Bramois, Grand-Saconnex und Portalban – wer kein wandelndes Lexikon der Schweizer Geografie ist, der muss die Gegner der Aargauer Amateurklubs im Schweizer Cup lange im welschen Teil der Landkarte suchen. So auch die Verantwortlichen des FC Klingnau (gegen Bramois), des FC Muri (Grand-Saconnex) und des FC Wohlen (Portalban): Der Traum vom Fussballfest im heimischen Stadion mit prominentem Gegner platzte an der Auslosung Ende Mai. Der Zweitligist Klingnau hat wenigstens Heimrecht und bleibt von der strapaziösen Reise ins Wallis verschont, während es für die Freiämter Klubs nach dem Wochenende heissen könnte: ausser Spesen nichts gewesen.

Auf den ersten Blick steht die erste Cuprunde aus Aargauer Sicht unter keinem guten Stern. Doch es gibt auch die andere Sichtweise. Da wäre zum einen die sportliche Ausgangslage: Die Gegner des Aargauer Amateurtrios versprühen zwar so viel Charme wie ein Industriegebiet, sind aber in der gleichen (Bramois) oder in tieferen Ligen daheim. Klingnau-Präsident Roger Meier spricht stellvertretend für alle Aargauer Klubs: «Eine Niederlage wäre eine Enttäuschung. Das Ziel ist die Qualifikation für die nächste Runde.» In dieser soll dann die Losfee ein Herz mit dem Aargau haben.

FC Klingnau Präsident Roger Meier sagt: «Eine Niederlage wäre eine Enttäuschung. Das Ziel ist die Qualifikation für die nächste Runde.»

    

Aber was heisst Losglück? Ein Spiel gegen den FC Basel, GC oder den FC Zürich? Nein, Losglück wäre für Klingnau-Präsident Roger Meier ein Heimspiel gegen den FC Aarau. «Das wäre ein Kantonsderby und dazu wäre das finanzielle Risiko überschaubar.» Ein Loch in der Kasse hallt länger nach als die tollen Bilder des Cupduells gegen einen der ganz Grossen.

In mehreren Fällen Abtausch des Heimrechts

Rückblick: Vor einem Jahr zieht der FC Baden in der ersten Cuprunde mit dem FC Zürich scheinbar das grosse Los. Doch der Klub erwägt im Vorfeld ernsthaft, das Spiel abzusagen. Wegen der hohen Auflagen seitens des Schweizerischen Fussballverbands und Gesamtkosten in sechsstelliger Höhe. Im Kanton Aargau müssen die ausrichtenden Vereine einen Grossteil der Polizeikosten aus der eigenen Tasche bezahlen. In mehreren Kantonen mit dieser Gesetzeslage kam es in den vergangenen Jahren zum Abtausch des Heimrechts, wenn Amateure auf einen Profiklub mit vielen Fans im Schlepptau treffen.

Da hat es der Zweitligist FC Montlingen, der am Samstagabend den FC Basel empfängt, gut: Weil im Kanton St. Gallen gemäss «Tagblatt» die Gesetze anders sind und nicht der FC Montlingen das massive Polizeiaufgebot berappen muss, war für den Kleinklub ein Abtausch des Heimrechts oder die Verlegung des Spiels in ein moderneres Stadion kein Thema. Mehr noch: Das Schweizer Fernsehen überträgt Montlingen - Basel live und spielt dem Zuschauer so das Cup-Ideal «David gegen Goliath neben der Kuhwiese» vor.

Kundenanlass vom Cupsponsor

Zurück in den Aargau. In Klingnau wird die erste Cuprunde praktisch unbemerkt von der Öffentlichkeit über die Bühne gehen. Präsident Meier hofft am Sonntag auf 400 zahlende Zuschauer, realistisch gesehen gehe er von der Hälfte aus, weniger würden ihn nicht überraschen. Im Vorverkauf kosten die Tickets 7.60 Franken – macht hochgerechnet auf 200 Zuschauer 1520 Franken Ticketeinnahmen.

FC Klingnau Präsident Roger Meier sagt: «Vom Aufwand und von den Emotionen her ist das Spiel für uns wie ein Meisterschaftsspiel.»

  

Der Ertrag aus den zwei Wurst- und Bierständen ist vernachlässigbar. Vom Cup-Titelsponsor «Helvetia Versicherungen» gibt’s 3000 Franken Startprämie. Von diesen 4500 Franken muss das Schiedsrichter-Trio, das aus dem Tessin anreist, bezahlt werden. Der Rest geht für sonstige Aufwände drauf. «Vom Aufwand und von den Emotionen her ist das Spiel für uns wie ein Meisterschaftsspiel», sagt Meier. Einzige Unterschiede: Zwei Tage vor dem Spiel hat eine Firma die wegen der Zentralvermarktung vom Schweizerischen Fussballverband vorgeschriebene Bandenwerbung installiert. Und die in der Nähe liegenden Regionalbüros der «Helvetia» nützen das Cupspiel in Klingnau für einen kleinen Kundenanlass.

Fluch oder Segen? Das zeigt sich erst im Nachhinein

Cupfieber ist auch beim FC Wohlen nicht spürbar. Nach dem gemeinsamen Mittagessen im Stadion Niedermatten startet die eineinhalbstündige Fahrt nach Portalban, das in der Nähe von Yverdon liegt «Wir wollen weiterkommen. Aber primär wollen wir Moral tanken für die wichtigen Spiele in der Meisterschaft, die danach kommen. Wir haben ein zusammengewürfeltes Team, das muss sich finden, dafür ist der Match willkommen», sagt Sportchef Adrian Meyer. Noch länger dauert die Anreise für den FC Muri – der Genfer Vorort Grand-Saconnex liegt am südwestlichsten Zipfel des Lac Léman.

Die erste Cuprunde aus Sicht der Aargauer Amateurklubs – Fluch oder Segen? Das zeigt sich erst im Nachhinein. Fluch, wenn man gegen den als schwächer eingestuften Gegner ausscheidet und der Aufwand und die Reiserei für nichts war. Segen, wenn die Qualifikation für die zweite Runde gelingt und dort den Aargauern das Losglück hold ist.