Challenge League
Gerissenheit erstickt Euphorie – so lautet das Fazit der Partie zwischen dem FC Aarau und Servette

Mit Servette kommt einer der Topfavoriten auf den Aufstieg im Brügglifeld zu einem «billigen» Sieg. Doch die Verbesserungsansätze beim FC Aarau nach der Niederlage gegen Servette sind offensichtlich.

Sebastian Wendel
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Linus Obexer (Aarau) gegen Mychell Chagas (Servette)

Linus Obexer (Aarau) gegen Mychell Chagas (Servette)

Daniela Frutiger/freshfocus

Wann reichte die Schlange vor dem Wurststand letztmals beinahe bis aufs Spielfeld? Drängten sich in der vergangenen Saison jemals so viele Menschen hinter der Haupttribüne – und das 50 Minuten vor Anpfiff? Wann gab es an einem FCA-Match letztmals gleich zwei Speaker?

Fragen, die sich am Samstagabend im Brügglifeld vor dem Auftaktspiel gegen Servette stellten. Fragen, die einen gemeinsamen Nenner haben: Die Zuversicht, dass es mit dem FC Aarau endlich wieder aufwärtsgeht.

Drei Stunden später: Die Menschenmenge ist kleiner geworden, die meisten der 3481 Zuschauer sind nach Hause gefahren, rüber ins «Sportplätzli» gezogen oder ertränken den Frust über die 0:2-Niederlage in der Aarauer Altstadt. Doch die Zuversicht ist geblieben.

Das spürt, wer sich eine Stunde nach Spielende unter die verbliebenen zwei Dutzend Fans, Funktionäre und Sponsoren hinter der Haupttribüne mischt. «Das kommt gut» oder «diese Mannschaft macht Spass» oder «Hauptsache, sie spielen nach vorne, statt nur hinten reinzustehen» – so die teils vom Bier geschwängerten Voten.

Ab nach vorne

Aber auch die nüchtern Gebliebenen hat bewegt, was im Brügglifeld zwischen An- und Schlusspfiff passiert ist. Mit Schneuwly, Obexer, Leo, Zverotic und Schindelholz stehen fünf der neun Aarauer Neuzuzüge in der Startelf. Und auch die Direktive des Heimteams ist ab der ersten Sekunde eine andere als in der Vergangenheit: ab nach vorne.

Das ist die Handschrift von Patrick Rahmen, insofern hat der neue Trainer Wort gehalten. Schon nach 35 Sekunden kommts zur ersten, aber nicht zur letzten kniffligen Szene im Servette-Strafraum, in der Schiedsrichter Lionel Tschudi zwar nicht gänzlich falsch, aber halt gegen den FC Aarau entscheidet.

Gianluca Frontino am Ball.
11 Bilder
Nicolas Schindelholz gefoult.
Anthony Sauthier (Servette) gegen Marco Schneuwly
FCA - Servette, 21.07.2018
Mats Hammerich
Marco Schneuwly
Steven Lang (Servette) gegen Raoul Giger.
Sebastien Wuethrich (Servette) jubelt nach dem Tor zum 2:0, Mats Hammerich ist enttäuscht.
Steven Lang (Servette) gegen Giuseppe Leo.
Steven Lang (Servette) gegen Giuseppe Leo.
Steven Lang (Servette) und Sebastien Wuethrich (Servette) jubeln nach dem Tor zum 2:0.

Gianluca Frontino am Ball.

Freshfocus

Das Glück bleibt auch im Torabschluss verwehrt. Oder ist es Unvermögen? Varol Tasar, der in der Vorbereitung noch nach Belieben traf, vergibt in der ersten halben Stunde gleich zwei Riesenchancen.

In die gleiche Kategorie fällt nach Schneuwlys Traumflanke der Kopfball von Norman Peyretti – wieder nichts. Bis zum Spielende wird der FC Aarau 21 Schüsse abgegeben haben. Das Problem: Keiner führt zum Torerfolg. Captain Gianluca Frontinos Kommentar nach Spielschluss: «Viel Aufwand, kein Ertrag.»

Woran der FC Aarau arbeiten muss

Was Effizienz bedeutet und wie wichtig sie ist, das zeigen die Gäste aus Genf: In den 96 Minuten bis zum Schlusspfiff geben sie vier Schüsse aufs Tor von Aarau-Goalie Steven Deana ab, die Hälfte ist drin. Die zwei Tore gründen nicht einmal auf herausgespielten Chancen. Es sind zwei brillante Weitschüsse von Christopher Routis und Sébastien Wüthrich, ermöglicht durch saudumme Ballverluste von Obexer und Frontino.

Aus Aarauer Sicht kommt Servette an diesem Abend zu einem billigen Sieg. Nicht wie vielleicht erwartet Konter, sondern Eigenfehler führen zu den Gegentoren. Nach dem 0:2 stellen die Genfer ihre ohnehin geringen Offensivbemühungen komplett ein, überlassen dem Gegner den Ball und zwei Drittel des Spielfeldes. Das ist zwar minimalistisch, aber natürlich legal und gegen die geladenen Aarauer das perfekte Rezept.

Dass Servette so aufgetreten ist, hat nicht überrascht: Das ist eine eingespielte Mannschaft mit starken Individualisten, die nüchtern das Ziel verfolgt, das in der vergangenen Saison verpasst wurde: Aufstieg in die Super League. Mit Alain Geiger hat Servette einen Trainer geholt, der auf schönes Spiel pfeift – Hauptsache, das Resultat stimmt.

Der FCA muss effizienter werden

Gerissenheit erstickt Euphorie – der erste Vergleich zwischen den neben Lausanne meistgenannten Aufstiegsanwärtern Servette und Aarau geht an die Genfer. Das kann beim nächsten Aufeinandertreffen anders sein. Das Potenzial, jeden Gegner zu schlagen, hat die Mannschaft von Patrick Rahmen zweifellos.

In erster Linie muss der FC Aarau effizienter werden: Wenn er auch in den nächsten Spielen so offensiv auftritt wie gegen die Genfer, muss er für Siege mehr als ein Tor erzielen. Mit dieser Ausrichtung und mit dieser schwerfälligen Dreierabwehr wird Aarau selten bis nie Spiele ohne Gegentor beenden.

Ebenfalls offensichtlich wird beim Auftakt: Im Mittelfeld-Zentrum braucht der FC Aarau mehr Wasserverdrängung. Mats Hammerich hat sich in den vergangenen Monaten prächtig entwickelt und auch gegen Servette ansprechend gespielt. Doch er ist wohl nicht der klassische Abräumer, der konsequent im Raum vor der Abwehr bleibt: Bei beiden Gegentoren war ebendiese Zone verwaist – Routis und Wüthrich kamen ungehindert zum Abschluss.

Sportchef Sandro Burki wird sich genau überlegen, wie er das restliche Transferbudget verwendet: um die schon hochkarätige Offensive auch noch mit Goran Karanovic zu bestücken? Oder zugunsten der Stabilität?