Welch Schönheit präsentiert sich da im Brügglifeld! Es ist Mitte Juli. Der FC Aarau hat ein neues, prominentes Trainerteam. Spieler mit klingendem Namen sind gekommen. Die Testspiele – eine wahre Freude! 2:1 gegen GC, 3:2 gegen Thun und dann auch noch dieses 4:1 gegen den FC Basel! So edel, darüber sind sich alle im und um den Klub einig, war der Teint des FC Aarau schon lange nicht mehr.

Sechs Wochen später. Vom tollen Schein ist nichts mehr übrig. Das Make-up, mit dem Sportchef Sandro Burki und Trainer Patrick Rahmen die Profiabteilung aufgehübscht haben, ist verlaufen. Geisterbahn statt Laufsteg.

Null Punkte aus fünf Spielen, zwei mickrige Törchen, beide erzielt in der Nachspielzeit, als die Partien gegen Chiasso und Winterthur längst entschieden sind. Der einzige Sieg gelingt im Cup, auswärts beim Zweitligisten Amriswil, dank eines Treffers in der 119. Minute.

Krisensitzung, um Sturzflug zu stoppen

Das Heimspiel vor einer Woche gegen Chiasso ist ein fussballerischer Offenbarungseid. Was für ein Debakel! Bis hierhin und nicht weiter! Das denken sich Cheftrainer Patrick Rahmen, sein Assistent Marco Walker und Sportchef Burki. Da prangt einerseits immer noch die Null auf dem Punktekonto.

FCA-Talk: «Die Spieler sind einfach nicht bei der Sache»

FCA-Talk: «Die Spieler sind einfach nicht bei der Sache»

Vor dem sechsten Spieltag steht der FC Aarau immer noch auf Feld Null: Keine Punkte, abgeschlagen Letzter in der Tabelle. Sind die Medien schuld am Debakel? Ist der Abstieg eine reelle Gefahr? Welche Rolle spielt die Klubführung im Debakel? Der stv. AZ-Chefredaktor Rolf Cavalli diskutiert mit Fussballreporter Sebastian Wendel.

Was noch bedenklicher ist: Statt sich dem ersten Punktgewinn zu nähern, entfernt sich der FC Aarau immer weiter von einem Erfolgserlebnis. Der Auftritt gegen Chiasso ist der vorläufige Tiefpunkt einer seit dem Startspiel gegen Servette anhaltenden, spielerischen Negativentwicklung.

Rahmen, Walker und Burki treffen sich nach der Partie gegen die Tessiner zur Krisensitzung. Inhalt: Welche Massnahmen werden ergriffen, um den Sturzflug zu stoppen? Wie wird nachgeschminkt? Erkenntnisse: mit Neuverpflichtungen. Und die Disziplinlosigkeiten müssen endlich ein Ende haben.

Die (unvollständige?) Liste der Verfehlungen:

> Einige Male sind Spieler zu spät zum Training erschienen.

> Spieler haben Nachmittage in der Badi verbracht, obwohl das vom Trainerteam um Patrick Rahmen nicht gern gesehen wird.

> Um den verletzten Patrick Rossini entstand ein Tumult in der Badi Suhr, an dessen Ende der Tessiner und seine Familie von der Polizei vom Areal eskortiert wurden.

> Varol Tasar hatte wochenlang den Kopf nicht bei der Sache, weil Superligist Lugano Interesse an ihm zeigte.

> Vor dem Heimspiel gegen Chiasso erschien Stürmer Mickael Almeida zu spät zum Mittagessen und wurde von Rahmen aus der Startelf gestrichen.

Erste Reaktion der sportlichen Führung: Am Dienstag müssen die Spieler um 4 (!) Uhr morgens antraben, ihre Handys abgeben und im Dunkel der Nacht eine Orientierungsübung absolvieren. Dass diese aussergewöhnliche Massnahme bei den Spielern auf wenig Begeisterung trifft, besonders bei jenen mit langem Arbeitsweg, versteht sich von selbst. Ziel der Übung war, dass die Spieler realisieren: «Nur gemeinsam kommen wir aus der Krise.»

Am Donnerstag die erste personelle Korrektur: Petar Aleksandrov übernimmt das Amt des Stürmertrainers. Die Überraschung ist gross, dass der Meisterschütze plötzlich einen Job beim FC Aarau erhält. Denn zwischen dem Bulgaren und den FCA-Verantwortlichen ist es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Sticheleien gekommen, die Fronten waren verhärtet.

Erst der Amtsantritt von Aleksandrov-Spezi Patrick Rahmen (sie arbeiteten 2015 in Biel zusammen) sorgt für Annäherung und letztlich zur Anstellung des Bulgaren. Dieser soll nicht nur die harmlose Offensive beleben, sondern dem Verein auch als eine Art Maskottchen bei der Imagepolitur vor der Stadion-Abstimmung (Februar 2019) dienen.

Ein neuer Spieler hingegen, der die Mannschaft sofort verstärkt, ist am Donnerstagabend, 24 Stunden vor Ablauf der Transferfrist, immer noch nicht da.

Weder Stürmer noch Mittelfeld-Abräumer

Freitag: Die Telefondrähte zwischen Sportchef Burki, Transferkandidaten und deren Klubs glühen. Heraus kommt: Der FCA verpflichtet mit Nicolas Bürgy (leihweise von YB) den vierten Innenverteidiger in der laufenden Transferperiode. Ein Stürmer als Ersatz für den verletzten Marco Schneuwly? Ein Mittelfeld-Abräumer? Fehlanzeige.

Erstaunlich angesichts dessen, dass die Suche nach Verstärkungen auf dieser Position schon lange dauert. Immerhin: Der FCA bleibt sich treu, verpflichtet nicht einen Spieler, um einen verpflichtet zu haben. Trotzdem dürfte Trainer Patrick Rahmen alles andere als erfreut sein über den Fakt, nun doch mit dem Spielermaterial weiterzumachen, das sich in seiner Gesamtheit als mangelhaft herausstellte.

Neuzugang Nr. 11: Nicolas Bürgy.

Neuzugang Nr. 11: Nicolas Bürgy.

Ab sofort sind nur noch Transfers von vertragslosen Spielern möglich – heisst: Trainingsgast Goran Karanovic ist wieder dick im Geschäft für einen Vertrag. Karanovic wird Aarauer, wenn sich beide Parteien finanziell einig werden.

Nächtliche Wachrüttel-Übung gegen die liederliche Einstellung einiger Spieler; das Hoffen auf den «Petar-Effekt»; Innenverteidiger Nummer 4 in der Person von Nicolas Bürgy: Der FC Aarau ist nach dem katastrophalen Saisonstart vor den Spiegel gestanden und hat nachgeschminkt. Bleibt zu hoffen, dass der aufgefrischte Teint dieses Mal länger hält.