Das Timing kann manchmal grausam sein. Giulia Steingruber muss den Schweizer Fernsehzuschauern am Sonntagabend live aus der WM-Arena in Glasgow erklären, wie es um ihre Verletzung und ihren Gemütszustand bestellt ist, während im Hintergrund die Siegerehrung für den Bodenfinal der Frauen läuft. Dort wollte die 21-jährige Ostschweizerin doch unbedingt antreten, brillieren und vielleicht ihre erste Medaille an Weltmeisterschaften gewinnen.

Dass dies nicht möglich sein wird, war eigentlich bereits am Samstag nach Steingrubers verunglückter Landung beim Sprungfinal klar. Unabhängig davon, wie schlimm ihre Knieverletzung nun tatsächlich ist - obwohl vom Teamarzt betreffend Bänderverletzung Entwarnung kam, kann man den tatsächlichen Befund erst nach erfolgtem MRI am Dienstagmorgen machen -, wäre ein Start ein zu grosses Risiko gewesen.

Giulia Steingruber verletzt sich an Kunstturn-WM in Glasgow 2015

Giulia Steingruber verletzt sich an Kunstturn-WM in Glasgow 2015

Erstens schmerzte Steingrubers Knie auch am Sonntagmorgen beim Durchbiegen, zweitens schüttelt eine Athletin die mentale Blockade in einem solchen Moment nicht so schnell ab. Und wer würde die Verantwortung tragen, wenn sich das Schweizer Aushängeschild am Boden definitiv eine gravierende Blessur zugezogen hätte?

Medaille lag ausser Reichweite

Für den Arzt und ihren Trainer war dies schnell klar, Giulia selbst benötigte etwas länger, bis sich die Einsicht durchsetzte, dass es keinen Sinn macht. Als sie sich dessen am Sonntagmorgen bewusst wurde, kullerten einige Tränen über ihre Wangen. Es waren letztlich Tränen der Vernunft. Dass sie angesichts des Finalniveaus am Boden ihren Traum einer Medaille ohnehin nicht hätte realisieren können, war in diesem Moment ein schwacher Trost. «Ich bin ziemlich enttäuscht. Aber auch froh, dass es schlimmer ausgesehen hat, als es wirklich war», sagte die Mehrkampf-Europameisterin.

Genau einmal schaute sie sich die Szene im Hotel auf Video an, «dann hatte ich genug». Den Ablauf erklärt sie sich wie folgt: «Ich war extrem nervös vor meinem zweiten Sprung.». Sie sei in der Luft nicht auf die gewohnte Höhe gekommen und deshalb habe das Timing bei der Landung nicht gestimmt. «Am Anfang stand ich unter Schock, später ist für mich dann eine Welt zusammengebrochen.

Zum Glück konnten mich meine Eltern wieder etwas aufbauen.»Jetzt sei sie wieder positiv eingestellt. «Ich hatte einen Riesenschutzengel», stellt Steingruber fest. Die verunglückte Landung wolle sie möglichst schnell vergessen, «denn ich habe den Sprung zu hundert Prozent im Körper und auch mental im Griff. Meine Ziele für die nächste Saison bleiben dieselben.» Es wäre ihr zu gönnen, wenn das morgige MRI tatsächlich nicht mehr als die vermutete Meniskusprellung zutage bringt.

Hegi mit einem Sturz

Auch dem Aargauer Oliver Hegi kamen im Reckfinal zum Abschluss der WM die Gefühle in die Quere. Zwar sprach er nach seiner Darbietung, die zum geteilten Rang 7 mit dem deutschen Fabian Hambüchen (2007 Weltmeister am Reck) reichte, von «einer wunderschönen Erfahrung». Immerhin war es sein allererster Gerätefinal an einer Weltmeisterschaft und blieb er der einzige Schweizer Turner, dem dies in Glasgow gelang. 16 Jahre mussten die Schweizer Kunstturner auf einen solchen Moment warten.

Dass Hegi bei seinem schwierigsten Flugelement stürzte, obwohl er mit der Einstellung «ein Geschenk wahrzunehmen» ins Scheinwerferlicht trat, lag vielleicht an seinem kurzen Blick auf die übergrosse Videowand mit dem Zwischenresultat. «Ich sah, dass eine Medaille nicht mehr in meine Reichweite lag und spürte kurz vor der Übung bereits eine kleine Enttäuschung», sagte der 22-Jährige.

Bereits am Dienstag geht es für ihn in der Trainingshalle in Magglingen weiter. Bis zu den Olympischen Spielen will er ein weiteres Flugelement definitiv in seine Reckübung einbauen, dass den Schwierigkeitswert seiner Übung auf einen Schlag um 0,5 Punkte erhöhen würde. Damit darf er auch in Rio von einer Finalqualifikation träumen.

Der Schweizerische Turnverband erreichte an der WM in Glasgow alle gesetzten Ziele - mit dem Höhepunkt der ersten Olympiaqualifikation für das Männerteam seit 1992. Die Superstars der Titelkämpfe, die Amerikanerin Simone Biles und der Japaner Kohei Uchimura, vergrösserten ihre Goldsammlung auf zehn (Uchimura) und elf (Biles). Die total 57 Medaillen gingen trotz der Dominanz der USA, Japans und Chinas an 15 verschiedene Nationen aus vier Kontinenten. Kunstturnen ist definitiv weltumspannend.