Handball
Vorwürfe nach Ferraz-Foul: Spielt der HSC Suhr Aarau unfair? – der Verein wehrt sich

Nach einem folgenschweren Foul von Suhr-Aarau-Spieler João Ferraz an Pfadi-Spielmacher Roman Sidorowicz wurde der Portugiese in den sozialen Medien beleidigt und beim nächsten Spiel ausgepfiffen. Pfadi Winterthur zog Vergleiche zu einem früheren Foul, während eine Zürcher Zeitung dem HSC indirekt Unsportlichkeit vorhielt. Für HSC-Präsident René Zehnder sind die Vorwürfe unhaltbar.

Frederic Härri
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João Ferraz sah für sein Foul an Roman Sidorowicz in Spiel zwei der Halbfinalserie die Gelbe Karte.

João Ferraz sah für sein Foul an Roman Sidorowicz in Spiel zwei der Halbfinalserie die Gelbe Karte.

Marc Schumacher / freshfocus

Pfiffe begleiteten João Ferraz während des Playoff-Halbfinalspiels seines HSC Suhr Aarau am vergangenen Mittwoch in ­Winterthur. Hatte er den Ball in der Hand, mischten sich Buh-Rufe darunter. Mit fortlaufender Spieldauer verebbten die Pfiffe allmählich, die Rufe und der hämische Applaus wurden weniger. Der bittere Nachgeschmack, der blieb.

Vor einer Woche hatte sich Pfadis Spielmacher Roman Sidorowicz in der Schachenhalle das Schlüsselbein gebrochen. Der Nationalspieler war in einen Zweikampf mit Ferraz gegangen, beide umklammerten sich derart, dass der Portugiese am Ende unglücklich auf Sidorowicz’ Körper gelandet war. Ferraz entschuldigte sich im Nachgang zum Spiel bei Sidorowicz, dieser nahm die Entschuldigung an. Auch andere Verantwortliche beim HSC sandten Genesungswünsche.

Roman Sidorowicz hatte sich beim Rencontre mit Ferraz das Schlüsselbein gebrochen.

Roman Sidorowicz hatte sich beim Rencontre mit Ferraz das Schlüsselbein gebrochen.

Marc Schumacher / freshfocus

Erledigt war die Angelegenheit aber nicht. Sie setzte sich fort, zuerst im digitalen Raum. Einzelne Pfadi-Anhänger beleidigten Ferraz auf Facebook mit nicht zitierwürdigen Ausdrücken. Unter anderem wurde ein Lizenzentzug gefordert, andere machten ihn für das angebliche Schwinden von Pfadis Titelchancen verantwortlich. Bei den Unmutsbekundungen im Netz und später während der Partie war es allerdings nicht geblieben.

Vor dem Anpfiff am folgenden Mittwoch hängte ein Fan von Pfadi Winterthur ein Transparent an eine Scheibe am Spielfeldrand. Darauf war auf Portugiesisch geschrieben: «Ferraz – você nos feriu a todos! Que Vergonha!» – Ferraz – Sie haben uns alle verletzt! Schämen Sie sich! Das Plakat hing rund eine halbe Stunde dort, bevor es von Offiziellen noch vor Spielbeginn entfernt wurde.

René Zehnder, den Präsidenten des HSC Suhr Aarau, haben die Vorfälle rund um Ferraz nicht kalt gelassen. Er sagt: «Wir verurteilen die Beleidigungen aufs Schärfste.»

Das Plakat, mit dem sich ein Anhänger von Pfadi Winterthur direkt an João Ferraz richtete.

Das Plakat, mit dem sich ein Anhänger von Pfadi Winterthur direkt an João Ferraz richtete.

frh

Pfadi erinnert an den Fall Skvaril/Raemy

Zum Thema wurden in dieser Woche jedoch nicht nur die Reaktionen, die auf den Vorfall zwischen Ferraz und Sidorowicz folgten. Die Diskussionen drehten sich auch um das Foul an sich. Im Matchbericht auf der Homepage von Pfadi Winterthur wurden Parallelen gezogen zu einem Vorfall, der sich vor rund zwei Jahren abgespielt hatte – ebenfalls mit Beteiligung des HSC.

Damals war Suhr Aaraus Milan Skvaril nach einem Zweikampf auf dem Rücken von Wacker Thuns Nicolas Raemy gelandet, den Unterarm auf Raemys Nacken gedrückt. Es war ein Foul, das Raemy später dazu veranlasste, Skvaril wegen versuchter schwerer Körperverletzung anzuzeigen. Die Schiedsrichter hatten das Vergehen mit einer blauen Karte geahndet, sprich mit einer Disqualifikation mit Rapport. João Ferraz bekam für das Foul am vergangenen Samstag vom Schiedsrichterduo die gelbe Karte gezeigt. Trotzdem sprach Adrian Brüngger, der Trainer von Pfadi Winterthur, von einer «Copy-Paste-Situation».

Waren 2019 in einen Zweikampf verwickelt: Milan Skvaril (links) und Nicolas Raemy.

Waren 2019 in einen Zweikampf verwickelt: Milan Skvaril (links) und Nicolas Raemy.

Alexander Wagner

Doch damit nicht genug der Vergleiche. Am Tag des dritten Spiels der Halbfinalserie verwies ein Artikel der Winterthurer Zeitung «Landbote» auf zwei weitere HSC-Fouls, die jüngst im Viertelfinal gegen St. Otmar St. Gallen passierten. Zweimal war Kreisläufer Martin Slaninka beteiligt, auf beide Vergehen folgten Zeitstrafen. Der «Landbote» taxierte die Fouls als «üble Aussetzer» und fragte: «Spielt der HSC Suhr Aarau unfair?»

Es ist eine Frage, mit welcher der Mannschaft implizit Absicht und bewusste Unsportlichkeit vorgehalten wird. Vorwürfe, die René Zehnder entschieden zurückweist: «Wir könnten zu jeder Mannschaft in der Schweiz ein Video zusammenstellen, das Fouls zeigt, über die sich diskutieren lässt», sagt er. «Jetzt einfach völlig unterschiedliche Situationen mit unterschiedlichen Protagonisten zu vergleichen, zeigt nur, dass versucht wird, eine Geschichte zu konstruieren.»

Anschuldigungen gingen von einer Minderheit aus

HSC-Präsident René Zehnder.

HSC-Präsident René Zehnder.

Adrian Ehrbar Photography / Aargauer Zeitung

Imageprobleme, wonach der HSC Suhr Aarau in Handballkreisen als überharte Mannschaft gelten könnte, sieht Zehnder nicht. Man müsse relativieren, dass die Anschuldigungen nur von einer Minderheit ausgingen, sagt er. «Wir haben viele Reaktionen von Personen aus dem Pfadi-Umfeld erhalten, die mit der Vorgehensweise vor und während der Partie am Mittwoch gar nicht einverstanden sind.»

Nichtsdestotrotz ist Zehnder von der ganzen Angelegenheit enttäuscht. «Man unterstellt einem Nationalspieler wie Ferraz, dass er seinen Gegenspieler absichtlich verletzt haben soll», sagt Zehnder. «Das macht eigentlich nur sprachlos.»