Noch immer führt der FC Aarau die U21-Trophy der Challenge League an. Die Rangliste, in der nicht Resultate, sondern die Anzahl eingesetzter Spieler unter 21 Jahren zählt. Und dies, obwohl der Trainer seit der Zuspitzung der Krise mehr auf ältere und erfahrene Kräfte setzt.

Abstiegskampf statt Sturm auf die Tabellenspitze: Für die Entscheidung, auf junge Eigengewächse und Leihspieler aus den Nachwuchsabteilungen von Super-League-Klubs zu setzen, zahlen FCA-Sportchef Sandro Burki und sein Trainer Patrick Rahmen einen hohen Preis. Geblendet von den Spielen im Frühling und der starken Saison-Vorbereitung kam es zu einer verheerenden Fehleinschätzung bei der Beurteilung der jungen Spieler. Nicht, was ihr Talent angeht, Fussball spielen können sie alle.

Die Fehleinschätzung betraf ihre mentale Widerstandsfähigkeit und ihre Berufseinstellung. Im Brügglifeld sind die Erwartungshaltung und der Druck auf die Spieler um ein Vielfaches grösser als in Wil, Rapperswil oder Kriens. Dort, wo die Zuschauerzahlen um die 1000er-Grenze mäandern und die Talente abseits des öffentlichen Interesses gedeihen.

Und um diese Spieler geht es: Raoul Giger (20). Mats Hammerich (20). Varol Tasar (21). Mickael Almeida (19). Martin Liechti (20). Gezim Pepsi (20). Edmond Ramadani (20).

Talentfreie Doppelgänger

Die Aarauer Eigengewächse Giger, Hammerich und Tasar wurden im Frühling zu Stammspielern. Sie spielten gut, doch ein «Aber» ist zwingend: Denn der sportliche Wert der Rückrunde der Saison 2017/18 war gleich null, nachdem Xamax und Wohlen schon im Winter als Aufsteiger bzw. Absteiger feststanden. Auch in der Vorbereitung für die laufende Saison gefiel das Trio. Doch nach den ersten zwei Niederlagen gegen Servette und Winterthur glaubte man, es irren die talentfreien Doppelgänger von Hammerich, Giger und Tasar über den Platz.

Sie zerbrachen schnell an den Rückschlägen und am steigenden Druck. Einzig Tasar ist seither wieder aus dem Formloch gekrochen. Rahmen sagt: «Der Frühling war lukrativ für die Jungen: Viel Spielzeit, wenig Druck. Das hat Begehrlichkeiten geweckt und der eine oder andere hat sich weiter in seiner Entwicklung eingeschätzt, als er tatsächlich ist. Auch wir von der sportlichen Führung haben einigen der Jungen wohl schon zu viel zugetraut.»

Einen anderen Hintergrund haben Almeida, Liechti, Pepsi, und Ramadani. Ausgebildet im Nachwuchs der Super-League-Klubs Sion, Basel und GC, sollen sie sich in Aarau an den Erwachsenenfussball gewöhnen. Doch der Sprung von den Junioren in den Profifussball ist grösser als alle anderen zuvor. Hier zählen erst die Resultate und dann die Entwicklung des Einzelnen. Auch für die Leihspieler gilt: Sie haben es sich einfacher vorgestellt und sie wurden von der sportlichen Leitung überschätzt. Dazu kommt: Die Leihspieler kratzt das Schicksal des FC Aarau nicht, sie kehren Ende Saison ja ins heimische Nest zurück. Entsprechend ihre Körpersprache. Ob sie realisieren, dass sie mit dieser Einstellung primär sich selber schaden?

Ausnehmen von der Kritik muss man den von den Young Boys ausgeliehenen Linus Obexer (21): Er weiss, wie man in der Challenge League spielen muss: schnörkellos. Und er denkt weiter: «Alles für den FC Aarau zu geben, hilft genauso mir!»

Primär schaden sie sich selber

Die Fehleinschätzung der Jungen fällt umso mehr ins Gewicht, weil sich bislang auch die Verpflichtungen von Marco Schneuwly, Elsad Zverotic, Nicolas Schindelholz und Goran Karanovic nicht ausbezahlt haben. Für die Königstransfers ging das durch die vielen Leihtransfers gesparte Geld drauf. Der Plan: Die Routiniers sollten stabile Achse und Stütze für die Jungen zugleich sein. Doch der geht nicht auf, weil sich unter den Königstransfers kein Mittelfeld-Abräumer findet und weil die Alten wie die Jungen am Druck zerbrechen oder verletzt sind.

«Die Spieler, die gut auf die Krise reagiert haben, sind nun demütiger und schätzen ihre und die Situation des FC Aarau realistisch ein», sagt Rahmen, «für die jungen Spieler ist es eine schwierige Phase. Aber mal so richtig durchgeschüttelt zu werden, kann hilfreich sein für die Zukunft. Wer den Widerständen trotzt, ist mental bereit für das Profigeschäft.»