FC Aarau

Geoffrey Tréand: «Hätte Aarau mich nicht gehen lassen, hätte ich meine Karriere beendet»

Geoffrey Tréand fühlt sich bei Xamax wohl. Er sagt: «Es lag mir so viel daran, nach Neuenburg zurückzukehren und beim Klub meines Herzens zu spielen.»

Geoffrey Tréand fühlt sich bei Xamax wohl. Er sagt: «Es lag mir so viel daran, nach Neuenburg zurückzukehren und beim Klub meines Herzens zu spielen.»

Er wurde in Aarau Topskorer. Doch statt zu bleiben, wollte Geoffrey Tréand lieber die Karriere beenden. Um von Aarau wegzukommen, bezahlt er einen Teil seiner Ablösesumme selbst. Jetzt spielt er für Neuchâtel Xamax und sagt: «Es geht mir wirklich sehr gut. Endlich wieder!»

Im Shoppingcenter des Stadion Maladière herrscht Hochbetrieb: Männer in Anzügen hetzen vorbei, Kinder schreien, Teenies starren in ihre Smartphones, Rentner schlurfen durch die Gänge. Und dann, hinten um die Ecke, kommt er, unaufgeregt, lässig schwebt er durch die Hektik. «Hallo, schön dich zu sehen. Was trinkst du? Kaffee?» Fünf Minuten später stellt er das Tablett mit zwei Espressi auf den Tisch und nimmt Platz.

Geoffrey Tréand strahlt. Die langen Locken sind weg, die neue Kurzhaarfrisur lässt ihn um Jahre jünger aussehen. Vor mir sitzt die Zufriedenheit in Person. Neue Frisur, neuer Klub, neuer Wohnort – neues Leben? «Ja», sagt Tréand und lacht. «Es ist wie ein Heimkommen. Ich war schon einmal bei Xamax, kenne den Verein und viele Leute in der Stadt. Es geht mir wirklich sehr gut. Endlich wieder!»

Geoffrey Tréand (rechts) bei der Vertragsunterzeichnung im Juni.

Geoffrey Tréand (rechts) bei der Vertragsunterzeichnung im Juni.

Kein Vergleich zum Tréand vom 21. Mai dieses Jahres: Im Heimspiel des FC Aarau gegen Chiasso tritt er dem Tessiner Abedini in die Beine und fliegt vom Platz. Ein ganz übles Frustfoul. Kurios: Schon in seinem ersten Pflichtspiel für den FC Aarau fliegt Tréand wegen einer Tätlichkeit vom Platz. Der Gegner: Chiasso. An diesem Sonntag schliesst sich der Kreis gegen die Tessiner auf unrühmliche Art und Weise. Denn die Aktion ist Tréands letzte im FCA-Trikot. Die letzten zwei Saisonspiele verpasst er gesperrt. Und am 16. Juni wird sein Wechsel zu Xamax bekannt.

Das letzte, unrühmliche Spiel von Tréand beim FC Aarau:

Deutliche Worte

Angesprochen auf sein Chiasso-Trauma, schüttelt Tréand ungläubig den Kopf. Und sagt: «Schade, dass es so zu Ende gegangen ist. Denn als ich vor einem Jahr nach Aarau gekommen bin, war ich überzeugt und voller Hoffnung.» Tempi passati. Heute sagt Tréand Sätze wie: «In Aarau habe ich den Spass am Fussball verloren.» Und: «Hätte Aarau mich nicht gehen lassen, hätte ich meine Karriere beendet.»

Hoppla. Was ist passiert? Gemäss Tréand war bis Anfang April alles gut. Sportlich geht es in der Rückrunde zwar bergab, es gibt das eine oder andere Missverständnis zwischen ihm und Trainer Marco Schällibaum, aber: «Das ist normal. Ich dachte an die neue Saison und war sicher: Wenn der FC Zürich aus der Liga weg ist, haben wir sehr gute Chancen, aufzusteigen. Die Qualität im Team war gut, die Stimmung hervorragend.»

Das Stadion Maladière, neue Heimat von Geoffrey Tréand.

Das Stadion Maladière, neue Heimat von Geoffrey Tréand.

Am 6. April verkündet der FC Aarau überraschend die Vertragsverlängerung mit Schällibaum. Tréand sagt rückblickend: «Wir Spieler dachten, jetzt, wo die Zukunft klar ist, würden sich einige Dinge ändern, die zuvor schiefgelaufen sind.» Denkste! Statt besser wird es schlechter. Auf und neben dem Platz. Es entstehen immer mehr Brandherde, die einst gute Beziehung zwischen Team und Trainer zerbricht.

Bei Tréand läuft das Fass beim Auswärtsspiel in Zürich über. Aarau liegt schon nach acht Minuten 0:2 zurück, schafft nach heroischem Kampf aber den 2:2-Ausgleich, es winkt ein Achtungserfolg gegen den grossen Favoriten. Dann wechselt Schällibaum in der 88. Minute Routinier Tréand aus und Junior Varol Tasar ein – zwei Minuten später erzielt der FCZ das 3:2.

Für Tréand zu viel: «Der Trainer sagte, meine Auswechslung hatte sportliche Gründe. Aber ich bin nach Aarau gekommen, um ein Leader zu sein und gerade in solch schwierigen Situationen dem Team zu helfen.» Von da an weiss Tréand: In Aarau werde ich nicht mehr glücklich. «Das einzugestehen, fiel mir wirklich schwer. Ich fühlte mich in der Mannschaft sehr wohl. Aber ich musste gehen. Auch meiner Frau und unserem Sohn zuliebe, die sich nach mehr Nähe zu den Verwandten in Genf sehnen. Und meine Frau wollte wieder arbeiten, aber sie spricht kein Deutsch.»

Dieses Spiel brachte das Fass zum Überlaufen:

Die Ablösesumme selbst bezahlt

Als Erstes vertraut er sich Präsident Alfred Schmid an, beisst dort aber auf Granit. Schmid und später Vize Roger Geissberger sowie Sportchef Raimondo Ponte verweisen auf den Vertrag bis 2018. Nach und nach aber realisieren sie, wie ernst es Tréand mit der Rücktrittsdrohung ist.

Alfred Schmid (links) und Roger Geissberger versuchten Tréand zum Bleiben zu überreden.

Alfred Schmid (links) und Roger Geissberger versuchten Tréand zum Bleiben zu überreden.

Das Trio versucht weiterhin, ihn zum Bleiben zu überreden, umso mehr nach der Trennung von Schällibaum. Doch da ist es zu spät, Tréand mit dem Kopf längst nicht mehr in Aarau. Er bleibt hart: Weg oder Karriereende. Weil: «Persönlich hatte ich ein gutes Jahr in Aarau mit 14 Toren und 9 Assists. Ich bin 11 Jahre Profi, habe viel erlebt. Ich hätte guten Gewissens aufhören können.» Wirklich? Der Rücktritt war doch bloss ein Druckmittel, oder? «Wirklich! Ich habe zwar keine Ahnung, was ich nach der Karriere machen werde. Aber wäre ich in Aarau geblieben, hätten ich und meine Familie ein Jahr unseres Lebens verloren. Das kam nicht infrage.»

Irgendwann knicken die Aarau-Verantwortlichen ein und erteilen Tréand die Freigabe. Voraussetzung: Er bringt einen Klub, der rund 30 000 Franken bezahlt. Den findet Tréand nicht. Denn der Klub, zu dem er will, und nur zu dem, ist Xamax. Seit Jahren hat er Kontakt mit den Neuenburgern, weil er sich dort schon einmal (2010 bis 2012) sehr wohl fühlte und den Klub nur verliess, weil unter der Regentschaft von Bulat Tschagajew das totale Chaos ausbrach.

Bulat Tschagajew führte Xamax ins Chaos.

Bulat Tschagajew führte Xamax ins Chaos.

Nach dem Zwangsabstieg in die 2. Liga interregional übernahm die neue Führung um Präsident Christian Binggeli und gab die Devise aus: In Zukunft werden für Spieler keine Ablösesummen mehr bezahlt. Bis in diesem Sommer Tréand vor der Tür steht. Und Binggeli einem kleinen Betrag zustimmt. Aber bei weitem nicht der Summe, die Aarau für seinen Topskorer verlangt. Der Transfer droht zu scheitern, Tréands Karriereende scheint nah. Bis seine Liebe zum Fussball siegt: «Es lag mir so viel daran, nach Neuenburg zurückzukehren und beim Klub meines Herzens zu spielen: Also habe ich den Rest selber bezahlt.»

Er verzichtet auf den Juni-Lohn vom FC Aarau und bezahlt zusätzlich einen Teil der Ablösesumme von seinem Privatkonto. Am Ende ist Tréands Anteil an der Ablösesumme «mehr als die Hälfte des Gesamtbetrags». Er sagt: «Das war es mir wert. Ich merke schon nach wenigen Wochen, wie glücklich ich bin. Ich habe alles richtig gemacht. Hier kann ich eine wichtige Rolle einnehmen. Und das Ziel des Präsidenten in der neuen Saison ist klar: Super League!»

Geoffrey Tréand bezahlte einen Teil seiner Ablösesumme selbst.

Geoffrey Tréand bezahlte einen Teil seiner Ablösesumme selbst.

Nun will es der Zufall, dass Xamax im ersten Saisonspiel ausgerechnet den FC Aarau empfängt. Tréand aber wird auf der Tribüne zuschauen, nach der roten Karte an jenem 21. Mai gegen Chiasso ist er noch für ein Spiel gesperrt. Er sagt: «Vielleicht ist es besser so, vielleicht wären die Emotionen zu gross, denn ich wünschte, es wäre anders gekommen zwischen mir und Aarau. Dem Klub wünsche ich alles Gute.» Als wären es nicht schon genug Zufälle, schlägt das Schicksal Tréand ein weiteres Schnippchen. Am zweiten Spieltag, wenn Tréand wieder spielen darf, heisst der Gegner: Chiasso …

Meistgesehen

Artboard 1