Der Abstiegskrimi
Gefühlt war der FC Wohlen bereits abgestiegen – doch am Ende floss im Stadion Niedermatten trotzdem der Champagner

Am 8. Juni 2002 stieg der FC Wohlen in die Nationalliga B (heute Challenge League) auf und verteidigte seinen Platz in der zweithöchsten Spielklasse während 16 Jahren. Finanzielle und infrastrukturelle Probleme führten dazu, dass die Freiämter im Frühling freiwillig absteigen. In einer 17-teiligen Serie blicken wir auf 16 Saisons zurück. Heute: Teil 6 – die Saison 2006/07.

Ruedi Kuhn
Merken
Drucken
Teilen
Im Freudentaumel: Wohlen-Verteidiger Alessio Passerini genehmigt sich nach dem Ligaerhalt einen Schluck Champagner.

Im Freudentaumel: Wohlen-Verteidiger Alessio Passerini genehmigt sich nach dem Ligaerhalt einen Schluck Champagner.

Alexander Wagner

Der 26. Mai 2007, kurz vor 21.30 Uhr: Georges Mack meldet sich zu Wort. «Nach dem 2:1-Sieg des FC Baulmes gegen Locarno und unserer 0:1-Niederlage gegen Delémont ist der Abstieg leider Tatsache», sagt der Speaker des FC Wohlen mit leiser Stimme. Im weiten Rund des Stadions Niedermatten herrscht die totale Niedergeschlagenheit. Ein Grossteil der 2250 Zuschauer ist konsterniert. Die Spieler des FC Wohlen sind frustriert. Die Fans sind enttäuscht, wütend, ja den Tränen nahe. Nach fünfjähriger Zugehörigkeit zur zweithöchsten Spielklasse scheint das sportliche Märchen mit dem FC Wohlen als Hauptdarsteller vorbei zu sein.

Der 26. Mai, 2007, kurz nach 21.30 Uhr:Georges Mack meldet sich erneut zu Wort. Diesmal aber überschlägt sich seine Stimme. «Es ist ein Wahnsinn», schreit ein völlig losgelöster Mack ins Mikrofon. «Der FC Locarno hat in der Nachspielzeit das 2:2 erzielt. Und das nach einem 0:2-Rückstand! Damit steigt Baulmes ab. Und der FC Wohlen bleibt in der Challenge League.»

Eine verrückte Geschichte

Nach den Worten des Speakers brechen in den Niedermatten alle Dämme. Die Stimmung kippt von einem Moment auf den andern. Der Jubel ist grenzenlos. Die Spieler liegen sich in den Armen. Plötzlich haben sich alle wieder ganz lieb. Der Fussball schreibt eine seiner verrücktestenGeschichten. Für einige Minuten wähnten sich die Spieler in der 1. Liga. Dann geschieht Wundersames. Locarnos Mittelstürmer Dante Adrian Senger kam, sah und traf. Sein Tor zum 2:2 in der 92. Minute war die späte Rettung für den FC Wohlen.

Das Pikante an der Sache: Obwohl es für Locarno in Baulmes sportlich um nichts mehr ging, kämpften die Tessiner bis zum Schlusspfiff um den Ausgleichstreffer. Das ist wohl auch der Grund, warum sich nach den beiden entscheidenden Spielen in Baulmes und in Wohlen hartnäckig das Gerücht hielt, dass ein Donatordes Freiämter Challenge-Ligisten Locarno im Vorfeld 10 000 Franken für eine eventuelle Schützenhilfe angeboten habe. Floss damals tatsächlich Geld vom Freiamt ins Tessin?

Passerini: «Ein emotionaler Augenblick»

«Nach dem Schlusspfiff sass ich mit Alain Schultz am Spielfeldrand. Wir sprachen kein Wort miteinander und liessen einfach nur die Köpfe hängen. Wir konnten nicht glauben, was passiert war. Der Frust war riesig. Dann kam die frohe Botschaft aus Baulmes mit dem Ausgleichstreffer von Locarno. Nach zwei, drei Minuten abgrundtiefer Enttäuschung folgte die totale Euphorie. Es war ein emotionaler Augenblick. Das Stadion Niedermatten in Wohlen wurde innert kürzester Zeit zu einem Tollhaus, zu einer einzigen Fest-Wirtschaft. Spieler, Funktionäre und Fans machten die Nacht zum Tag. Ich freute mich vor allem für meine Teamkollegen, aber auch für die Verantwortlichen des FC Wohlen. Den Tag des Abstiegsdramas werde ich nie vergessen. Aber noch viel intensiver, viel schöner und viel spektakulärer war der 8. Juni 2002. An diesem Samstag schafften wir dank einem 0:0 gegen den FC Schaffhausen den Aufstieg in die Nationalliga B. Und zwar aus eigener Kraft! Es war mit Abstand das schönste Erlebnis in meiner 13-jährigen Karriere von 1994 bis 2007 mit dem FC Wohlen.»

Die Verantwortlichen des FC Wohlen kümmerten sich nicht um diese Gerüchte. Ihnen waren solche Räubergeschichten egal. Sie feierten den Nichtabstieg. Einer war trotz des späten Glücks nicht zufrieden: Trainer René van Eck! Für den streitbaren Holländer war schon vor dem Hitchcock-Finale im Abstiegskampf klar, dass er den FC Wohlen verlassen wird. Van Eck macht für seinen Abgang unüberbrückbare Differenzen mit dem Vorstand im Allgemeinen und mit Ehrenpräsident René Meier im Speziellen geltend. «Die interne Kritik einer Person an meiner Mannschaft im Matchblatt wollte ich nicht auf mir sitzen lassen», sagte van Eck damals. «Unter diesen Voraussetzungen konnte ich nicht weiterarbeiten.»

Van Eck verliess den FC Wohlen durch die Hintertüre – und wer kehrte zurück? Natürlich Martin Rueda! Er führte die Mannschaft auf die Erfolgsstrasse. Rueda stieg mit den Freiämtern in der Startphase der Saison 2007/08 auf den Leader-Thron und erreichte Ende Saison mit Rang vier das zweitbeste Resultat in der 16-jährigen Geschichte des Klubs in der Challenge League. Aber bevor ich über die grossartige Saison 2007/08 mit dem Dauerbrenner und Erfolgstrainer Martin Rueda in der Hauptrolle berichte, blickt Verteidiger Alessio Passerini noch einmal auf die hektische, ja dramatische Schlussphase der Saison 2006/07 zurück. Er war mittendrin im Abstiegskrimi und erlebte ein veritables Wechselbad der Gefühle.