Da hinten blinkt etwas in der stockdunklen Nacht. „Endlich der nächste Posten“, denkt sich Franz Waser. Doch als er näher kommt, schaut er direkt in die Augen eines Rehs. „Allein im dunklen Wald nur mit einer Lampe bewaffnet kommt es häufig vor, dass einem Wild oder anderes Getier über den Weg läuft“ meint der 1947 geborene Zürcher, dessen grosse Halogenstirnlampe etwas Altertümliches und gleichzeitig Herzliches hat. „Heute bei so einem Massenstart-Nacht-Orientierungslauf ist es unwahrscheinlich, ein Reh mit einem Posten zu verwechseln, da zu viele Leute gleichzeitig im Wald sind“, sagt Waser, der als Teamsenior an zweiter Position die etwas kürzere Strecke der Argus-Nachtstaffel im Buechwald von Erlinsbach absolviert.

«Es kommt häufig vor, dass einem Wild oder anderes Getier über den Weg läuft.»

Franz Waser,  OL-Läufer seit 61 Jahren:

«Es kommt häufig vor, dass einem Wild oder anderes Getier über den Weg läuft.»

Orientierungslauf bei Nacht? Nur mit einer Taschenlampe im Wald? Ganz auf sich allein gestellt durchs Gestrüpp irren? Das Ganze auch noch bei jeglichen Witterungsbedingungen? „Die Spinnen doch, die OL-Läufer“, ist man geneigt zu sagen, doch wer das ganze einmal aus nächster Nähe erlebt hat, kann durchaus nachvollziehen, warum der Nacht-OL für Orientierungsläufer etwas ganz Spezielles ist.

Die Resultate finden Sie hier:

Die vom OL-Klub Argus aus Seon organisierte Nachtstaffel darf sich am vergangenen Freitag über einen Teilnehmerrekord freuen. 46 Dreierteams machen sich nach Einbruch der Dunkelheit auf den Weg in den dunklen Wald, wo Postenleger Oliver Lienhard am Nachmittag 24 Posten aufgestellt hat.

Schon vor dem Start ist die Stimmung bei der Köhlerhütte am Waldrand bemerkenswert. Es wird viel getratscht und gelacht. Von Anspannung ist auch 15 Minuten vor dem Start noch keine Spur. Die letzten holen sich ihre Startnummern ab und nur einige wenige machen sich etwas intensiver warm.

Kurz vor dem Start: 46 Staffeln machen sich bereit. Kurz darauf sind sie im dunklen Wald verschwunden.

Kurz vor dem Start: 46 Staffeln machen sich bereit. Kurz darauf sind sie im dunklen Wald verschwunden.

Es ist ein bunter Mix jeglichen Alters aus der gesamten Nordwestschweiz, der sich für die Staffel angemeldet hat. Einige nutzen den Lauf als letzte Wettkampfvorbereitung vor der Schweizer-Nacht-OL Meisterschaft am 19. März, andere sind mit der gesamten Familie angereist. Für sie steht das gemeinsame Erlebnis im Vordergrund.

Was den Reiz eines Nacht-OLs den ausmacht? „Es ist mehr Abenteuer, als am Tag. Das lässt den Puls höher schlagen“, meine eine Mama, die von ihren Kindern flankiert am Lagerfeuer sitzt, „man fühlt sich bei Dunkelheit einfach immer besonders schnell, obwohl man tatsächlich eigentlich langsamer rennt. Dieser Flow ist speziell“, meint U23-WM-Bronzemedaillengewinner Sven Hellmüller.

So schnell wie möglich zum nächsten Posten: Nur Karte und Stirnlampe helfen dabei.

So schnell wie möglich zum nächsten Posten: Nur Karte und Stirnlampe helfen dabei.

In einem sind sich alle einig: Man ist während dem Wettkampf einfach viel konzentrierter. Das Kartenlesen wird wichtiger, denn man sieht ja nur, was im Lichtkegel ist. Auch der alte Hase Franz Waser kommt nach eigener Aussage bei Nacht zu besseren Resultaten, da ihm „langsam und kontrolliert“ eher liege als „Vollgas am Tag“.

Mittlerweile ist es völlig dunkel und auch die Startlinie ist montiert. Es kann losgehen. Nach einer kurzen Instruktion durch Lienhard machen sich die 46 Startläufer bereit. Ein unvergessliches Bild, wie sich die einzelnen Lichtkegel auf den ersten steilen Metern zu einem grossen Flutlicht vereinen, das den Weg hell erleuchtet.

Grosses Familienfest

Doch nach weiteren 30 Sekunden verschluckt der dunkle Wald die OL-Läufer mit ihren Lampen. Kaum sind die Läufer verschwunden, gleicht das Geschehen rund um die mit Kuchen, Bratwürsten und Getränken bestückte Köhlerhütte wieder einem grossen Familienfest. Man erzählt sich Geschichten von Läufern, die man später im Wald suchen musste, weil sie nicht zurückkamen, von Teilnehmern, die sich verirrten und plötzlich mit dem Auto aus dem nächsten Dorf von einem netten Passant zum Ziel gefahren wurden...

Vom Erdboden verschluckt

Nach gut 40 Minuten kommen die ersten Lichter zurück aus dem Dickicht. Sven Hirsbrunner übergibt als erster auf Nationalmannschaftskollegin Elena Roos. Nach und nach kommen auch die anderen Läufer zurück zur Hütte. Das Gesprächsthema Nummer 1: der geklaute Posten.  

Es ist der dritte Posten, der wie vom Erdboden verschluckt ist. „Wahrscheinlich war es die Frau, die da unten wohnt. Sie glaubt, ihr gehöre der ganz Wald“, meint einer. Doch wie löst die OL-Familie so ein unvorhersehbares Problem? Mit einem spontanen Neustart am Ort, wo Posten 3 hätte stehen können. „Zum Glück waren so früh im Lauf noch alle zusammen, sonst wäre das Rennen nicht durchführbar gewesen“, sagt Lienhard, der den verlorenen Posten für die restlichen Starter schnell ersetzt hat.

Das Siegerteam um Elena Roos, Florian Howald (l.) und Sven Hellmüller (r.) bei der Besprechung nach dem Wettkampf

Das Siegerteam um Elena Roos, Florian Howald (l.) und Sven Hellmüller (r.) bei der Besprechung nach dem Wettkampf

Auch Franz Waser hat ein Problem, als er knapp 20 Minuten nach der führenden Elena Roos den zweiten Teilabschnitt beendet. Sein Wechselpartner ist nirgends zu sehen. „Christian!“, ruft er mehrfach laut in die Nacht und kurz darauf kommt ein verdatterter Christian die Wiese heraufgestiefelt, der den alten Franz wohl noch nicht so schnell erwartet hatte.

Florian Howald, ebenfalls Mitglied der Schweizer Nationalmannschaft, gibt den Start-Ziel-Sieg seines Teams nicht mehr aus der Hand: als einzige Staffel bleiben die drei unter der Zwei-Stunden-Marke. Im Ziel diskutieren nun alle, egal ob Profi oder Amateur, was sie im Wald erlebt haben, wo sie durch welches Dorngestrüpp gedrungen, oder lieber aussenrum gelaufen sind und welche Posten einfach "sauschwer zu finden" waren. Vielleicht ist es auch gerade diese Nachbesprechung, die einen Nacht-OL so speziell macht: Nach getaner Arbeit erschöpft mit Teamkameraden und Gegnern bei Bier, Bratwurst und Kuchen über die Erlebnisse im dunklen Wald plaudern.