Challenge League
Geld, Image und eine letzte Chance: Warum die Rückrunde für den FC Aarau und den FC Wohlen doch voller Brisanz ist

René Meier, der Ehrenpräsident des FC Wohlen, war schon immer ein Mann der klaren Worte. Er sagt: «Wir haben mit dem freiwilligen Abstieg die Rückrunde der Challenge League sportlich ad absurdum geführt.»

Sebastian Wendel und Ruedi Kuhn
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Duell der Captains: Aaraus Patrick Rossini (gelbes Trikot) und Wohlens Alain Schultz treffen sich noch zwei Mal in Aargau-Derbys.

Duell der Captains: Aaraus Patrick Rossini (gelbes Trikot) und Wohlens Alain Schultz treffen sich noch zwei Mal in Aargau-Derbys.

Marc Schumacher/freshfocus

Auf den ersten Blick hat Meier recht: Der Absteiger steht fest und mit Xamax wohl auch der Aufsteiger in die Super League: zu gross der Abstand der Neuenburger zur Konkurrenz, um von Spannung im Aufstiegsrennen zu reden. Die Relevanz der einzelnen Spiele bis zum Saisonende ist so gering wie nie; die Zuschauerzahlen in den Challenge-League-Stadien werden, abgesehen vom euphorischen Neuenburg, purzeln und Tiefstwerte erreichen.

Das lähmt die Liga, wie es die «NZZ» treffend beschrieb. Nach dem fünften nicht sportlichen Absteiger in den vergangenen sechs Jahren werden die Rufe nach einer Modusänderung und weniger strengen Auflagen für die Klubs in der Challenge League immer lauter, Reformen sind zwingend.

Das Beste aus der Situation machen

Richten wir den Blick auf den Aargau, mit Wohlen und Aarau doppelt vertreten in der zweithöchsten Spielklasse. Man hört, in Wohlen hätten Trainer und Spieler ernsthaft darüber nachgedacht, in der Rückrunde gar nicht mehr anzutreten. Und auch rund um den FC Aarau dominiert der Frust: Es geht ja um nichts mehr, warum dann noch ins Stadion?

Ist es richtig, den Kopf in den Sand zu stecken? Fakt ist: Der Betrieb geht sowieso weiter. Also muss doch gelten: das Beste aus der Situation machen. Und wenn man genauer hinschaut, birgt die Rückrunde für die Aargauer Challenge-League-Klubs eine Menge Brisanz. Sie richtet über die Zukunft. Die «Schweiz am Wochenende» zeigt, warum es um alles andere als um nichts geht:

1. Dank Rangprämien: Die Schlusstabelle ist nicht egal

Zusätzlich zum Sockelbetrag von 500 000 Franken und den 50 000 Franken für die Erfüllung technischer Kriterien verteilt die SFL in der Challenge League erstmals Rangprämien. Heisst: Ob am Ende Rang 7 oder Rang 5 herausschaut, ist nicht mehr egal. Die Rangprämien sind für die chronisch klammen Klubs Grund genug, jedes Spiel ernsthaft anzugehen: Für Rang 1 gibt es 250 000, für Rang 5 100 000 und für Rang 9 noch 16 000 Franken. Nur der Letztplatzierte geht leer aus.

2. Es winken Fairplay- und Jugend-Prämien

Eine weitere Geldquelle für die Aargauer Klubs ist die Fairplay-Trophy: Die am Ende der Saison fairsten drei Teams der Challenge League erhalten 50 000, 30 000 beziehungsweise 20 000 Franken. Wohlen hat in dieser Saison noch keinen Platzverweis kassiert und führt somit die Fairplay-Rangliste deutlich an – die 50 000 Franken sind für die Freiämter greifbar nah.

Die Aarauer waren in der Vorsaison mit dem Negativrekord von 11 Platzverweisen die bösen Buben der Liga. In dieser Spielzeit gab es für das Team von Trainer Jurendic bislang zwei gelb-rote Karten, was bedeutet: Der FC Aarau liegt mit aufholbarem Rückstand auf die lukrativen Top 3 auf Rang 7 der Fairplaytabelle.

Noch mehr Geld winkt Wohlen und Aarau, wenn sie in der Rückrunde wie angekündigt viele junge Spieler unter 21 einsetzen. Insgesamt verteilt die Swiss Football League in dieser Kategorie 1 Million Franken.

3. Persönliche Schicksale von Spielern und Trainern

Beim FC Aarau laufen zehn Spielerverträge aus, bei Wohlen alle. Zudem wissen weder FCA-Trainer Marinko Jurendic noch FCW-Trainer Ranko Jakovljevic, wie es für sie im Sommer weitergeht. Es ist dies der naheliegendste Grund, die 19 verbleibenden Saisonspiele mit der nötigen Seriosität anzugehen. Wer dies nicht tut, schneidet sich letzten Endes ins eigene Fleisch: Denn nach dieser Vorrunde wartet niemand auf Aarauer und Wohler Exponenten.

4. Imagepflege für den Aargauer Profifussball

Nicht mal mehr die Massen vor der eigenen Haustüre können der FC Aarau und der FC Wohlen bewegen: Im Brügglifeld waren in dieser Saison auch offiziell noch nie 3000 oder mehr Zuschauer. In Wohlen waren die sinkenden Besucherzahlen gar ein wichtiger Grund für den freiwilligen Rückzug.

Eine Rückrunde mit anständigen Resultaten und Ruhe auf den Nebenschauplätzen wäre gerade für den FC Aarau eine nicht zu unterschätzende Imagepflege. Gut möglich, dass es in diesem Jahr nochmals eine Abstimmung zum Stadionprojekt im Torfeld Süd gibt. Knüpft der FCA in seiner Aussendarstellung am vergangenen Jahr an, wenden sich noch mehr Menschen von ihm ab. Und in der Restschweiz würde der einst so stolze Aargauer Fussball noch mehr belächelt.

5. Letzte Chance auf den Derby-Heimsieg

Für hartgesottene Fans sind die Spiele gegen den Erzrivalen oft wichtiger als das Abschneiden in der Schlusstabelle. Ein Sieg im Derby und die Saison ist gerettet. Der erste Derbysieg überhaupt gelang den Wohlern vor knapp einem Jahr in Aarau (3:0). Schon damals meinte man wegen der drohenden Lizenzverweigerung für den FC Wohlen, dies sei das letzte Derby gewesen.

Am ersten Mai-Wochenende ist es nun so weit. Spieler und Trainer der Freiämter haben eine Mission zu erledigen: Der erste Sieg auf heimischem Boden gegen den FC Aarau. Gelingt dies im letzten von 20 Kapiteln Derbygeschichte, ein Denkmal wäre ihnen gewiss.

6. Aufbau einer goldenen Generation

Die verkorkste Hinrunde und der angekündigte Abstieg des FC Wohlen haben für den FC Aarau auch ihr Gutes: In der Rückrunde bietet sich die einmalige Chance, einen sauberen Aufbau für die nächste goldene Generation im Brügglifeld einzuleiten. Die Marschrichtung gibt Sportchef Sandro Burki vor: «Wir wollen vermehrt auf junge Spieler aus der Region setzen.»

Identifikation und klare Handschrift waren zuletzt vermisste Eigenschaften der Mannschaft. Als Vorbild dient Tabellenführer Xamax: Nach dem Konkurs vor sechs Jahren bauten die Neuenburger ein Team mit Spielern aus der Region auf, gespickt mit Ausnahmekönnern, die mehr verdienen als der Rest, im Gegenzug dafür die Klasse haben, Spiele zu entscheiden. Nun steht Neuchâtel Xamax mit einer eingespielten und harmonischen Mannschaft kurz vor der Rückkehr in die Super League.

Die nächsten Spiele:

Aarau - Schaffhausen: Montag, 20.00 Uhr, TC Zoom

Wil - Wohlen: Samstag, 19.00 Uhr