FC Aarau
Frontalangriff auf Geissberger: Vizepräsident als Sündenbock für die Misere

Der FC Aarau steckt tief in der Krise. Nach fünf Spielen stehen erst zwei Punkte zu Buche. Am Sonntag, beim Heimspiel gegen den FC Vaduz, lassen einige Hardcore-Fans ihrem Frust freien Lauf. Die Gruppe rollte im Stadion Brügglifeld ein Transparent mit der Aufschrift «Geissberger raus» auf. «Das tut sehr weg», sagt der kritisierte FCA-Vizepräsident.

Ruedi Kuhn
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Deutliche Worte: Für den harten Kern der Aarau-Fans ist klar, wer an der aktuellen Misere schuld ist.

Deutliche Worte: Für den harten Kern der Aarau-Fans ist klar, wer an der aktuellen Misere schuld ist.

Freshfocus

Der FC Aarau sucht den Weg aus der Negativspirale. Aber selbst die letzte Aktion mit der Absetzung von Sportchef Raimondo Ponte verpufft. Stattdessen fallen die Aarauer immer tiefer. Die 0:2-Niederlage im Heimspiel gegen Vaduz am Sonntag und der verpatzte Saisonstart mit nur zwei Punkten aus fünf Spielen sorgen nicht nur für Ratlosigkeit, sondern für Missstimmung. Nicht nur: Die miserablen Leistungen der Mannschaft mit dem blamablen Cup-Aus beim 1.-Ligisten Echallens (1:2) lösen Enttäuschung, Frust und Wut aus.

90 Minuten im Blickfeld

So liessen einige Hardcore-Fans des FC Aarau ihrem Ärger während der Partie gegen Vaduz freien Lauf. Die Gruppe rollte auf der Gegengeraden des Stadions Brügglifeld ein Transparent mit der Aufschrift «Geissberger raus» aus. Beim Schlusspfiff waren auch noch zwei Stinkefinger zu sehen. Mit Geissberger ist Aaraus Vizepräsident gemeint. Er sass auf der Haupttribüne und hatte das Plakat während der 90 Minuten im Blickfeld. Eine bittere Pille! «Ich habe die Kritik der Fans erwartet», sagt er. «Schliesslich bin ich vierzig Jahre im Geschäft mit dabei, kenne also die Mechanismen im Profifussball. Trotzdem tut die Aufschrift auf dem Plakat gegen meine Person sehr weh.»

Steven Deana: Note 4 Hielt, was er halten musste. Was er nicht hielt, musste er nicht halten.
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Pascal Thrier: Note 3 Spulte sein Programm ab, mehr nicht. In der zweiten Halbzeit wie alle Spieler sehr fehleranfällig und ideenlos.
Marco Thaler: Note 4 Rettete zwei Mal auf der Linie und verhinderte so weitere Vaduzer-Tore. Spielerisch konnte er nichts bewirken, auch weil die Anspielstationen nicht existierten.
Juan Pablo Garat: keine Note Musste in der 20. Minute mit einer Oberschenkel-Verletzung vom Platz. Zu kurz im Einsatz für eine Bewertung.
Michaël Perrier: Note 3 Bemüht wie immer, aber gelingen wollte ihm gar nichts. Einer seiner schwächsten Auftritte im FCA-Dress.
Petar Misic: Note 4,5 War eine Stunde lang ein Aktivposten, bis er unglücklich mit einem Vaduzer zusammenstiess und sich das Knie verdrehte. Wahrscheinliche Diagnose: Kreuzbandriss.
Michael Siegfried: Note 3,5 Musste nach Garats Out in die Innenverteidigung und blieb dort nach einigen Wacklern zu Beginn einigermassen stabil.
Olivier Jäckle: Note 2,5 Zu Beginn der ersten Halbzeit gelang ihm der eine oder andere gute Pass. Nach der Pause ein Ärgernis. Er scheint am Druck zu zerbrechen…
Zoran Josipovic: Note 2,5 Hat am Ball viel drauf, spielt aber wie in der Badi. Könnte so wertvoll sein, wann realisiert er das?
Alessandro Ciarrocchi: Note 2,5 Das Bemühen kann man ihm nicht absprechen, aber der Stürmer ist völlig verunsichert. Oder es fehlt ihm ganz einfach an der nötigen Klasse. Legt vor dem 0:1 Torschütze Konrad den Ball pfannenfertig auf.
Patrick Rossini: Note 3,5 Spielerisch besser als auch schon, nahm mehr am Geschehen teil. Schöner Freistoss, der an den Pfosten knallte. Liefe es dem FC Aarau gut, wäre dieser Ball reingegangen.
Mats Hammerich: Note 4 Kam in der 20. Minute für den verletzten Garat. Im Zentrum bemüht, aber immer wieder auch überhastet. Hat zu wenig Erfahrung, um die Mannschaft aus der Krise zu führen.
Léo Itaperuna: Note 3,5 Kam in der 62. Minute für Misic. Setzt sich mit Dribblings zwei, drei Mal in Szene, letztlich aber ohne Durchschlagskraft.
Varol Tasar: keine Note Kam in der 75. Minute für Ciarrocchi. Wie Itaperuna wirbelte er, kämpfte auch, aber eben… Zu kurz im Einsatz für eine Bewertung

Steven Deana: Note 4 Hielt, was er halten musste. Was er nicht hielt, musste er nicht halten.

Zur Verfügung gestellt

So weh, dass Geissberger am liebsten den Bettel hinschmeissen würde? Ist der Vizepräsident auf dem Absprung aus dem Verwaltungsrat? Hat er genug? Stellt man sich in solch schwierigen Zeiten nicht die Sinnfrage? «Nein», sagt er. «Natürlich bin ich enttäuscht, ja sogar frustriert. Es ist klar, dass ich mir den Start in die Saison anders vorgestellt habe. Schliesslich war ein Platz im ersten Drittel der Tabelle das erklärte Ziel der Führungscrew. Ich werde aber weiter kämpfen und meine ganze Kraft auch in Zukunft zum Wohl des FC Aarau einsetzen.»

Kein Zweifel; der FC Aarau steckt in einer Krise. Kritiken an Trainern und an Spielern waren in der Vergangenheit an der Tagesordnung. Kritiken gab es auch an den früheren Sportchefs Fritz Hächler, Urs Bachmann und zuletzt Raimondo Ponte, die mangels Erfolgen alle entlassen wurden. Dass aber Präsidenten und Vizepräsidenten zu Zielscheiben von Giftpfeilen werden, ist selten.

Zuletzt war das bei Präsident Christian Stebler der Fall, der bei den FCA-Anhängern nach der verkorksten Meisterschaft 2006/07 in Ungnade fiel, aufs Heftigste kritisiert, ja sogar angepöbelt wurde. Die Folge: Stebler trat im Juni 2007 zurück. Und nun also wird Roger Geissberger von FCA-Fans an den Pranger gestellt. Die Plakat-Attacke auf den Vizepräsidenten ist verwerflich, weil sie klar unter die Gürtellinie zielt. Natürlich machten Geissberger und der inzwischen entlassene Ponte bei der Zusammenstellung des Kaders im Hinblick auf diese Saison keine allzu glückliche Figur. Das aber rechtfertigt noch lange nicht einen Frontalangriff gegen eine Person, die während elf Jahren ehrenamtlich für den FC Aarau tätig war, in dieser Zeit wertvolle Dienste geleistet hat und zudem noch als finanzkräftiger Sponsor auftrat.

«Der FC Aarau ist am Tiefpunkt angelangt», sagte Sandro Burki Ende vergangene Woche in einem Interview mit der «Schweiz am Wochenende». Das war allerdings vor dem 0:2 gegen Vaduz. Wohin führt die sportliche Talfahrt tatsächlich? Am nächsten Freitag gastiert Aarau in Genf und trifft auf Servette. Die Vorzeichen dieser Partie sind schlecht. Alles andere als die vierte Niederlage im sechsten Spiel der Saison wäre eine Überraschung. Nach dem Servette-Spiel ist die Schonfrist für Trainer Marinko Jurendic und seine Mannschaft abgelaufen. Dann folgt nach der zweiwöchigen Nationalmannschafts-Pause das Derby gegen den FC Wohlen. Im Brügglifeld! Da muss ein Sieg her: Um jeden Preis!