Handball
«Ich muss das erst einmal verarbeiten»: Suhr Aarau und sein Europacup-Wunder in letzter Sekunde

Mit der allerletzten Aktion verbleibt der HSC Suhr Aarau im Europacup. Trotz der 27:29-Niederlage in Krems steht die Mannschaft in der 3. Runde – Auswärtstorregel sei Dank. Der neue Trainer Aleksandar Stevic hat eine turbulente Startwoche hinter sich.

Frederic Härri
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Manuel Zehnder zog mit 14 persönlichen Treffern einen überragenden Abend ein.

Manuel Zehnder zog mit 14 persönlichen Treffern einen überragenden Abend ein.

Alexander Wagner / FOTO Wagner

Um das Weiterkommen des HSC Suhr Aarau zu beschreiben, beginnt man am besten dort, wo das ganze Drama dieses Abends kulminiert: in der Schlussminute. Es ist die Phase, in der die beiden Trainer schwerwiegende Entscheidungen treffen.

Neun Sekunden sind noch zu spielen, als der HSC mit 26:28 zurück liegt und im EHF European Cup eine Runde vorstossen würde, wenn es dabei bliebe. Zuvor hatte Manuel Zehnder per Flieger getroffen. Es war ein schön ausgeführter Angriff, entworfen wie am Reissbrett. Nun ist die Uhr angehalten, weil der Kremser Coach Ibish Thaqi zur Auszeit gegriffen hat. Krems braucht ein Tor. Thaqi entscheidet sich, seinen Torhüter für einen siebten Feldspieler zu opfern. Die Taktik geht erst wunderbar auf, Jakob Jochmann gelingt das 29:26 für die Österreicher. Nur: Jochmann schliesst wohl die eine Sekunde zu früh ab. HSC-Goalie Jannis Scheidiger fischt den Ball aus dem Netz und wirft ihn dem lossprintenden Manuel Zehnder in die Hände. Dieser visiert das leere Tor an – und trifft. Dank der Auswärtstorregel verbleibt Suhr Aarau im Europacup.

Die wohl aufreibendste Woche der jüngeren Vereinsgeschichte

Turbulente Débutwoche beim HSC: Trainer Aleksandar Stevic.

Turbulente Débutwoche beim HSC: Trainer Aleksandar Stevic.

Valentin Hehli / ARG

Mit der süssesten aller Niederlagen geht die aufreibendste Woche der jüngeren Vereinsgeschichte zu Ende. Am Sonntag gewinnt der HSC das Hinspiel gegen Krems mit 25:23, tags darauf verlässt der langjährige Trainer Misha Kaufmann den Verein. Noch am Abend leitet Nachfolger Aleksandar Stevic das erste Training. Es folgt die Premiere in Genf und die lange Busreise nach Krems. Die nächsten Tage wird trainiert, vorbereitet, kennen gelernt, verloren und doch gewonnen. Nach Spielschluss am Samstag sagt Stevic im österreichischen Fernsehen: «Ich muss das alles erst einmal verarbeiten». Am Sonntag schreibt er via Whatsapp: «Die Woche war stressig, aber erfolgreich».

Doch steckt wohl mehr hinter den vergangenen Tagen, als dass man sie auf jene zwei Schlagworte vereinfachen könnte. Fast ist es, als wachse die Mannschaft mit jeder Unwägbarkeit, die sich ihr im Laufe der Woche in den Weg stellt, ein Stück näher zusammen. Der Verlust von Kaufmann und die zehrenden Stunden im Bus fordern Kraft. Einen Tag vor dem Rückspiel verletzt sich zudem mit Tim Aufdenblatten einer der wichtigsten Spieler im Training. Während der Partie sieht man ihn zuweilen, wie er mit einbandagiertem Handgelenk auf der Tribüne sitzt. Wie lange er ausfallen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt ungewiss.

Tim Aufdenblatten hat sich im Vorfeld der Partie an der Hand verletzt und wird wohl in nächster Zeit ausfallen.

Tim Aufdenblatten hat sich im Vorfeld der Partie an der Hand verletzt und wird wohl in nächster Zeit ausfallen.

Alexander Wagner / FOTO Wagner

Und so steht letztlich ein Team auf der Platte, das zwar heimische Playoff-Erfahrung aufweist, in dieser Besetzung jedoch noch nie an einem internationalen KO-Spiel teilgenommen hat. Vor diesem Hintergrund ist es umso bemerkenswerter, wie die Spieler in den 60 Minuten Spielzeit auftreten.

Sie sind keineswegs besser als Krems, meist sogar leicht unterlegen, und stehen fast ausschliesslich mit dem Rücken zur Wand. Mag ihr Auftreten noch so fehlerbehaftet sein, so ist es frei von jeglicher Hektik. Die Nervosität schleicht sich auch dann nicht ein, als das Ausscheiden unmittelbar droht. Es sind jene Momente, in denen der HSC zwingend ein Tor benötigt – und es stets hinbekommt. «Wir haben gute Entscheidungen getroffen», wird Stevic später sagen.

Ein sensationeller Manuel Zehnder wirft 14 Tore

Als Sinnbild dient die Leistung von Manuel Zehnder, der in Abwesenheit von Aufdenblatten Verantwortung übernimmt und sich selbst reich belohnt. Der Spielmacher reisst mit seiner Schnelligkeit Lücken in die Abwehr, bei Penaltys überwindet er den gegnerischen Goalie frech mittels Lupfer, insgesamt wirft er bemerkenswerte 14 Tore. Zehnder spielt mit Finesse und ohne Furcht. Die letzten drei Tore des HSC erzielt allesamt er. Mit dem finalen Treffer, jenem zum 27:29, machte Zehnder seiner Mannschaft ein Geschenk – und sich selbst ebenso: Gestern feierte er seinen 22. Geburtstag.

In rund einem Monat wird der HSC Suhr Aarau sein europäisches Abenteuer fortsetzen dürfen. Die 3. Runde des Europacups wird am 27. November und 4. Dezember ausgespielt. Wer der Gegner sein wird, steht noch nicht fest. Die Paarungen werden zeitnah ausgelost.

Telegramm

UHK Krems – Suhr Aarau 29:27 (13:13)

Sporthalle Krems. 750 Zuschauer. SR Boricic/Markovic. 2-mal Zeitstrafe gegen Krems, 4-mal Zeitstrafe gegen Suhr Aarau.

UHK Krems: Domevscek (9 Paraden)/Fabry; Jochmann (7 Tore), Nikolic (1), Kirveliavicius (3), Auss (2), Führer (5), Budalic, Posch (4), Hasecic (2), Wiesbauer, Hajdu, Rudischer, Feichtinger (4), Hrastnik (1).

Suhr Aarau: Scheidiger (6 Paraden)/Durica (4); Willecke, Reichmuth (3 Tore), Hofer, Zehnder (14), Ferraz (4), Silva, Attenhofer (2), Parkhomenko, Pejkovic (1), Laube, Muggli (3), Strebel, Slaninka.

Der Spielverlauf:

Im Gegensatz zum gemächlichen Start im Hinspiel, das der HSC zu Hause mit 25:23 gewonnen hatte, ist von Anfang an Feuer in der Partie. Nach 47 Sekunden gehen die Österreicher in Führung, obwohl der HSC Suhr Aarau Anspiel hat. Im Anschluss gleicht Sergio Muggli aus. Danach wechseln sich die Teams beim Torewerfen ab. In der 5. Spielminute ist es Manuel Zehnder, der zur ersten HSC-Führung in diesem Spiel vollendet. Und Suhr Aarau hält seinen Vorsprung in den folgenden Minuten auch, weil Jannis Scheidiger mehrmals gute Reaktionen zeigt.

Die Kremser aber ziehen weiter ihre temporeichen Angriffe auf und profitieren von Unkonzentriertheiten, die sich nun bei den Gästen einschleichen. Innert weniger Minuten kehren die Österreicher das Resultat ihrerseits in eine Führung – nach einer Viertelstunde heisst es 6:8 aus HSC-Sicht.

In der Folge lässt sich der HSC jedoch nicht abschütteln und kann meist auf ein Tor Rückstand verkürzen. Nicht immer aber geht die Taktik von Aleksandar Stevic auf. Als die Kremser Führung nach 20 Minuten erstmals auf drei Tore steigt, reagiert der HSC-Trainer mit dem ersten Timeout.

Jetzt galt es, den Faden nicht frühzeitig zu verlieren. Und den Gästen gelingt das vorzüglich: Nie lässt es der HSC an Ruhe vermissen, nach und nach kämpft er sich zurück. Die Belohnung folgt in den letzten Sekunden vor der Pause, als Timothy Reichmuth den Spielstand neuerlich ausgleicht. 13:13 zur Halbzeit.

Auch im zweiten Umgang wurde es eine hochtourige Angelegenheit. Die Kadenz ist hoch, ebenso steigt nun die Zahl der Fehler etwas an. Leichte Vorteile besitzen die Gastgeber, die mit gefährlichen Kreisanspielen eine Schwachstelle in der HSC-Deckung ausgemacht haben. In der 39. Minute führt Krems abermals mit drei Toren Vorsprung und wäre damit eine Runde weiter. Doch postwendend lässt Suhr Aarau die passende Antwort folgen.

Nun war es der Krimi, mit dem wohl alle Beteiligten gerechnet hatten. Der HSC bricht auch in dieser Phase nie ein, wenngleich die Chancenverwertung nicht mehr dieselben Werte wie noch in der ersten Halbzeit erreicht. Der UHK Krems jedoch bekundet ebenso Mühe, seine vielen Tormöglichkeiten zu nutzen. Einmal rettet der Pfosten, einmal die Latte, ein andermal hält Goalie Marin Durica mirakulös. Und wieder gleicht der HSC aus – wieder geht er in Führung. Eine Viertelstunde vor Schluss führte er plötzlich mit 20:19.

Wiederholt wechselt die Führung. Einen entscheidenden Vorteil kann sich zunächst keine der beiden Mannschaften erspielen. Als Krems sechs Minuten vor dem Ende erneut auf drei Tore erhöht und Zehnder einen Siebenmeter zum Anschluss vergibt, hätte die Partie zugunsten der Gastgeber entschieden werden können. Doch die Österreicher verpassen es, den Vorsprung auszubauen – und ermöglichen dem Gast die Rückkehr.

Am Ende ist es Manuel Zehnder, der zum Helden wird. Fünf Sekunden sind noch zu gehen, soeben hat Jakob Jochmann zum 29:26 für den UHK Krems getroffen. Geistesgegenwärtig springt Zehnder, der Spielmacher des HSC Suhr Aarau, zur Mittellinie, fängt den Ball seines Goalies, wirft aufs leere Tor des Gegners – und trifft. Es ist das Tor zum 27:29 für den HSC, der aufgrund der Auswärtstorregel in der 3. Runde des EHF European Cups steht.

In den entscheidenden Momenten bleibt der HSC Suhr Aarau nervenstark. Er verliert die Partie mit 27:29. Und darf sich trotzdem Gewinner nennen.

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