Challenge League
Geld wie Heu beim FC Wil: Dem Ex-Aarauer Marvin Spielmann wurde ein Maulkorb auferlegt

Der FC Wil rührt mit der grossen Kelle an – im Kampf um den Aufstieg ist für die Ostschweizer beim Sonntagsspiel in Aarau deshalb ein Sieg Pflicht.

Ruedi Kuhn
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Marvin Spielmann spielte in der Vorrunde noch für den FC Aarau. Nun hat er zum FC Wil gewechselt wo das grosse Geld und die Super League winken.

Marvin Spielmann spielte in der Vorrunde noch für den FC Aarau. Nun hat er zum FC Wil gewechselt wo das grosse Geld und die Super League winken.

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Über Geld spricht man nicht. Geld hat man. Das ist die Regel. Aber keine Regel ohne Ausnahme: Profifussballer Dylan Stadelmann macht aus seinem Lohn kein Geheimnis. «In Wohlen habe ich 4800 Franken monatlich verdient», sagt der Rechtsverteidiger, «beim FC Wil sind es seit dem Rückrundenauftakt dieser Saison mehr als 10 000 Franken. Logisch, dass ich diesem lukrativen Angebot nicht widerstehen konnte. Kommt hinzu, dass ich mit Wil die Chance habe, bald in der Super League spielen zu können.»

Wil greift nach den Sternen

Stimmen die Gerüchte aus dem Umfeld von Stadelmann, soll er in der nächsten Saison sogar 15 000 Franken pro Monat erhalten. Wahnsinn!

Ist beim FC Wil der Wohlstand ausgebrochen? Es scheint so! Mit einem Gesamtbudget von rund elf Millionen Franken sind die Ostschweizer in der Challenge League einsame Spitze. Im Vergleich dazu weist der FC Aarau einen Gesamtetat von gerade mal 5,8 Millionen Franken aus.

Mehmet Nazif Günal buttert in den FC Wil Millionen von Franken - und strebt grosse Ziele an.

Mehmet Nazif Günal buttert in den FC Wil Millionen von Franken - und strebt grosse Ziele an.

KEYSTONE/SANDRO CAMPARDO

Dank dem Geldsegen des türkischen Industriellen Mehmet Nazif Günal greift der FC Wil momentan also nach den Sternen. Der 67-jährige Bauunternehmer mit einem geschätzten Vermögen von 1,2 Milliarden Franken buttert seit kurzer Zeit ohne Rücksicht auf Verluste in den Klub hinein. Der Transfer des torgefährlichen Mittelstürmers Jocelyn Roux wurde in erster Linie realisiert, um mit Lausanne den härtesten Konkurrenten im Kampf um einen Platz in der Super League zu schwächen.

Alleinherrscher Mehmet Nazif Günal

Mit Marvin Spielmann folgte während der Winterpause auch ein Spieler des FC Aarau dem finanziellen Lockruf der Wiler. Nachdem die Verantwortlichen des FC Wil Spielmann einen Vertrag bis 2020 angeboten hatten, waren sie sogar bereit, den Aarauern eine Ablösesumme von mehr als 800 000 Franken zu bezahlen. Das bestätigt FCA-Vizepräsident Roger Geissberger. Der 20-jährige Spielmann gilt als kleines Juwel. Der Flügelstürmer ist schnell, dribbelstark und verfügt trotz seines jugendlichen Alters über eine gesunde Arroganz. Spielmann selbst darf keine Auskünfte geben. Die Führungscrew des FC Wil hat ihm im Vorfeld der Partie in Aarau einen Maulkorb auferlegt.

Bleibt die Frage, warum sich der fussballverrückte Mäzen Günal ausgerechnet den FC Wil als Investitions-Objekt ausgesucht. Einen kleinen Verein ohne grosse Ausstrahlung! Ganz einfach: In der Provinz kann Günal schalten und walten, wie er will: Er ist der Alleinherrscher! Günal zeigt sich allerdings fast nur an den Wochenenden. Dann reist er mit seinem Privatjet an die Spiele des FC Wil. Unter der Woche führt mit Sportchef Abdullah Cila Günals rechte Hand Regie. Was Cila sagt, ist heilig. Querdenker, die das türkische Regime nicht oder nur bedingt akzeptieren, werden früher oder später aussortiert. Zuletzt erwischte es Mario Cantaluppi. Der Assistent von Cheftrainer Kevin Cooper wurde vor wenigen Tagen entlassen. Cantaluppi will zur unschönen Geschichte nichts sagen. Hinter vorgehaltener Hand hört man, dass es zwischen ihm und Cooper zu Spannungen gekommen sei. Der Grund: Cooper sei in letzter Zeit mehr und mehr zu einer Marionette der türkischen Bosse geworden und habe sich im sportlichen Bereich auf Kompromisse eingelassen. Zudem geniesse der eine oder andere Star im Dress des FC Wil Sonderrechte.

Das frisch renovierte Stadion Bergholz in Wil soll bald einem neuen Fussball-Tempel weichen.

Das frisch renovierte Stadion Bergholz in Wil soll bald einem neuen Fussball-Tempel weichen.

Keystone

Märchen haben nicht immer ein Happy End...

Vom Reich der Spekulationen zu den Tatsachen: Klar ist, dass es den Spielern vor, während und nach den Trainingseinheiten an nichts fehlt. Das Morgen- und Mittagessen nimmt die Mannschaft gemeinsam ein. Für die Erholungsphasen wurden in der neuen IGP Arena spezielle Wohnzimmer und Lounges eingerichtet. Im benachbarten Schwimmbad gibts für die Spieler eine Wellness-Anlage. An die Auswärtspartien im Tessin und in der welschen Schweiz reist man einen Tag vor dem Anpfiff an und logiert selbstverständlich in den besten Hotels. Günal will den FC Wil schnellstmöglich in die Super League, dann sogar in die Europa League führen. Damit nicht genug: In Planung sind ein neues Stadion und eine Fussball-Akademie mit Talenten.

Momentan hängt der Himmel des FC Wil tatsächlich voller Geigen. «Wir hatten Glück und dürfen stolz sein, dass wir ausgewählt wurden», sagt Roger Bigger, der 13 Jahre Präsident war, das Zepter nun aber an Günal übergeben hat. Mag sein, dass beim FC Wil seit kurzer Zeit ein Märchen geschrieben wird. Märchen haben aber nicht immer ein Happy End. Der Klub aus der Ostschweiz hat seine Seele an einen türkischen Investor verkauft. Das ist eine Gratwanderung. Wie lange sich der Mann mit dem grossen Portemonnaie das kleine Spielzeug in der Schweiz leistet, weiss nämlich niemand. Sollte Mehmet Nazif Günal die Lust am FC Wil verlieren, ist Schluss mit lustig. Und zwar endgültig!