Das Gespür für Schnee verschwindet nicht. Zumindest nicht, wenn man mit so viel Talent auf der weissen Unterlage gesegnet ist wie Berenice Wicki. Die 15-jährige Snowboarderin aus Ennetbaden ist amtierende Junioren-Weltmeisterin in der Halfpipe, hat bei ihrem Sieg 2017 an den Titelkämpfen in Laax auch deutliche ältere Athletinnen hinter sich gelassen.

Derzeit ist die Aargauerin besonders darauf angewiesen, dass sie sich auf ihr Gefühl verlassen kann. Aus zwei Gründen. Zum einen steht mitten im Spätsommer die Titelverteidigung auf dem Programm. Dafür reiste Berenice Wicki am 4. August ans andere Ende der Welt in den neuseeländischen Winter. Definitiv ein Kaltstart in die Saison. Vier Trainingswochen auf Schnee am WM-Ort Cardrona müssen reichen, um die Sicherheit in ihren Moves in der Halfpipe wieder zu erlangen.

Kraftraum statt Snowboard-Künste

Für die Schülerin des Sportgymnasiums Davos ist die Expedition zur Titelverteidigung erst recht eine Reise ins Ungewisse. Ihre Rückenprobleme zum Ende des Winters stellten sich als angeborener Gleitwirbel heraus. Dabei handelt es sich um eine Instabilität der Wirbelsäule im Lendenbereich. Kräftigung der Rumpfmuskulatur im Kraftraum anstatt Snowboard-Künste auf dem Gletscher hiess es zur Therapie seither für Wicki.

Trotz der Fragezeichen zeigt sich die 15-Jährige vor der WM zuversichtlich: «Ich freue mich sehr auf den Anlass.» Dabei setzt sie sich nicht in erster Linie die Titelverteidigung zum Ziel. Da sie doch relativ lange ausser Gefecht gewesen sei, habe die erste Priorität, eine Leistung abzurufen, mit welcher sie zufrieden sein könne. «Ich will im Ziel sagen können, ich habe das Bestmögliche herausgeholt.»

Berenice Wicki wurde 2017 Junioren-Weltmeisterin in der Halfpipe.

  

Die Ferien verdoppelt

Rangziele sind bei den Junioren auch deshalb schwierig, weil jedes Jahr wieder neue Fahrerinnen auftauchen, über deren Leistungsvermögen man nicht viel weiss. Aber natürlich hat man als Titelverteidigerin gewisse Ansprüche. «Ich würde schon gerne gewinnen», sagt Wicki. Dafür hat sie ihren Weltmeister-Run vom Vorjahr mit einigen neuen Elementen angereichert. Zumindest in der Theorie. Was genau davon sie in Neuseeland wird zeigen können, weiss die Aargauerin erst nach den letzten Schneetrainings. Zuerst geht es darum, das Vertrauen auf dem Brett wieder zu fassen.

Die Reise ans andere Ende der Welt verdoppelt übrigens die fünfwöchigen Sommerferien im Sportgymnasium in Davos. Seit drei Jahren lebt und trainiert sie bereits im Bündner Kurort. Der Entscheid zum Umzug in die Berge war gleichzeitig der Moment, in welchem aus dem coolen Hobby Snowboard mehr wurde. «Ich wusste, welch grosser Schritt dieser Entscheid bedeutete», sagt Wicki, «aber mir wurde in diesem Zeitpunkt auch klar, dass Snowboard die Sache ist, die ich wirklich machen will.»

Traum von Olympischen Spielen

Trotz der Distanz zur Familie fühlt sie sich in Davos wohl. «Ich habe dort viel mehr Trainingsmöglichkeiten und Zeitfenster für das Training als in einer normalen Schule», sagt sie. Nach zwei Jahren Talentklasse startet im Anschluss an die Rückkehr aus Neuseeland für sie das erste Kanti-Jahr mit Schwerpunkt Wirtschaft. Neben Wintersportlern gibt es auch Golf- und Tennisspieler in ihrer Schule.

Wettkampfmässig weiter geht es für Berenice Wicki nach den Weltmeisterschaften erst wieder Anfang Dezember. Sie kann noch weitere drei Jahre beim Nachwuchs fahren. Wie so viele Sportler träumt aber auch die Aargauerin von den olympischen Ringen. Im Winter 2020 findet die Jugend-Olympiade in Lausanne und dem Wallis statt. Im Kopf hat sie auch bereits die Olympischen Spiele 2022 in Peking. «Es wäre cool, wenn ich dort dabei sein könnte», sagt Wicki. Forcieren muss sie ihre sportlichen Träume mit 15 Jahren allerdings nicht. Denn die Aargauerin hat alle Zeit der Welt, um es vom Ausnahmetalent auch an die Spitze der Elite zu schaffen. Den Willen und Ehrgeiz dazu bringt sie mit. Nun muss sie nur noch das Glück und die Gesundheit auf ihrer Seite haben.