainingseinheit ins Tor stand und mich den Spielern stellte, meistens verbunden mit einer Wette um ein Nachtessen. Das habe ich mir nicht nehmen lassen: Fussball ist letztlich ein Spiel, und ein Spiel soll vor allem Spass machen. Aus Altersgründen ging die Tradition vor zwei Jahren eigentlich zu Ende. Jedoch verlor ich dann gegen Sandro Burki eine Wette und musste mich als Folge im vergangenen Winter in der Türkei der Herausforderung nochmals stellen. Sie dürfen raten, wer das Nachtessen gewonnen hat..."

Im Trainingslager liess es sich der frühere Wettingen-Goalie Roger Geissberger nicht nehmen, selber ins Tor zu stehen

Im Trainingslager liess es sich der frühere Wettingen-Goalie Roger Geissberger nicht nehmen, selber ins Tor zu stehen

Sebastian Wendel