Gigathlon

Gränicher am Gigathlon: «Ich fühle mich dann wie ein Kind auf einem Trampolin»

Stefan Rey trainiert das ganze Jahr nur für die letzten Meter vor der Ziellinie. Dann fühle er sich «wie ein Kind auf einem Trampolin».

Stefan Rey trainiert das ganze Jahr nur für die letzten Meter vor der Ziellinie. Dann fühle er sich «wie ein Kind auf einem Trampolin».

Stefan Rey aus Gränichen tritt dieses Wochenende am Gigathlon in Zürich an und träumt von einer Top-5-Platzierung. Warum er sich diese Belastung antut, welchen Horror er beim Ironman erlebte und was ihn eventuell stoppen könnte.

Ein Gigathlon als Single-Athlet ist für durchschnittlich Trainierte eine Qual. Für Stefan Rey ist es ein Genuss. Am Samstag und Sonntag will der Aargauer verteilt auf fünf Disziplinen insgesamt 368 Kilometer und 5050 Höhenmeter zurücklegen (siehe Box).

Doch warum tut man sich das an? «Das Gefühl, wenn ich nach einem harten Wettkampf auf die Ziellinie zulaufe, ist einfach unglaublich», sagt Rey. «Ich komme mir dann vor wie ein kleines Kind, das wie wild auf einem Trampolin herumspringt und einfach Freude hat. Ich bin dann ganz bei mir. Je grösser die Belastung davor ist, desto intensiver kann ich dieses Gefühl erleben.»

Stefan Rey will am Gigathlon angreifen. Er träumt von einer Top-5-Platzierung.

Stefan Rey will am Gigathlon angreifen. Er träumt von einer Top-5-Platzierung.

Wenn am Samstag um fünf Uhr früh die über 2000 Teilnehmer zu den ersten 12 Laufkilometern durch die Stadt Zürich starten, gehört der Aargauer zu den Topfavoriten: Der 33-jährige Stefan Rey aus Gränichen träumt selbst von einer Top-5-Platzierung.

Die Strecke des Gigathlons (Samstag und Sonntag):

Dafür trainiert Stefan Rey trotz seines 100-Prozent-Pensums als Regionalpolizist in Lenzburg hart. Seit November bereitet er sich 15 Stunden pro Woche auf den Gigathlon vor. Dabei sind 6000 Kilometer auf dem Velo, 110 im Wasser und 1300 zu Fuss zusammengekommen. Das entspricht der tatsächlichen Wegstrecke zwischen Gränichen und der indischen Hauptstadt Neu-Delhi.

Durch Zwang an den Ironman

Dass Rey überhaupt am Gigathlon antritt, dafür ist in erster Linie seine Frau Aline verantwortlich. Stefan Rey erzählt: «Wir schauten uns 2008 zusammen den Ironman in Zürich an. Ich sagte scherzhaft zu meiner Frau: ‹Das sollte ich doch auch können.› Wenige Tage darauf drückte mir Aline einen Zettel in die Hand und sagte: ‹Du stehst nächsten Sommer am Ironman an der Startlinie.›»

Rey fuhr zu diesem Zeitpunkt zwar bereits Radrennen, war Leichtathlet und hat einen polysportiven familiären Hintergrund. Dennoch sagt der Mann, der seit er fünf Jahre alt war, in jedem Jahr Wettkämpfe bestritten hat: «Einen Ironman (3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer Laufen, Anm. d. Red.) als ersten Triathlon zu absolvieren, war Irrsinn. Bei den 3,8 Kilometer Schwimmen habe ich beinahe ums Überleben gekämpft. Am nächsten Tag habe ich mich wegen der Muskelschmerzen rückwärts die Treppe abgemüht. Doch ich bin trotzdem an den Computer gesessen und habe mich direkt für das nächste Jahr angemeldet.»

Seine Lunge platzte beinahe

Doch der Wettkampf im Jahr darauf geriet für Rey zum Horrorszenario. Beim Schwimmen packte ihn ein Konkurrent absichtlich am Bein und zog daran. Dadurch atmete Rey grosse Mengen Wasser ein, erbrach unter Wasser und musste das Rennen schliesslich aufgeben. Sein rechter Lungenflügel war derart aufgebläht, dass er bei einer Fortsetzung des Wettkampfs hätte platzen können. Ein traumatisches Erlebnis: «Ich hatte danach Panikattacken und konnte zunächst gar nicht mehr schwimmen», sagt Rey rückblickend.

Das Ironman-Schwimm-Getümmel war Rey nicht mehr geheuer.

Das Ironman-Schwimm-Getümmel war Rey nicht mehr geheuer.

Erst nach einem Jahr fühlte er sich im Getümmel der schwimmenden Triathleten wieder wohl.
Am Gigathlon nimmt er zum vierten Mal teil und freut sich, dass Inline-Skaten durch Trail-Running ersetzt wurde: «Inline-Skaten ist nicht unbedingt meine Lieblingsdisziplin, also bin ich froh, dass es aus dem Programm gefallen ist. Nun ist es mehr ein längerer Triathlon.» Rey gefällt auch die familiäre Atmosphäre am Gigathlon: «Wenn man eine Panne am Velo hat, hält auch einmal jemand und bietet seine Hilfe an.»

So sehen die Gigathlon-Zeltstädte aus.

So sehen die Gigathlon-Zeltstädte aus.

Doch Rey leidet manchmal auch selbst an seinem Hobby. Während der Trainingsphasen, die nur von knapp vier Wochen Pause im Oktober unterbrochen werden, käme seine Frau oft zu kurz: «Ich fühle mich oft wie ein Egoist. Ich kann mich am Abend vor dem Start kaum freuen, weil ich dann immer ein sehr schlechtes Gewissen gegenüber Aline habe. Natürlich ist es schön, wenn man vom Training kommt und das Haus geputzt ist, doch das schlechte Gewissen plagt mich dann doch sehr», sagt Rey. Aline Rey, die beim Gespräch dabei ist, sieht das entspannter: «Er hat einfach eine viel zu grosse Energie in sich. Ich bin froh, wenn er diese irgendwie rauslassen kann.»

Stefan Rey in seinem Garten in Gränichen. Die Flip-Flops tauscht er bald gegen Laufschuhe.

Stefan Rey in seinem Garten in Gränichen. Die Flip-Flops tauscht er bald gegen Laufschuhe.

Bald will Rey aber mit den Wettkämpfen zurückstecken: «Bei uns ist die Familienplanung schon lange aktuell. Mit Kindern würde ich diesen Aufwand nicht mehr betreiben wollen», sagt er. Unabhängig davon werde er seine Laufbahn als Triathlet in spätestens zwei Jahren beenden. Dann werde er zum ersten Mal in seinem Leben nichts mehr machen, wie er sagt. Für ihn heisst das: «Zwei Mal pro Woche ein 10-Kilometer-Lauf, das müsste schon noch drinliegen.»

Der Gigathlon kommt nach Zürich: Macht es Sinn, sich sportlich zu schinden?

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1