27. August 2016: Es ist jener Sommertag, der David Schmids Schwinger-Karriere so richtig Schwung verleiht. Der Fricktaler eröffnet den Wettkampf mit drei überzeugenden Siegen in den ersten drei Gängen – auf grösstmöglicher Bühne, am Eidgenössischen. In der Folge läuft auch Schmids Handy auf Touren, Hunderte Nachrichten erreichen ihn. Und er staunt über die Schlagzeilen der Onlinemedien: «Orlik, Glarner, Giger oder Schmid: Wer wird der neue Schwingerkönig?»

Rückblickend muss sich Schmid eingestehen, mental mit der Situation überfordert gewesen zu sein. «Ich reiste mit dem Ziel nach Estavayer, einen Kranz zu gewinnen. Und sicher nicht mit Schlussgang-Ambitionen – nicht mal annähernd.» Schmid beendet Tag eins mit einem Gestellten, hat am Sonntag aber immerhin drei Matchbälle in der Hand, den angepeilten Kranz zu realisieren.

Auf dem Weg dazu gelingt David Schmid, so die Expertenmeinungen noch heute, einer der spektakulärsten Gänge der letzten 15 Jahre überhaupt. Er bringt als Aussenseiter, mit seiner bärenstarken Defensive und seinen explosiven Angriffen, niemand Geringeren als Mitfavorit Armon Orlik an den Rand einer Niederlage. Schmid verliert den grossartigen Gang letztlich trotzdem, katapultiert sich damit aber in die Kategorie der Bösen und erlangt schweizweit Bekanntheit.

Tomaten-Mozzarella und Entrecote – David Schmid ernährt sich ausgewogen.

Tomaten-Mozzarella und Entrecote – David Schmid ernährt sich ausgewogen.

Gänsehaut pur in der grössten Schwingerarena

Den Applaus, die stehenden Ovationen – Gänsehaut pur in der Schwingarena! «Das war eine unglaubliche Stimmung. Mich hat es sehr berührt, wie das Publikum mein Risiko gewürdigt hatte», erinnert er sich, als wäre es gestern gewesen. Schmid verwertet einen der Matchbälle zum Kranz souverän. Das Ziel, endlich zu den Bösen zu gehören, ist erreicht. «Ich war erleichtert. Niemandem mehr beweisen zu müssen, dass ich mit den Besten mithalten kann.»

Doch so erfolgreich das Jahr 2016 für ihn war, so hart landet Schmid zum Jahresende wieder auf dem Boden der Realität. An einem Abend im Dezember passiert es im Trainingskeller: Um 21.55 Uhr, in den Schlussminuten des Abendtrainings, lässt er sich von einem Klubkameraden zu einem allerletzten Schwung überreden – und zieht sich dabei schwerste Knieverletzungen zu.

Die Kniescheibe springt heraus, das Kniegelenk wird stark beschädigt, auch der Knorpel wird in Mitleidenschaft gezogen. Es sollte ihn, den Harmoniebedürftigen, lehren, auch einmal Nein zu sagen. «Ich hatte überhaupt keine Spannung mehr im Körper und hätte im Nachhinein das Training vorzeitig beenden sollen», bedauert der Fricktaler.

David Schmid wird Tage später vom renommierten Sportarzt Lukas Weisskopf und dessen Team in der Altius Klinik in Rheinfelden operiert. Es folgen eine monatelange Rehabilitation und ein harter Kampf zurück an die Spitze. In dieser Zeit lernt Schmid in der Sportklinik andere Spitzensportler kennen. Fussballer Zdravko Kuzmanovic oder Skirennfahrer Sandro Viletta teilen sein Leid.

Im August der grosse Heimauftritt in Wittnau

Dass sich David Schmid in der Folgesaison dennoch zwei Kränze ergattert, zeigt auf, mit welcher Intensität und Leidenschaft er sein Comeback verfolgt hatte. Als Jahreshighlight 2017 streicht er den aktiv geführten, gestellten Gang gegen Joel Wicki mit der Note 9,0 unter fürchterlichen Knieschmerzen am Basellandschaftlichen Kantonalen heraus.

Ein grosses Ausrufezeichen setzt David Schmid aber eineinhalb Jahre nach seiner Knieverletzung: Im August vergangenen Jahres holt er sich am Nordwestschweizer Schwingfest in Basel sensationell auf Rang 1c den Festsieg. Über 100 mitgereiste Fans des 2016 gegründeten Fanklubs feiern ihn ausgiebig. Der Sieg wird zusätzlich versüsst, indem seine Wohngemeinde Wittnau gleichzeitig das Zepter als Organisator des nächsten Nordwestschweizer Schwingfests übernimmt.

So tritt David Schmid bei seinem Heimauftritt in wenigen Wochen am 4. August, den er gleichsetzt mit dem Eidgenössischen, als Titelverteidiger an. «Das ist ein absolutes Karriere-Highlight für mich, ein Wettkampf im eigenen Dorf zu erleben. Es bedeutet mir sehr viel, dass unser Dorf mit 1300 Einwohnern ein Fest für 4000 Zuschauer organisiert. Es braucht alle im Dorf, um ein solches Fest stemmen zu können. Und es packen auch alle mit an. Ich wünsche mir, dass ich die Erwartungen im Sägemehl erfüllen kann.»

Zu viel Bewegung

Besonders in dieser Saison stellt David Schmid für eine professionelle Vorbereitung auf das Nordwestschweizer und Eidgenössische so manches hinten an, was einer Herkulesaufgabe gleicht. Dass er sich täglich um den Schwingsport kümmern kann, verdanke er nicht zuletzt seiner Familie und Freundin Jasmin: «Sie alle packen für mich zusätzlich an. Sie sind unglaublich tolerant und unterstützen mich, wann immer es nur geht», sagt David Schmid, der im Januar auch gleich noch erstmals Vater wurde.

Der 28-Jährige führt mit seiner Familie einen Landwirtschaftsbetrieb, der sich auf Bio-Weide-Rinder spezialisiert hat. Ein 24-Stunden-Job. Daneben haben die Schmids auf dem Hof auch 3000 Legehennen, 15 Milchkühe und rund 250 Hochstammbäume. Auch produzieren sie selber Teigwaren.

Da wird das Thema Ernährung bei David Schmid unweigerlich grossgeschrieben. «Ich versuche, mich ausgewogen zu ernähren, und achte dabei vor allem auf regionale, saisonale Produkte. Aber ein gutes Stück Fleisch esse ich immer wieder gerne», sagt Schmid und bestellt sich im Rahmen unserer Schwingserie ein Entrecôte mit Kroketten und Gemüse. Er müsse nicht besonders darauf achten, wie gesund sein Essen sei. «Ganz im Gegenteil. Ein wenig mehr Masse würde mir guttun. Aber ich knacke kaum die 100-kg-Marke», sagt das 1,85 m grosse Muskelpaket schmunzelnd und fügt an: «Wahrscheinlich bewege ich mich schlicht zu viel.»

«Entweder oder» mit dem Fricktaler Schwinger David Schmid aus Wittnau

«Entweder oder» mit dem Fricktaler Schwinger David Schmid aus Wittnau

Mit 30 wird der Karriere- Schlussstrich gezogen

Nebst dem Training im Sägemehl absolviert David Schmid mehrere Einheiten pro Woche in seinem eigenen Kraftraum auf dem Hof. Seine Saisonziele sind hochgesteckt. Zu viel Druck will er sich aber nicht aufbürden. Auch im Hinblick auf das Eidgenössische nicht. «Ich will den Kranz in Zug bestätigen. Alles andere ist Zugabe», sagt er.

Aber immerhin: Sollte ihm wiederum ein exzellenter Start in den Wettkampf gelingen, sei er in den letzten drei Jahren mental so stark gereift, dass er eine solche Situation und Ausgangslage richtig einzuschätzen wisse. Eine erste Duftmarke auf dem Weg dahin hat David Schmid mit Rang 2b am Aargauer Kantonalen bereits gesetzt.

So professionell er seine Karriere verfolgt, so konsequent ist David Schmid auch in seiner Einstellung. «Viele halten es für einen schlechten Scherz. Aber für mich ist klar, dass ich mit 30 meine Karriere beenden werde. Natürlich werde ich dem Schwingen für immer verbunden bleiben, aber es gibt eben auch eine Zeit nach dem Aktivschwingen.» Doch zuerst will David Schmid noch einmal durchstarten – nicht nur mit unterhaltsamen Gängen fürs Schwinger-Auge.